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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Merkaptān; Merkel

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Merkaptan - Merkel.

tischen und wirtschaftlichen Zuständen begründet. Die Bevölkerung war in mehreren Ländern unter anderm durch lang dauernde Kriege stark zusammengeschrumpft, während das System der stehenden Heere eine Zunahme als sehr wünschenswert erscheinen ließ. Da die europäischen Bergwerke keine hohe Ausbeute an edlem Metall versprachen und letzteres bei ungünstigem Stande des internationalen Handels leicht in das Ausland abfließen konnte, so sollte für eine richtige Regelung der Handelsbilanz (s. d.), d. h. dafür gesorgt werden, daß die Einfuhr an Waren kleiner werde als die Ausfuhr, mithin das Inland einen Überschuß an Geld empfange. Da aber "von den Kaufleuten die Hilfe vergebens zu erwarten" sei, so werden Zölle als "Zaum" empfohlen, wodurch "eine weise Regierung die Kommerzien nach ihren Absichten und der wahren Wohlfahrt des Landes lenken" könne. Die Einfuhr von fertigen Produkten sollte möglichst beschränkt werden, zumal wenn dieselben im Inland selbst erzeugt werden könnten. Insbesondere bekämpfen viele deutsche Schriftsteller in patriotischem Eifer die Einfuhr von französischen und welschen Waren, von denen wir viele "auf unserm eignen Boden bauen und erziehen könnten, wenngleich etwas mehr Fleiß und Arbeit dazu gehören sollte". Auch solle man "eine Zeitlang mit eignem Gut und Manufakturen, so schlecht sie auch anfangs immer sein mögen, vorlieb nehmen". Sobald nur ein sicherer Gewinn in Aussicht stehe, werde auch die Produktion sich bessern und monopolistische Preise würden durch Maßnahmen der Obrigkeit und Konkurrenz verhütet. Vorzüglich aber wird den entbehrlichen Modewaren der Krieg erklärt, deren Verbrauch ohnedies oft der Gesundheit schädlich sei. Dagegen wird die Einfuhr von Rohstoffen, zumal wenn die daraus hergestellten fertigen Produkte wieder außer Landes gebracht werden, begünstigt. Lieber aber ist es dem Merkantilisten, wenn auch die Rohstoffe im Inland erzeugt werden, weil letzteres von andern Staaten dann nicht "dependiere". Während die Ausfuhr von solchen Rohstoffen möglichst beschränkt werden soll, will man die von fertigen Produkten durch mancherlei Mittel befördert wissen, wie durch Gewährung von Privilegien, Steuerfreiheit, Prämien, Ermäßigung der Herstellungskosten (billiges Holz aus Staatswäldern, staatliche Festsetzung einer höchsten Grenze für die Preise von Lebensmitteln, für Arbeitslöhne etc.). Ein Hauptaugenmerk wird deshalb denjenigen Industrien zu teil, welche Erzeugnisse für die Ausfuhr liefern, wie denn auch Colbert dieseben ^[richtig: dieselben] vorzüglich gepflegt hat. Für Hebung der Industrie soll durch Ausbildung tüchtiger Arbeitskräfte sowie auch durch Heranziehung fremder gesorgt werden, denen aber "dann nicht zu verstatten, daß sie nach einer sechs- oder siebenjährigen Frist mit dem erworbenen Geld wieder aus dem Land gehen". Im Interesse von Industrie und Handel soll eine mitunter sehr ins einzelne gehende und beengende Kontrolle über Manufaktur und Fabrikation ausgeübt werden (Colberts Tarif von 1666). Man empfiehlt ferner Gewährung von Handelserleichterungen, einer prompten, billigen Justiz, Anlegung und Forderung von Messen, Märkten, Verkaufsmagazinen und Verkehrsmitteln, Sicherung von gutem Geld, richtigem Maß und Gewicht u. dgl. Zur Erweiterung des Absatzgebiets für die heimische Produktion und zur Sicherung eines billigen Bezugs unentbehrlicher fremder Waren sollen die Abschließung günstiger Handelsverträge, Gründung von Handelskompanien, Anlegung von Kolonien und Beförderung der nationalen Schiffahrt durch Bevorzugung der Schiffe des eignen Landes dienen.

Ein Hauptfehler der Merkantilisten war, daß sie die Gesetze der Verteilung verkannten, indem sie sich meist auf den einseitigen Standpunkt eines einzelnen Industriezweigs stellten, daß sie die Produktionskosten unrichtig berechneten, indem sie die anderweite Verwendbarkeit nutzbarer Kapital- und Arbeitskräfte außer acht ließen und dadurch einen falschen Maßstab zur Beurteilung der Wirtschaftlichkeit sich bildeten. Dem Staat wurden viel zu weit gehende Aufgaben zugemutet, da von ihm eine detaillierte Leitung von Produktion und Handel erwartet wurde. Manche wohlgemeinte Anordnung hat, statt förderlich, auf die Industrie lähmend eingewirkt, wie denn das bekannte Reglement Colberts von 1666 in vielen Beziehungen allzu beschränkend war. Übrigens hatten auch viele gemäßigte Merkantilisten es sich zur Aufgabe gemacht, extreme Forderungen zu bekämpfen; sie machten in ihrer Handelsbilanztheorie mancherlei Zugeständnisse im Interesse von Konsumenten und andern durch merkantilistische Schroffheit bedrohten Zweigen der Rohstoffgewinnung und der Industrie. Auch wurde der Befürchtung Raum gegeben, es möchten zu weit gehende Privilegien den Schlendrian begünstigen etc. Das M. wurde mit Erfolg von den Physiokraten (Ad. Smith) und der von ihnen angebahnten nationalökonomischen Richtung bekämpft. In der Praxis waren es vorzüglich die französische Revolution, die Dampfkraft und die Verbesserung der Verkehrsmittel, welchen viele merkantilistische Einrichtungen und Ideen weichen mußten.

Merkaptān (Äthylsulfhydrat) C2H6S ^[C_{2}H_{6}S] entsteht bei der Destillation von äthylschwefelsaurem Kali mit Kaliumsulfhydrat und bildet eine farblose, leicht bewegliche Flüssigkeit vom spez. Gew. 0,831, welche höchst penetrant stinkt, lauchartig schmeckt, bei 36° siedet, äußerst lebhaft verdunstet, in Wasser wenig, in Alkohol und Äther sich leicht löst, leicht entzündlich ist und mit Quecksilber eine farblose kristallinische Verbindung, Quecksilbermerkaptid, bildet. Ähnliche Sulfhydrate (Merkaptane) kann man auch aus andern Alkoholen erhalten.

Merkel, 1) Garlieb, Schriftsteller, geb. 31. Okt. 1769 auf dem Pastorat Loddiger in Livland, bildete sich meist autodidaktisch, kam 1792 nach Riga, trieb dann anfangs medizinische, später staats- und schönwissenschaftliche Studien in Leipzig und Jena und ließ sich 1797 in Weimar nieder, wo er viel in Herders Haus verkehrte. Nach vorübergehender Stellung als Sekretär des Ministers Schimmelmann in Kopenhagen wandte er sich 1799 nach Berlin, wo er 1803 die Wochenschrift "Ernst und Scherz" gründete, die, bald darauf mit Kotzebues "Freimütigem" vereinigt, bis Oktober 1806 erschien und in heftigster Weise gegen Napoleon und die Rheinbündler polemisierte. Beim Einbruch der Franzosen flüchtete er in seine Heimat, kehrte zwar 1816 nach Berlin zurück, wandte sich aber nach kurzem Aufenthalt abermals nach Livland, wo er noch viele Jahre hindurch publizistisch thätig war und 9. Mai 1850 in der Nähe von Riga starb. M. hat sich besonders als erbitterter Gegner Goethes und der Romantiker bekannt gemacht und dieser Gesinnung in seinen Schriften, namentlich in den "Briefen an ein Frauenzimmer über die neuesten Produkte der schönen Litteratur in Deutschland" (Berl. 1800-1803, 26 Hefte) sowie im "Freimütigen" und in andern Zeitschriften, in oft niedriger und gehässiger Weise Ausdruck gegeben. Von seinen übrigen Schriften sind zu erwähnen: "Die Letten, vorzüglich in Livland am Ende des