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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Mißbrauch; Mißbrauch der Amtsgewalt; Mißgeburt; Mißhandlung; Mißheirat; Missilĭen; Missĭon

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Mißbrauch - Mission.

und aus der Wissenschaft in die Märchenwelt übergegangen. Über die direkten Entstehungsursachen der Mißbildungen herrscht seit der Verbreitung der Darwinschen Deszendenzlehre in manchen Kapiteln große Uneinigkeit zwischen den beiden Parteien, deren eine (die ältere) die Mißbildungen aus Erkrankungen des Keims ableitet, deren andre sie auf Atavismus bezieht und als Rückschlagsbildungen auf frühere Stammformen des Menschengeschlechts hinstellt (vgl. Mikrokephalie). Zur Zeit ist den Anhängern der Rückschlagstheorie noch an keiner Stelle der unwiderlegbare Nachweis gelungen, während die Deutung der Mißbildungen als pathologischer Abweichungen vom physiologischen Bildungsgesetz für die Mehrzahl der bekanntern Formen schlagend dargelegt werden kann. Von den indirekten Ursachen solcher Keimerkrankungen wissen wir nur, daß sie durch Stoß, Fall oder Schlag auf den Fruchthalter einer Schwangern entstehen können, und ferner, daß die Disposition zu fehlerhaften Entwickelungen oftmals erblich ist. Alle im Volk so weit verbreiteten Legenden über den Einfluß psychischer Affekte der Schwangern auf die Kindesentwickelung, namentlich das Versehen, gehören in das Gebiet der Fabeln; sie haben sich zu einem festen Aberglauben gekräftigt zu einer Zeit, in welcher die Vertreter der Wissenschaft selbst mit erregbarer Vorstellungsgabe in den Formen der Monstra die Ähnlichkeit mit den schreckenerregenden Tieren, Feuern etc. anerkannten. Vgl. Bischof, Entwickelungsgeschichte mit besonderer Berücksichtigung der Mißbildungen (in R. Wagners "Handwörterbuch der Physiologie", Bd. 1, Braunschw. 1842); Förster, Die Mißbildungen des Menschen (Jena 1861); Panum, Untersuchungen über die Entstehung der Mißbildungen zunächst in den Eiern der Vögel (Berl. 1860); Derselbe (in Virchows "Archiv", Bd. 72); Gurlt, Über tierische Mißbildungen (Berl. 1876); Dareste, Recherches sur la production artificielle des monstruosités (Par. 1877); Ahlfeld, Die Mißbildungen des Menschen (Leipz. 1880-82, mit Atlas.).

[Mißbildungen im Pflanzenreich.] In der Botanik heißen Mißbildungen alle Abweichungen in der äußern Gestaltung der Organe einer Pflanze von der der Spezies eignen Erscheinung. Es ist, zumal bei Kulturpflanzen, oft schwer, eine Grenze zwischen Mißbildungen und Varietäten (s. d.) zuziehen, weil derartige Abweichungen bisweilen Zweck der Kultur und durch dieselbe erblich gemacht worden sind (rübenförmig verdickte Wurzeln, Fehlschlagen der Blüten des Blumenkohls, gefüllte Blumen etc.). Dagegen sind die Zwerg- und Riesenformen schon zu den Mißbildungen zu rechnen. Das Studium der Mißbildungen ist sowohl für die theoretische Erkenntnis der Wachstumsgesetze der Organe als auch für die praktischen Zwecke des Pflanzenzüchters von großer Bedeutung. Die Mißbildungen bestehen entweder in einer Abnormität der Metamorphose (s. Blatt, S. 1017), indem besonders in den Blüten bestimmte Blattgebilde auf eine vorhergehende Ausbildungsform zurücksinken oder auf eine höhere vorschreiten. Letzteres geschieht z. B. bei der Umwandlung der Blumenblätter in Staubgefäße bei Capsella bursa pastoris L. Ersteres ist der häufigere Fall, er wird als rückschreitende Metamorphose (anamorphosis) bezeichnet; zu ihm gehören: die häufigen Rückbildungen der Karpelle in Staubgefäße sowie die gefüllten Blüten (s. d.), ferner die sogen. Vergrünung der Blüten, d. h. Umwandlung gewisser Blätter der Blüten in grüne Laubblätter (Antholyse oder Phyllodie), die Umwandlung ganzer Blüten in Laubknospen (Chloranthie), wozu besonders die sogen. lebendig gebärenden Pflanzen (s. Pflanze) gehören, und endlich die Erscheinungen, daß die Achse einer Blüte am Ende sich wieder verlängert und in einen Laubsproß auswächst (Sprossung, prolificatio), z. B. bei Rosen, und daß der Blütenstand dieselbe Veränderung zeigt (sogen. proliferierende Blütenstände). Oder die Mißbildungen bestehen in einer Veränderung der relativen Gestaltsverhältnisse innerhalb eines und desselben Blattkreises einer Blüte, indem z. B. unregelmäßige Blüten durch Gleichwerden der Blumenblätter zu regelmäßigen werden (Pelorien). Viele Monstrositäten sind auf Abweichungen von den normalen Zahlenverhältnissen der Teile zurückzuführen. Dahin rechnen wir die meist auf Kosten der Blütenbildung geschehende abnorme Vermehrung der Laubblätter bei den Bäumen (Laubsucht, phyllomania), die Vervielfältigung blättertragender Zweige (Astwucherung, polycladia), wozu auch die Hexenbesen (s. d.) gehören. In den gefüllten Blüten begegnen wir ebenfalls einer Vermehrung der normalen Anzahl der Blattgebilde. Auch die vierblätterigen Kleeblätter sind hier zu nennen. Die abnorme Verminderung der Teile bezeichnet man als Fehlschlagen (s. Abortus). Eine andre Klasse von Mißbildungen besteht in abnormen Verwachsungen und Trennungen. Erstere zeigen sich nicht selten an Blüten (Synanthie) und an Früchten (Synkarpie), vielfach auch an Stämmen, Ästen und Wurzeln der Bäume. Monströsen Trennungen begegnet man besonders an solchen Blütenteilen, welche im normalen Zustand aus verwachsenen Gliedern bestehen, wie Blumenkronen und Pistille. Auf einer Vereinigung zahlreich angelegter Knospen während ihrer Bildung am Vegetationspunkt beruht die eigentümliche bandartige Verbreiterung (Fasciation) mancher Stengel und Blütenstände, wie z. B. bei dem Hahnenkamm (Celosia), bei welchem die mißgebildete Form sogar erblich geworden ist. Vgl. Moquin-Tandon, Pflanzenteratologie (deutsch von Schauer, Berl. 1842); Wigand, Grundlegung der Pflanzenteratologie (Marb. 1850); Cramer, Bildungsabweichungen bei einigen wichtigern Pflanzenfamilien (Zürich 1864); Frank, Krankheiten der Pflanzen (Bresl. 1881); Masters, Pflanzenteratologie (deutsch von Dammer, Leipz. 1886).

Mißbrauch, s. Abusus.

Mißbrauch der Amtsgewalt, s. Amtsverbrechen.

Mißgeburt, s. Mißbildung.

Mißhandlung, s. Körperverletzung.

Mißheirat (Disparagium, franz. Mésalliance), eine Ehe zwischen Personen ungleichen Standes, im Gegensatz zur ebenbürtigen Ehe. S. Ebenbürtigkeit.

Missilĭen (lat.), früher bei feierlichen Gelegenheiten unter das Volk zum Aufgreifen geworfene Dinge, namentlich Münzen.

Missĭon (lat.), Sendung, Auftrag; insbesondere der Inbegriff aller die Verbreitung des Christentums unter nichtchristlichen Völkern bezweckenden Unternehmungen. Die ersten Missionäre, d. h. Arbeiter am Werk der M., waren die Apostel Jesu. Die Geschichte der M. fällt zusammen mit der der Ausbreitung des Christentums, bildet daher bis tief ins Mittelalter hinein ein wesentliches Stück Kirchengeschichte. Seit der Reformation ist das Treffen zwischen christlicher und nichtchristlicher Welt sozusagen zum Stehen gebracht worden, und die M., welche früher die erste aller Lebensfragen der Kirche bildete, bedeutet jetzt nur noch eine, wenngleich noch mit Energie und Erfolg fortgesetzte, Aktion auf der Peripherie