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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Moralität; Moralitäten; Moralphilosophie; Moralstatistik

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Moralität - Moralstatistik.

wohl auch als Sittenkenner, dieser dagegen als Sittenrichter bezeichnet. Sittenbeobachter, wie Montaigne, Larochefoucauld, Vauvenargues, La Bruyère u. a., welche die faktischen Sitten (mores hominum) schildern, sind Moralisten; Sittenbeurteiler, welche die faktischen Sitten an einer (von ihnen oder andern) aufgestellten obersten Norm der Sittlichkeit (oberster sittlicher Grundsatz, Moralgesetz) messen, wie Kant, Fichte, Herbart u. a., sind Moralphilosophen. Moralisieren, s. v. w. Betrachtungen über Sitten anstellen, dieselben mögen theoretische (deren Thatsächlichkeit) oder praktische (deren sittlichen Wert betreffende) sein.

Moralität, s. Moral.

Moralitäten (franz. Moralités, engl. Moralities), im spätern Mittelalter geistliche Schauspiele, welche, den Mysterien (s. d.) nachgebildet, besonders in Frankreich und England, auch in Italien vielfach üblich waren. Sie sind ernsthafterer Art als die Mysterien und haben meist eine moralische Tendenz, daher der Name. In zwei der ältesten Stücke dieser Art, "Every man" und "Hick-Scorner", sind die Hauptpersonen: Jedermann (Repräsentant des menschlichen Geschlechts) und ein Freigeist, neben denen verschiedene Tugenden und Laster als allegorische Figuren auftreten. Alle M. sind gereimt, in unregelmäßigen Stanzen, und schließen mit einem Gebet. Im 15. Jahrh. waren sie in England und Schottland sehr gebräuchlich und erhielten sich hier auch nach der Reformation in der Form von theologisch-polemischen Schauspielen; erst unter Cromwell wurden sie förmlich abgeschafft. In Frankreich finden wir sie gleichzeitig mit den Mysterien unter Philipp dem Schönen (wahrscheinlich im Gegensatz zu den letztern, für welche die Passionsbrüderschaft privilegiert war) von der Brüderschaft der Bazoche (s. d.) aufgeführt; sie hatten hier mehr einen komischen Charakter und arteten bald aus. In Deutschland wurden die M. durch die seit dem 15. Jahrh. üblichen Schulkomödien ersetzt. Vgl. Genée, Die englischen Mirakelspiele und M. (Berl. 1878).

Moralphilosophie, s. Ethik.

Moralstatistik, derjenige Teil der Statistik, welcher sich mit den aus freier sittlicher Entschließung hervorgehenden Handlungen der menschlichen Gesellschaft befaßt. Könnten alle diese Handlungen genau verzeichnet und im Zusammenhalt mit den sie bedingenden Beweggründen beurteilt werden, so würde die M. ein getreues Bild der Sittlichkeit einer Gesellschaft liefern und einen Vergleich zwischen Ländern und Zeiten gestatten. Doch sind die wirklichen Beweggründe für Dritte nicht erforschbar, man muß sich mit dem keineswegs immer zuverlässigen Rückschluß aus äußern Erscheinungen und Handlungen auf dieselben begnügen. Aber auch diese Erscheinungen und Handlungen liegen nicht immer offen zu Tage, und bei vielen derselben ist nicht festzustellen, ob sie wirklich aus freien Entschließungen hervorgegangen oder ob sie als Wirkungen andrer Ursachen zu betrachten sind (Selbstmord oder Ermordung durch Dritte, z. B. bei Vergiftungsfällen, oder unglücklicher Zufall, z. B. Fall ins Wasser etc.). Die M. beschränkt sich demgemäß auf solche Erscheinungen, welche an die Öffentlichkeit treten; auf die Einzelfälle geht sie, wie überhaupt die Statistik, nur so weit ein, als dies für eine richtige Gruppierung erforderlich ist. Die Sittenzustände werden nun nicht allein durch die guten, sondern auch durch die sittlich schlechten Handlungen gekennzeichnet. Die M. befaßt sich darum mit beiden, ja sie ist sogar vorwiegend eine Statistik der Unsittlichkeit, weil das sittlich Gute sich mehr der Öffentlichkeit entzieht und, wenn auch dies nicht der Fall, oft schwer als solches zu erkennen ist (z. B. Wohlthätigkeit aus Ehrgeiz, aus Berechnung, aus Furcht oder aus reiner Menschenliebe). Infolgedessen dient die positive Sittlichkeitsstatistik (Entwickelung des Sparkassenwesens, gemeinnütziger Anstalten und Vereine, Gestaltung des geistigen und religiösen Lebens) im wesentlichen nur als eine mit Vorsicht zu behandelnde Ergänzung der Unsittlichkeitsstatistik. In den Bereich der letztern gehört zunächst die Kriminalstatistik (insbesondere Zahl, Art der strafbaren Handlungen, welche vor Gericht anhängig wurden; Alter, Geschlecht, Stand der Angeschuldigten und der Verurteilten, verhängte Strafen etc.), dann aber auch die Statistik von Handlungen, welche zwar als unsittlich angesehen werden, aber nicht strafbar sind oder nicht bestraft werden können (Selbstmord, bei dem die Strafe, wie schimpfliches Begräbnis, doch nur als Strafdrohung, im übrigen als eine Bestrafung der Angehörigen wirken würde). Außer dem Selbstmord gehört hierher insbesondere die auf geschlechtliche Verhältnisse sich beziehende Statistik wie die der Ehescheidungen, der Prostitution, des Findelwesens und der unehelichen Geburten. Die Zahlen, zu welchen die Massenbeobachtung auf diesem Gebiet führt, weisen gewisse Regelmäßigkeiten auf. So schwankte die Zahl der unehelichen Geburten im Deutschen Reich in den einzelnen Jahren von 1879 bis 1885 nur zwischen den Grenzen 150,645 (in 1872: 3,66 pro Mille. der Bevölkerung) und 170,688 (in 1884: 3,68 pro Mille). Die Zahl der unehelichen Geburten, welche auf je 10,000 Lebendgeborne kamen, war im Durchschnitt der Jahre in

Preußen Bayern Sachsen Württemberg

1866-70 812 1991 1439 1429

1871-75 740 1378 1273 960

1876-80 752 1286 1249 831

1881-85 811 1362 1305 923

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Im Gebiet des Deutschen Reichs kamen auf 1000 Geborne im Durchschnitt jährlich 1841-50: 108, 1851-60: 114, 1866-70: 115, 1871-80: 89 und 1881-85: 93 uneheliche. Zu ähnlichen Ergebnissen führte die M. auch in andern Ländern. Auch die Selbstmordstatistik, dann die Statistik der Verehelichungen, der Ehescheidungen etc. weisen Zahlen auf, deren Schwankungen als verhältnismäßig klein erscheinen. Bereits Süßmilch ("Göttliche Ordnung in den Veränderungen des Menschengeschlechts", Berl. 1741, 4. Aufl. 1775) hatte solche Regelmäßigkeiten beobachtet und als Ergebnis einer göttlichen Ordnung erklärt. Quételet ("Sur l'homme", Brüssel 1835) faßte diese Regelmäßigkeiten als etwas Naturgesetzliches auf, eine Anschauung, welche unter andern Buckle, dann auch früher Ad. Wagner ("Die Gesetzmäßigkeit in den scheinbar willkürlichen menschlichen Handlungen", Hamb. 1864) teilten. Dieselbe führt folgerichtig zur Verleugnung der Willensfreiheit und der Verantwortlichkeit des Einzelnen für seine Handlungen, denn das "Budget der Schafotte und Gefängnisse" (Quételet) müßte naturnotwendig erfüllt werden. Nun lassen aber gerade die oben mitgeteilten Zahlen über die unehelichen Geburten eine bemerkenswerte Erscheinung wahrnehmen. Die relative Häufigkeit dieser Geburten nahm ab, als durch die Gesetzgebung die Niederlassung und die Eheschließung erleichtert wurden und für die Zahl der Eheschließungen, welche auf 1000 Einwohner entfallen, berechnet sich für die Jahre 1841-85 ein Bestreben zur Erhöhung, wenngleich diese Zahl im übrigen naturgemäß eine gewisse Grenze nicht überschreiten kann. Hier trat also der