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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Mormonen

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Mormonen.

wordenen und der Barbarei verfallenen Lamaniten; doch kehrten dieselben um 400 zurück, und die Nephiten erlagen ihrem Schwert. Mormons Sohn Moroni vollendete die Geschichte seines Volkes 420 auf den Messingplatten und bezeichnete auf denselben ausdrücklich Joe Smith als ihren zukünftigen Entdecker.

Wiewohl Smiths Bibel bald als ein 1812 von einem Pfarrer verfaßter geschichtlicher Roman nachgewiesen ward, der angedruckt geblieben, aber durch den Buchdruckergehilfen Sidney Ridgon ^[richtig: Rigdon], einen der eifrigsten Anhänger Smiths, diesem zugekommen war, fand der neue Prophet doch Glauben und organisierte 6. April 1830 die Sekte zu einer Gemeinde in Fayette, einem Städtchen in der Grafschaft Seneca des Staats New York. Im nächsten Jahr siedelte die Sekte, schon mehrere hundert Glieder zählend, nach Ohio, 1833 von hier verjagt, nach dem Staat Missouri über. Ihre Intoleranz veranlaßte aber Konflikte und ihre Ausweisung; nach kürzerm Aufenthalt im County Caldwell wandte sich die Sekte nach Illinois, wo sie in der Grafschaft Hancock 1840 die aus 2100 Häusern bestehende Stadt Nauvoo und einen schönen Tempel nach dem von Smith in einer Vision geschauten Bild erbaute. Die Stadt erhob sich unter strenger Ordnung bald zu bedeutendem Wohlstand. Aber es entstanden auch hier feindselige Beziehungen zu den übrigen Einwohnern, und 1844 kam es zum offenen Kampf, in welchem Smith den Tod fand und Nauvoo in Trümmer gelegt ward. Die M. zogen nun, etwa 1500 Mann stark, hierauf auf höchst beschwerlichen Pfaden über das Felsengebirge nach dem fernen Westen und ließen sich 1847 am Großen Salzsee (Salt-Lake) nieder, wo sie den bereits 1850 als Territorium anerkannten Staat Utah gründeten, der sich bei der günstigen Lage seiner Hauptstadt, Great Saltlake City, eines Hauptpunktes für die Karawanen auf dem Weg nach Kalifornien, bei der strengen Ordnung und dem regen Fleiß, welche allgemein herrschten, sowie infolge der begeisterten, immer neue Einwanderer herbeiführenden Proselytenmacherei rasch hob. Die Unionsregierung hatte den Nachfolger Smiths im Prophetentum, Brigham Young (s. d.), wegen seines großen Einflusses zum Gouverneur des Territoriums ernannt und der Kongreß diesem 20,000 Doll. für die Errichtung öffentlicher Gebäude und 5000 Doll. für die Anlegung einer Bibliothek übersandt; eine Kongreßakte vom 7. Sept. 1850 ordnete das Verhältnis der M. zur Union. Gleichwohl lehnten sich erstere mehrfach gegen die von der Unionsregierung gesandten Verwaltungs- und Gerichtsbehörden auf und zwangen dieselben, die Hauptstadt zu verlassen. Die Union ernannte 1854 den Obersten Stepton und 1857 A. Cumming zum Gouverneur an Brigham Youngs Stelle und sandte ihn mit 2500 Mann nach Utah. Die Expedition stieß jedoch bei der vorgerückten Jahreszeit auf viele Schwierigkeiten, und es mußten im folgenden Jahr Verstärkungen nachgesandt werden. Nach einem Gefecht 15. Febr. 1858 kam es zu Unterhandlungen, es wurde den M. Amnestie erteilt, und Young blieb thatsächlich Gouverneur, zumal während des Sezessionskriegs 1861-65.

Das Mormonentum wurde mit keiner fertigen Glaubenslehre eröffnet; die einzelnen Lehren entstanden durch das Zusammenwirken von J. ^[Joseph] Smith, Sidney Rigdon, Parley, P. Pratt und Orson Pratt und wurden in der spätern Zeit durch Brigham Young noch erweitert. Verzückungen (revivals) und Offenbarungen (revelations of God) sind die Grundlage, "der Felsen", auf denen das Glaubensgebäude der M. aufgebaut ist; Hauptquellen sind das Buch Mormon, das Buch der Lehre und der Bündnisse ("The book of doctrine and covenants", zuerst 1832 englisch gedruckt) und eine Reihe theologischer wie religiös-pädagogischer Katechismen und Schriften ihrer Autoritäten. Im einzelnen ist dem Buddhismus, entlehnt die Lehre von der Seelenwanderung und den vielen Welten, der griechischen und römischen Mythologie die unendliche Vielheit der Götter und die ihnen beigelegte Vielseitigkeit der Liebe, dem Islam die Vielweiberei und das Verbot spirituöser Getränke, dem rohen Heidentum der Glaube an Zauberei, an gute und böse Geister, dem orthodoxen Christentum der Glaube an Wunder und die Teufelsaustreibungen, dem Judentum die bei ihr zur Theodemokratie (Gottesvolksherrschaft) gewordene Staatsverfassung der M. Das 1849 zusammengestellte Glaubensbekenntnis der M. weicht vom ursprünglichen des Joe Smith mehrfach ab. Der Inhalt ist: Wir glauben 1) an Gott, seinen Sohn Jesus Christus und den Heiligen Geist; 2) daß die Menschen für ihre eignen Sünden und nicht um der Übertretung Adams willen Strafe empfangen werden; 3) daß mittels des Sühnopfers Christi alle Menschen durch Gehorsam gegen das Evangelium erlöst werden können. 4) Wir glauben an Jesus Christus, Buße, Taufe durch Untertauchen in Wasser zur Vergebung der Sünden, Mitteilung des Heiligen Geistes durch Handauflegung, Abendmahl. 5) Wir glauben, daß Menschen von Gott berufen werden müssen durch Eingebung und Handauflegung von seiten derer, die dazu berufen sind, das Evangelium zu predigen und die Sakramente zu spenden. 6) Wir glauben an dieselbe Organisation, wie sie in der Urkirche bestand, mit Aposteln, Propheten, Pastoren etc. 7) Wir glauben an die Kräfte und Gaben des ewigen Evangeliums, an die Gabe des Glaubens, der Erkennung von Geistern etc. 8) Wir glauben an das in der Bibel aufgezeichnete Wort Gottes und zugleich, daß dies im Buch Mormon und allen andern guten Büchern enthalten ist. 9) Wir glauben an alles, was Gott geoffenbart hat und noch jetzt offenbart, und sind überzeugt, daß er noch wichtige Dinge in betreff des Reichs Gottes und der Wiederkunft des Messias offenbaren wird. 10) Wir glauben, daß Israel buchstäblich gesammelt werden wird; wir glauben auch an die Aufrichtung Zions auf dem westlichen Festland, an die 1000jährige Herrschaft Christi auf Erden und an die Erneuerung der Erde zu paradiesischer Herrlichkeit. 11) Wir glauben an die Auferstehung des Fleisches; die nicht in Christo Gebornen werden aber nicht eher auferstehen, als bis die 1000 Jahre verflossen sind. 12) Wir nehmen das Recht in Anspruch, Gott nach den Eingebungen unsers Gewissens anzubeten. 13) Wir glauben, Königen und der Obrigkeit Gehorsam schuldig zu sein. 14) Wir glauben, daß wir rechtschaffen, wahrhaft, keusch, mäßig, wohlwollend, tugendhaft und aufrichtig sein und allen Menschen Gutes thun müssen. - Die Vielweiberei tauchte schon unter Joe Smith auf, ward aber erst durch Brigham Young 29. Aug. 1852 auf Grund einer Offenbarung als Grundgesetz verkündet, als ein Gnadenmittel, weil Kinder der Geister auf irdische Körper oder "Tabernakel" warten, um eine höhere Stufe der Existenz zu erlangen. Ohne Vielweiberei gibt es keine Erhöhung oder Erlösung des Menschen; insonderheit können nur "angesiegelte" Frauen an der ewigen Seligkeit teilnehmen; man kann sich eine Frau "für Zeit und Ewigkeit", aber auch nur "für die Zeit" "ansiegeln" lassen. Ehebruch wird mit den härtesten Strafen belegt; es fehlen auch Lusthäuser in Utah, da es für Pflicht eines