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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Moskau

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Moskau (Stadt).

Landbevölkerung. Die Getreideernte lieferte 1884: 2¼ Mill. hl Roggen, 2 2/5 Mill. hl Hafer, 176,000 hl Gerste. Weizen wird fast gar nicht gebaut. An Kartoffeln wurden 1¾ Mill. hl geerntet. Mehr entwickelt ist der Anbau von Gemüsen wie von Stachel-, Johannis- und Himbeeren. In großem Maßstab wird der Zwiebel- und der Kohlbau in einigen Kreisen betrieben. Der Viehstand, gleichfalls den innern Bedarf nicht deckend, betrug 1883: 236,000 Pferde, 237,000 Stück Hornvieh, 217,000 Schafe, 28,000 Schweine. Die Pferdezucht (berühmt sind die Stutereien von Wojeikow, Tscherkassow, Golochwastow, Scheremetjew etc.) ist etwas zurückgegangen. In industrieller Hinsicht nimmt M. den ersten Platz unter allen Gouvernements der Monarchie ein. Der Produktionswert sämtlicher 653 Etablissements beträgt annähernd 196 Mill. Rubel. In erster Linie steht die Fabrikation in Baumwolle (1884 gab es 25 Spinnereien und 342 Webereien mit einer Produktion für 52 Mill. Rub.) und Wolle (32 Spinnereien, 48 Tuchfabriken und 169 Fabriken für Wollen- und gemischte Gewebe, mit einer Jahresproduktion von 43 Mill. Rub.). In beiden Branchen werden vorherrschend billige Stoffe verfertigt. Ferner gibt es Seidenwebereien (148 mit 7 2/3 Mill. Rub. Produktion), Leinen- und Tuchfärbereien (131 mit 28¾ Mill. Rub. Produktion), Fabriken für Leder und Lederwaren, Papier, Teppiche, Strumpfwaren, Talg, Lichte, Seife, Chemikalien, Maschinen, Eisenwaren, endlich Brennereien, Ziegeleien etc.; weniger wichtig ist die Fabrikation von Gold- und Silbersachen, Fayence und Leinwand. Die Großindustrie konzentriert sich hauptsächlich in der Hauptstadt M., dagegen spielen im Gouvernement selbst die von den Bauern neben ihrer Landwirtschaft betriebenen Hausindustrien und Wandergewerbe eine wichtige Rolle. Nicht weniger als 62,000 Familien befassen sich mit hausindustriellen Arbeiten, d. h. über 30 Proz. aller Hauswirte des ganzen Gouvernements. Der Verarbeitung von Rohstoffen, d. h. der Hausindustrie im engern Sinn, liegen 141,329 Personen ob, deren Verdienst auf ca. 7½ Mill. Rub. berechnet wird, während der Wert ihrer Produktion sich auf 38 Mill. Rub. belaufen soll. Mit den Wandergewerben sind 39,180 Arbeiter beschäftigt, die einen jährlichen Verdienst von 4 Mill. Rub. erwerben. Hauptsächlich werden die Web-, Thon-, Holz- und Metallwarenindustrien gepflegt. Die Weberei ist mehr oder weniger in allen Kreisen anzutreffen und produziert für jährlich ca. 20 Mill. Rub. An Lehranstalten bestanden 1883: eine Universität, 1110 Volksschulen mit 61,682 Schülern, 61 Mittelschulen mit 16,103 Schülern, 3 geistliche Seminare mit 1245 Schülern, 6 Lehrer- und Lehrerinnenseminare mit 393 Lernenden, 3 Feldscherschulen, 2 Handelsschulen, 5 technische und Handwerkerschulen u. a. m. Das Gouvernement zerfällt in 13 Kreise: Bogorodsk, Bronnizy, Dmitrow, Klin, Kolomna, Moshaisk, M., Podolsk, Rusa, Serpuchow, Swenigorod, Wereja und Wolokolamsk.

Moskau (russ. Moßkwa, franz. Moscou, engl. Moscow), die alte und erste Hauptstadt des russischen Reichs und zweite kaiserliche Residenz, liegt im gleichnamigen Gouvernement, an der Moßkwa, in welche hier die Jăūsa mündet, 142 m ü. M., unter 55° 45' nördl. Br. und 37° 37' östl. L. v. Gr., bedeckt ein Areal von 71,42 qkm und besteht aus vier Hauptteilen: dem Kreml und dem ehemals sogenannten Kitai Gorod ("Chinesenstadt"), Bjelgorod ("weiße Stadt") und Semljänoi Gorod ("Erdstadt"), welchen sich nach allen Richtungen hin weit ausgedehnte, ehemalige Vorstädte anschließen. Der Kreml war und ist auch jetzt noch für M., was das Kapitol für Rom war; in ihm gipfeln alle Reminiszenzen der Vergangenheit. Für den rechtgläubigen Russen ist er, wie Kiew, ein heiliger Wallfahrtsort, zu dessen Reliquien jährlich Tausende von Frommen aus dem weiten Reich pilgern. Durch seine hohen, zinnengekrönten und turmgeschmückten Mauern führen fünf Thore (darunter das Erlöserthor, "Spaskija Warota", mit einem wunderthätigen Heiligenbild, vor dem auch jeder Fremde das Haupt entblößen muß) ins Innere, welches von kirchlichen Bauten, Palästen, Staatsgebäuden und großen Plätzen bedeckt ist. Die bemerkenswertesten Gebäude sind: Der Usspenski Sabor (die Mariä-Himmelfahrtskathedrale), 1326 unter Johann Kalita aus Holz erbaut, 1475-79 vom Baumeister Fioravante aus Bologna von neuem in Stein aufgeführt, halb in byzantinischem, halb in tatarischem Stil. Sie birgt ebenso wie die folgenden Kirchen eine Menge Reliquien, ist mit alten Fresken, mit von Edelsteinen bedeckten Heiligenbildern, Mosaiken und verschiedenen Kostbarkeiten überfüllt und dient seit ihrem Bestehen als Krönungskirche der russischen Zaren sowie als Grabstätte der Metropoliten von M. Ihr gegenüber steht der Archangelski Sabor (Kathedrale des Erzengels Michael), 1333 errichtet, 1505 von dem Mailänder A. Novi umgebaut, mit den Gräbern der russischen Zaren von Johann Kalita bis Johann Alexejewitsch (gest. 1696), dem Bruder Peters d. Gr. Den höchsten Punkt des Kremls krönt der Blagowjeschtschenski Sabor (Kathedrale der Verkündigung Maria), 1489 erbaut, nach einem Brand 1554 neugebaut, mit neun Kuppeln. Die Kirche Spass na Ború (des "Heilands im Walde", 1330 aus Stein neuerbaut) wird als älteste aller Kirchen betrachtet. Bemerkenswert ist der 1600 von Boris Godunow erbaute, 82 m hohe Glockenturm Iwan Welikis (Johanns d. Gr.), von dessen Spitze man eine prachtvolle Aussicht über die Stadt genießt. Am Fuß des Iwan Weliki steht die berühmte, 1731 gegossene, ca. 1960 metr. Ztr. schwere Riesenglocke "Zar-Kolokol". Insgesamt gibt es in M. (die Klosterkirchen mit eingerechnet) 355 griechisch-katholische, 2 lutherische, 2 reformierte, 2 römisch-kath. Kirchen, 3 armeno-gregorian. Kirchen und 3 der Altgläubigen, dazu eine Synagoge und eine Moschee. Unter ihnen nennen wir nur die auf dem Roten Platz im Kitai Gorod stehende, durch ihre phantastisch-bizarre Bauart bekannte Kathedrale des heil. Basilius (Wassili Blashenni), 1554 unter Iwan dem Schrecklichen erbaut. Andre interessante Gebäude im Kreml sind: der 1487 erbaute alte Zarenpalast (Tremni Dworéz); der Facettenpalast (Granowitaja Palata), unter Johann III. erbaut, mit einem kolossalen Saal, dessen Gewölbebogen von einer in der Mitte stehenden Säule ausgehen; der durch architektonische Schönheit ausgezeichnete große kaiserliche Palast; die 1851 vollendete Orusheinaja Palata, welche unschätzbare Sammlungen von Kostbarkeiten (Kronen, Goldsachen, Waffen, Kunstwerke des Altertums, Prunkwagen etc.) enthält (neben derselben steht die unter Feodor Iwanowitsch gegossene, 393 metr. Ztr. schwere Riesenkanone "Zar Puschka"), und das 1701-36 erbaute Arsenal, vor dessen Fronte die 1812 erbeuteten Geschützrohre (über 800) liegen; ferner das Synodalgebäude, vom Patriarchen Nikon gegründet, mit einer kostbaren Bibliothek und einer Sammlung von Kirchengewändern und Silbergeräten. Im Kitai Gorod, an dem mit dem Denkmal von Minin und Posharski (von Martos) geschmückten Roten Platz, befindet sich das Kaufhaus (Gostinnoi Dwor) mit über 1200 Verkaufsläden, wohl