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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Neuland; Neulateinische Dichter

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Neuland - Neulateinische Dichter.

Neuland, s. v. w. Neubruch (s. d.).

Neulateinische Dichter, Bezeichnung für diejenigen Dichter, welche seit der Wiedererweckung des klassischen Altertums in Sprache und Form der lateinischen Klassiker gedichtet haben. Während das frühere Mittelalter noch eine ganze Reihe von lateinischen Dichtungen hervorgebracht hat, die sich in Sprache und Form den alten Dichtern, soweit man sie kannte, anzunähern suchten, entfernte man sich im weitern Verlauf desselben unter der Herrschaft der Scholastik, wie überhaupt im Gebrauch der lateinischen Sprache, so auch in der lateinischen Dichtung immer weiter von den antiken Vorbildern. Zu den ersten, welche wieder nach dem Muster der Alten zu dichten versuchten, gehört Dante; jedoch als der Vater der neulateinischen Dichtung wie des ganzen sogen. Humanismus ist. Francesco Petrarca zu betrachten, der sich mit seinen lateinischen Dichtungen (bukolischen Eklogen nach Vergil, Episteln nach Horaz und dem Epos "Africa" über den zweiten Punischen Krieg) 1341 die Dichterkrönung auf dem Kapitol erwarb. Sein Beispiel fand die eifrigste Nachahmung in immer weitern Kreisen, zumal seitdem immer mehr klassische Schriftsteller aus der Verborgenheit hervorgezogen wurden. In allen den verschiedenen Stilgattungen suchte man es den Alten nachzuthun; "poetae" wurde überhaupt Bezeichnung für die Anhänger der humanistischen Bewegung. Wie Petrarca selbst seine Reime geringer schätzte als seine lateinischen Dichtungen, so galt in Italien fast bis zum Ende des 15. Jahrh. das Dichten in der Volkssprache mehr für eine spielende Beschäftigung, nicht für eine Leiter zum Ruhm. Auf alle die Länder, welche sich der humanistischen Richtung anschlossen, übertrug sich mit derselben auch der Eifer für die lateinische Versifikation, die auch in den Schuleinrichtungen der Reformation und der Jesuiten als alumna eloquentiae eine hervorragende Stelle einnahm und sich bis zum Ausgang des 17. Jahrh., ja zum Teil noch darüber neben der nationalen Dichtung im Ansehen behauptete. Wahrhaft erstaunlich ist in diesen Zeiten die weite Verbreitung und die Fertigkeit, Sprache und Formen der antiken Dichter zu handhaben. Manche lateinische Dichtungen der Renaissancezeit haben lange für antik gegolten, wie umgekehrt antike Gedichte für Erzeugnisse dieser Periode. Begreiflicherweise ist die äußere Gewandtheit bei der überwiegenden Masse der neulateinischen Dichtungen die Hauptsache; doch fehlt es unter der großen Zahl neulateinischer Dichter der verschiedenen Länder keineswegs an solchen, die auch in Bezug auf den Inhalt den Dichternamen mit Recht verdienen. Von den Italienern sind vornehmlich zu nennen: Cristoforo Landino (1424-1504), Angelo Poliziano (1454-94), Jacopo Sannazaro (1458-1530), Pietro Bembo (1470-1547), Jacopo Sadoletti (1477-1547), Girolamo Vida (1480-1566), Girolamo Fracastoro (1483-1553), Andrea Navagero (Naugerius, 1483-1529), Baldassare Castiglione (Castilioneus, 1478-1529), denen der in Italien gebildete Ungar Joannes v. Chezmicze, genannt Janus Pannonius (1434-72), anzureihen ist. - Unter den Deutschen zeigt gleich der erste deutsche (1487) gekrönte Dichter, Konrad Celtis (1459-1508), eine höhere poetische Begabung, ebenso Ulrich v. Hutten (1517 zum Dichter gekrönt), der ebenso fruchtbare wie elegante Eobanus Hessus (1488-1540), Euricius Cordus (1486-1535), der Graubündner Simon Lemnius (ca. 1510-50), Georg Sabinus (Schuler, 1508-60), Melanchthons Schwiegersohn; ferner Jakob Micyllus (Molsheym, 1503-58), sein Schüler Peter Lotichius Secundus (1528-60), der in allen Gattungen der lateinischen Poesie gleich gewandte Nikodemus Frischlin (1547-90), der sich auch in deutscher Poesie nicht ohne Glück versucht hat, der Heidelberger Bibliothekar Paul Schede, genannt Melissus (1539-1602). Aus dem 17. Jahrh., in welchem trotz der Stürme des Dreißigjährigen Kriegs die lateinische Dichtung eifrig gepflegt wurde, verdienen vor allen Erwähnung der gelehrte Kaspar v. Bardt (1587-1658) und der Jesuit Jakob Balde (1604-68) mit seinen ebenso formgewandten wie anmutigen Gedichten voll poetischer Empfindung. Selbst Männer wie Martin Opitz und Paul Fleming, welche der deutschen Dichtung neue Bahnen eröffneten, haben nicht bloß antike Dichtwerke als Vorbilder für ihr Schaffen in deutscher Poesie benutzt, sondern auch neben der deutschen sich der lateinischen Form der Dichtung bedient, namentlich der letztere. Noch Leibniz hat sich auf dem Felde der lateinischen Poesie den Lorbeer verdient. - In Frankreich überwiegt bei der sehr beträchtlichen Zahl lateinischer Dichter des 16. und 17. Jahrh. die formale Gewandtheit in der Nachahmung der verschiedenen Stilgattungen; als die hervorragenden Vertreter dieser Richtung sind zu nennen: Jean Dorat (Auratus, 1504-88), Marc Antoine Muret (1526-85), Florent Chrestien (Florens Christianus, 1541-96), Julius Cäsar Scaliger (1484-1558) und sein Sohn Joseph Justus Scaliger (1540-1609), René Rapin (1621-87), Pierre Daniel Huet (1630-1721). - Unter den Briten leisteten Bedeutendes der Schotte George Buchanan (1506-82), der berühmte Epigrammatist John Owen (1560-1622) und John Barclay (1582-1621). - Eine vereinzelte Erscheinung in seinem Vaterland ist der "polnische Horaz", Matth. Kasimir Sarbiewski (Sarbievius, 1595-1640). - Während die Niederlande bis über die Mitte des 16. Jahrh. hinaus nur einen bedeutenden Dichter in dem Juristen Jan Everaerts (Johannes Secundus, 1511-36) aufzuweisen haben, entfaltete sich seit der Begründung der Universität Leiden 1575, besonders unter der Einwirkung des 1593 dorthin berufenen J. J. ^[Joseph Justus] Scaliger, in der lateinischen Poesie ein um so regerer Wetteifer, je weniger die nur gering entwickelte Landessprache dem durch die liebevolle Beschädigung mit den Alten geweckten und ausgebildeten dichterischen Trieb die Möglichkeit zur Bethätigung bot. Die Blütezeit bezeichnen die Namen Janus Dousa (van der Does) der jüngere (1571-1597), Dominicus Baudius (1561-1613), Peter Scriverius (Schryver, 1576-1660), Hugo Grotius (1583-1645), Janus Rutgers (1589-1625), Daniel Heinsius (1580-1655) und sein Sohn Nikolaus Heinsius (1620-81). Diesen reihen sich an Hadrian Roland (1676-1718), Janus Brukhusius (van Broekhuyzen, 1649-1707), David van Hoogstraten (1658 bis 1724), Johannes Schrader (1722-83). Vgl. Aug. Erhard, Geschichte des Wiederaufblühens wissenschaftlicher Bildung, vornehmlich in Deutschland, bis zum Anfang der Reformation (Magdeb. 1827-1832, 2 Bde.); G. Voigt, Die Wiederbelebung des klassischen Altertums (2. Aufl., Berl. 1880-81, 2 Bde.); Bursian, Geschichte der klassischen Philologie in Deutschland (Münch. 1883, 2 Bde.); L. Müller, Geschichte der klassischen Philologie in den Niederlanden (Leipz. 1869); P. Hofmann-Peerlkamp ^[richtig: Hofman-Peerlkamp], De vita, doctrina et facultate Nederlandorum, qui carmina latina composuerunt (zuletzt Leiden 1842); Fröbel, Poetarum recentiorum selecta carmina (Rudolst. 1820-24, 4 Bde.); Friede-^[folgende Seite]