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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Norddeutscher Bund

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Norddepartement - Norddeutscher Bund.

noch vlämisch. Der Staatsangehörigkeit nach zählt das Departement 280,000 Belgier. Der Boden ist außerordentlich fruchtbar: vorzüglich bewässert und trefflich angebaut; auch die früher moorigen Landesteile sind größtenteils ausgetrocknet und urbar gemacht, so auch das "Watteringhe-Land" im Arrondissement Dünkirchen, das jetzt zu den ergiebigsten Landstrichen gehört. Von der Gesamtfläche sind (1882) 383,925 Hektar Ackerland, 95,106 Wiesen, nur 42,781 Wälder (im Südosten) und 2550 Heide- und Weideland. Hauptprodukte des Landes sind: Getreide, insbesondere Weizen und Hafer, welche einen Ertrag von 6,5 Mill. hl jährlich liefern, ohne jedoch dem Bedarf der starken Bevölkerung zu genügen; ferner Kartoffeln, Hülsenfrüchte, Zuckerrüben (über 20 Mill. metr. Ztr.), Hopfen (ca. 15,000 metr. Ztr.), Flachs (75,000 metr. Ztr.); in betreff der drei letztgenannte Produkte nimmt das Departement den ersten Rang in ganz Frankreich ein. Außerdem baut man Hanf, Raps, Tabak, Zichorie, Gemüse, viel Obst und Nüsse sowie auch Blumen. Der Viehstand ist ein sehr bedeutender, namentlich an Pferden (79,751 Stück), Rindvieh (257,303), Schweinen (97,666), Ziegen (24,238) und Geflügel. Die Fluß- und Küstenfischerei ist sehr ergiebig; auch wird der Kabeljaufang in großem Umfang betrieben, und 1885 sind von diesem Fischfang in den beiden Häfen Dünkirchen und Gravelines 129 Schiffe mit 11,788 Ton. und einer Ausbeute von 4,5 Mill. kg eingelaufen. Das Departement ist außerordentlich reich an mineralischen Brennstoffen; sein Anteil an dem ins Departement Pas de Calais hinüberreichenden Becken von Valenciennes liefert jährlich 3,5 Mill. metr. Ton., doch genügt dies noch nicht dem großen Bedarf des Departements, welches jährlich 5,3 Mill. Ton. Mineralkohlen konsumiert. Andres Brennmaterial liefern ausgedehnte Torfstiche, wogegen an Holz bei der geringen Bewaldung Mangel herrscht. Unter den Mineralquellen sind die Thermen von St.-Amand les Eaux die bekanntesten.

In Bezug auf die gewerbliche Industrie nimmt das Departement in Frankreich den ersten Rang ein; es gibt kaum einen bedeutenden Industriezweig, welcher im Departement nicht in größerm Umfang vertreten wäre. Die wichtigsten Industriezweige sind: die Eisenindustrie, welche 1885: 217,600 T. Roheisen, 261,400 T. Stabeisen und Blech und 85,200 T. Stahl (namentlich Bessemerschienen) produziert; der Maschinen- und Brückenbau; die Fabrikation von Porzellan, Glas und Spiegeln (19 Mill. Frank Produktionswert), Papier, Kerzen, Seifen, chemischen Produkten, Rohzucker (48 Mill. Fr.) und raffiniertem Zucker (9,6 Mill. Fr.), dann die Textilindustrie. Die letztere umfaßt die Spinnerei und Weberei in Baumwolle (1,370,000 Spindeln, 1800 mechanische und 1200 Handstühle), in Schafwolle (1,391,000 Spindeln, 20,000 mechanische und 14,000 Handstühle), in Flachs, Hanf und Jute (494,000 Spindeln, 9930 mechanische und 6250 Handstühle), in Seide (3500 Spindeln, 650 mechanische und 170 Handstühle), endlich die Weberei in gemachten Stoffen (9974 mechanische und 10,417 Handstühle). Zur Textilindustrie gehören außerdem zahlreiche Färbereien und Bleichereien sowie eine ausgebreitete Hausindustrie, namentlich für Erzeugung von Spitzen und Leinwand. Außerdem verdienen noch Erwähnung: die Bierbrauerei, Branntweinbrennerei und Gerberei, die Ölfabrikation und das Mühlengewerbe. Insgesamt verfügt das Departement über 5065 Dampfmaschinen mit 103,644 Pferdekräften. Entsprechend der hohen Entwickelung der Industrie, ist auch der Handel ein sehr reger. Er konzentriert sich zur See hauptsächlich in dem Hafen von Dünkirchen (s. d.) und steht hier mit Schiffbau und ausgebreiteter Schiffahrt in Verbindung. Die Handelsmarine des Departements belief sich Anfang 1886 auf 356 Schiffe mit 36,749 T. Im Innern des Landes findet der Handel an einem überaus reich verzweigten Netz von Verkehrswegen ein mächtiges Förderungsmittel. Das Departement wird nämlich von der französischen Nordbahnlinie Paris-Brüssel durchzogen, an welche sich die Linie Dünkirchen-Lille-Valenciennes mit vielen Zweig- und Flügelbahnen anschließt. Hierzu kommen außer den schiffbaren Flüssen zahlreiche Schiffahrtskanäle, mit denen das Departement überhaupt am reichsten ausgestattet ist. An höhern Unterrichtsanstalten zählt das Departement 3 Lyceen und 13 Kommunalcollèges, ferner die Fakultäten zu Douai und Lille und die freie katholische Universität in letzterer Stadt. Mehrere Städte sind Brennpunkte der Wissenschaft, Kunst und Litteratur, wie Lille, Douai und Cambrai. Das Departement bezeichnet aber zugleich eine Gegend, die zu den an blutigen Schlachten reichsten Europas gehört, weil es den unbeschütztesten Teil der französischen Grenze bildet und darum auch am reichsten mit Festungen ausgestattet ist (darunter fünf Festungen ersten Ranges: das Festungsviereck von Lille, Douai, Cambrai, Valenciennes und die Seefeste Dünkirchen). In administrativer Beziehung zerfällt es in die sieben Arrondissements: Avesnes, Cambrai, Douai, Dünkirchen, Hazebrouck, Lille und Valenciennes; Hauptstadt ist Lille.

Norddeutscher Bund, Bundesstaat, zu welchem nach Auflösung des Deutschen Bundes infolge des Kriegs von 1866 sich durch den Vertrag vom 18. Aug. d. J. folgende Staaten vereinigten: Preußen, Sachsen-Weimar, Oldenburg, Braunschweig, Sachsen-Altenburg, Sachsen-Koburg-Gotha, Anhalt, die beiden Schwarzburg, Reuß jüngere Linie, Waldeck, Schaumburg-Lippe und Lippe sowie die Freien Städte Lübeck, Hamburg und Bremen. Am 21. Aug. folgten die beiden Mecklenburg, 3. Sept. der Großherzog von Hessen für seine nördlich vom Main gelegenen Provinz Oberhessen, 26. Sept. Reuß ältere Linie, 8. Okt. Sachsen-Meiningen und 21. Okt. endlich das Königreich Sachsen. Somit umfaßte der Norddeutsche Bund ein Gebiet von 415,150 qkm (7540 QM.) mit einer Bevölkerung von fast 30 Mill. Am 15. Dez. 1865 traten die Vertreter jener Staaten zusammen, um die Verfassung dieses Bundesstaats zu beraten; 12. Febr. 1867 fanden die Reichstagswahlen statt, 24. Febr. wurde der konstituierende Reichstag vom König von Preußen eröffnet. Am 16. April nahm der Reichstag die vorgeschlagene Verfassung an, die 24. Juni 1867 publiziert wurde und 1. Juli in Kraft trat. Am 26. Juli übernahm König Wilhelm die ihm als Präsidenten des Bundes übertragenen Rechte und Pflichten, 15. Aug. trat der Bundesrat zusammen, 31. Aug. fanden die Reichstagswahlen statt, und 10. Sept. wurde der erste und einzige Reichstag des Bundes eröffnet. Nachdem im November 1870 Baden, Hessen, Bayern und Württemberg sich dem Norddeutschen Bund angeschlossen und die betreffenden Verträge 9. Dez. auch von dem am 24. Nov. wieder zusammengetretenen Reichstag genehmigt waren, beantragte 9. Dez. der Bundesrat die Bezeichnung des erweiterten Bundes mit dem Namen: "Deutsches Reich", die 10. Dez. vom Reichstag genehmigt wurde. Am 31. Dez. 1870 wurde die neue Verfassung des Reichs verkündet, womit der Norddeutsche Bund sein Ende nahm. Die Gesetze des Norddeutschen Bundes gingen meist auf das Deutsche Reich über, die Anleihen wur-^[folgende Seite]