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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Ohrenkrankheiten

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Ohrenkrankheiten.

und gerötet ist und unter heftigen bohrenden Schmerzen und Schwerhörigkeit ein schleimiger, schließlich eiteriger Ohrenfluß eintritt. Syphilitische Kondylome werden durch Bepinseln mit Höllenstein, mit Sublimatlösung (0,1:30) oder Jodtinktur behandelt. Bei Geschwüren, welche das speckige Aussehen verloren haben, wird die Heilung durch öfteres Bepinseln mit Kampferschleim beschleunigt. Ohrpolypen treten besonders bei Ohrenflüssen auf und werden durch Operation oder, wo dies nicht angeht, durch anfangs verdünnten, später rektifizierten Alkohol beseitigt. Der Gehörgang muß zwei- bis dreimal täglich ½ Stunde mit Alkohol gefüllt erhalten werden. Die Entzündung des Trommelfells (Myringitis) verursacht heftige reißende Schmerzen, Schwerhörigkeit, Ohrensausen, führt zur Durchbohrung des Trommelfells und eiteriger Entzündung der Paukenhöhle oder zu schwieliger Verdickung des Trommelfells, ist aber im allgemeinen selten. Durch Kanonenschuß, Schlag ans Ohr oder durch Bohren mit spitzen Gegenständen kann eine mechanische Zerstörung des Trommelfells herbeigeführt werden. Eins der häufigsten Ohrenleiden ist die Entzündung oder der Katarrh des Mittelohrs oder der Paukenhöhle (Otitis interna). Sie entsteht durch Fortpflanzung katarrhalischer Affektionen des Nasen-Rachenraums, auch im Verlauf gewisser Infektionskrankheiten. Bei akutem Mittelohrkatarrh treten plötzlich Schwerhörigkeit, Ohrensausen, heftige Schmerzen ein; wird das Übel chronisch, so nimmt es meist sehr langwierigen Verlauf, verursacht Verdickungen und Wulstungen der Paukenhöhlenschleimhaut, Zerstörung des Trommelfells und der Gehörknöchelchen, übelriechenden Ohrenfluß, bisweilen selbst Knochenfraß des Felsenbeins, Affektion der Gehirnhäute und des Gehirns und infolgedessen den Tod. Hier hat nun nach Entdeckungen von massenhaften Mikrokokken im übelriechenden eiterigen Ausfluß das antiseptische Verfahren die günstigsten Erfolge erzielt. Nur selten wendet man noch adstringierende Salzlösungen, wie Zinksulfat, Bleizucker, Kupfervitriol, oder Ätzungen mit Höllenstein an. Vielmehr sorgt man zunächst für gründliche Beseitigung des eiterigen Sekrets aus dem Mittelohr durch Lufteintreibung mittels des Politzerschen Verfahrens, spritzt dann mit Lösungen von Borsäure, Salicylsäure, Karbolsäure oder übermangansaurem Kali aus, entfernt etwanige eingedickte Sekretmassen, trocknet dann das Ohr durch entfettete Watte und wendet nun Borsäurepulver, Einträufelungen von Karbolsäurelösung (1:15 Wasser und 15 Alkohol) oder Jodoformpulver an. Häufig sind bei Mittelohreiterung oder nach Ablauf derselben operative Eingriffe erforderlich. Kleine Öffnungen im Trommelfell, welche den Abfluß des Eiters oder den Durchbruch käsiger Massen aus der Trommelhöhle behindern, werden durch eine Lanzennadel oder ein schmales Messerchen erweitert. Dieselbe Operation ist angezeigt, wenn hinter dem Trommelfell Polypen oder Granulationen wuchern, welche nur nach Erweiterung der Perforationsöffnung operativ entfernt werden können. Nach abgelaufenen Mittelohreiterungen bleiben oft narbige Verwachsungen zwischen Trommelfell, Knöchelchen und der innern Trommelhöhlenwand zurück, welche die Schwingbarkeit der Schallleitungsapparate hemmen. Solche Verwachsungen lassen sich bei der Ohrspiegeluntersuchung mit Hilfe der pneumatischen Trichter von Siegle erkennen, indem die verwachsenen Teile bei abwechselnder Verdichtung und Verdünnung der Luft im äußern Gehörgang unbeweglich bleiben, während die nicht verwachsenen Partien deutlich ihre Lage verändern. Die so verwachsenen Teile, welche sich als straffe Stränge am Trommelfell erkennen lassen, werden mit einem vorn abgerundeten Messer durchtrennt, wodurch die Straffheit der Knöchelchen teilweise beseitigt und die Hörfähigkeit nicht unerheblich verbessert wird.

Das Problem, offen gebliebene Lücken im Trommelfell nach abgelaufenen Mittelohreiterungen zum Verschluß zu bringen, wurde zwar versucht, ist aber bisher nicht befriedigend gelöst worden. Berthold hat durch die Myringoplastik, d. h. durch Transplantation eines kleinen Hautlappens auf die Ränder der Trommelfelllücke, in einem Fall Verschluß der Öffnung erzielt. Bei akuten, schmerzhaften Entzündungen des Warzenfortsatzes leistet der Leitersche Kühlapparat vorzügliche Dienste. Derselbe besteht aus 6-8 aneinander liegenden Windungen einer Bleiröhre, durch welche ein konstanter Strom von kaltem Wasser fließt. Durch gewöhnliches Brunnenwasser kann man in dieser Weise die Temperatur bis zur Wirkung eines Eisumschlags herabsetzen und die Einwirkung der Kälte auf die entzündeten Teile ganz gleichmäßig machen, während bei den früher gebräuchlichen kalten Umschlägen die Temperatur in jedem Augenblick wechselt. Glänzende Erfolge werden durch die früher nur selten geübte operative Eröffnung des Warzenfortsatzes erzielt. Bei Ansammlung von Eiter und verkästen Massen im Warzenfortsatz, bei Karies des Knochengewebes erscheint die Eröffnung um so dringender indiziert, als bei diesen Prozessen nicht selten ein Durchbruch gegen die Schädelhöhle oder die Hirnblutleiter mit tödlichem Ausgang eintreten kann, wenn nicht vorher dem Eiter und den abgestoßenen Knochenteilen durch eine operative Eröffnung mit Meißel und Hammer (Schwartze) ein Weg nach außen geschaffen wird. Nach solchen Operationen heilen auch langwierige chronische Mittelohreiterungen in kurzer Zeit ganz aus.

Die nervöse Schwerhörigkeit oder nervöse Taubheit beruht auf Erkrankung des innern Ohrs oder Labyrinths oder des Gehörnervs oder seiner Ursprungsstelle im Gehirn und entsteht besonders nach andauernder Überreizung der Gehörnerven, nach heftiger Erschütterung des Ohrs und starken Gemütsbewegungen, bisweilen auch nach schweren, fieberhaften Krankheiten und im Verlauf mancher chronischer Nervenleiden. Man hat bei diesen Leiden den galvanischen Strom mit Vorteil angewandt. Zu den Hörnervenkrankheiten gehören auch die interessanten partiellen Tondefekte. Bei einzelnen Kranken entwickelt sich Taubheit für tiefe Töne (Baßtaubheit), bei andern kommt es zum bleibenden Verlust der Perzeption für hohe Töne. Seltener fallen einzelne Töne in der Skala vollständig aus. Manche Symptome einer einseitigen Hörnervenerkrankung, wie Schwerhörigkeit und Ohrensausen, werden, besonders bei hysterischen Individuen, durch Anlegen eines Magnets an das affizierte Ohr in der Weise alteriert, daß die krankhaften Erscheinungen auf das gesunde Ohr hinüberwandern, auf dem erkrankten Ohr jedoch schwinden (Transfert). Nach Entfernung des Magnets kehrt der frühere Zustand wieder zurück.

Die Panotitis, bei welcher das ganze Gehörorgan (Mittelohr und Labyrinth) von der Entzündung mit dem Ausgang in totale unheilbare Taubheit befallen wird, beobachtet man vorzugsweise bei der skarlatinösen Diphtheritis des Gehörorgans. Bei den mit Schwindelanfällen, Erbrechen, Unsicherheit des Ganges und Ohrensausen verbundenen Erkrankungen des