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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Oratoristen; Oratōrium; Oravicza; Orb; Orbah; Orbe

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Oratoristen - Orbe.

von andern Gattungen der Darstellung unterscheidet. Oratorik, Rednerkunst; vgl. Rhetorik.

Oratoristen, s. v. w. Oratorianer.

Oratōrium (lat.), überhaupt jedes zum Beten bestimmte, mit einem Kruzifix, einem kleinen Altar etc. versehene Zimmer, in den Klöstern der Betsaal. Nur mit Genehmigung des Bischofs kann Messe in ihnen gelesen werden. Priester vom O., s. Oratorianer.

Oratōrium (lat., "Betsaal"), Name einer halb dramatischen, halb epischen und lyrisch-kontemplativen Kompositionsgattung, deren Name daher rührt, daß in den Versammlungen des von Filippo Neri in Rom begründeten, nach dem Ort seiner Zusammenkünfte Congregazione dell' oratorio genannten frommen Vereins musikalische Aufführungen stattfanden, anfänglich schlichte Hymnengesänge (laudi) von Animuccia und Palestrina, später eine Art Mysterien moralisierenden Inhalts mit Personifizierung abstrakter Begriffe (Vergnügen, Zeit, Welt etc.). Das erste im Oratorio Neris ausgeführte derartige Werk war Cavalieris "Anima e corpo" (1600), worin, als etwas Neues, der Stilo rappresentativo (recitativische Gesang), welcher als der für dramatische Aufführungen (rappresentazioni) jeder Art geeignetste erkannt worden war, Anwendung fand (vgl. Oper, S. 398). Die Instrumentalbegleitung (diese war die unerläßliche Bedingung des neuen Stils) bestand aus Cembalo, Chitarrone, Lira doppia (Kontrabaßviola), zwei Flöten und ad libitum Violine unisono mit der Sopranstimme. Die ersten Oratorien (der Name O. wurde wohl allmählich gebräuchlich als Abkürzung für "Rappresentazione per il [oder nel] oratorio") waren also wirkliche szenische Aufführungen mit symbolischer Darstellung der Begriffe oder, wo es sich um die Darstellung einer biblischen Geschichte (Azione sacra) handelte, mit agierenden Personen, so bei Kapsberger, Landi u. a. Erst bei Carissimi (1604-74) tritt die Partie des Erzählers (historicus) ein, und die szenische Aufführung fällt weg. Ihre Vollendung erhielt die Kunstform des Oratoriums durch Händel, dessen "Trionfo del tempo e del disinganno" beinahe bei Carissimi anknüpft (wenigstens dem Süjet nach) und wirklich eine Allegorie der alten Art ist. So hielten sich vom Anfang bis in die neuere Zeit nebeneinander das biblische O., von dem die Passion (s. d.) nichts andres als eine in Einzelheiten eigenartig fortentwickelte Spezies ist, und das allegorisierende O., für welches als bekanntes Beispiel noch Händels "L'allegro, il pensieroso ed il moderato" genannt sein mag. In der neuesten Zeit ist die letztere Gattung ganz verschwunden; dagegen ist eine neue hinzugekommen in den weltlichen Oratorien. Haydns "Schöpfung" bildet den Übergang zu diesen, die "Jahreszeiten" sind das erste wirkliche Beispiel. Um die Zusammengehörigkeit von Händels "Messias" und Schumanns "Paradies und Peri" und "Bezauberter Rose" zu einer Kunstgattung zu begreifen, muß man freilich vom Süjet ganz absehen und nur die Form berücksichtigen (Vereinigung der epischen Darstellung mit der dramatischen); doch haben unsre neuern Komponisten ihren guten Grund, weshalb sie ihren hierher gehörigen weltlichen Gesangswerken lieber den Titel O. nicht geben. Denn das eigentliche O. vermeidet Ensemblenummern, welche eine Situation voraussetzen, während das weltliche O. oft so dramatisch wird, daß einzelne Partien recht wohl als Opernfragmente gelten können. Zudem erinnert der Name doch zu sehr an die ursprüngliche Entstehung, als daß man diese ignorieren möchte. Von ältern Förderern der Kunstform des Oratoriums sind noch zu nennen: Heinrich Schutz, Sebastiani und J. S. Bach, also die Männer, welche die Passion zur höchsten Ausbildung brachten. Händel aber gab dem eigentlichen O. die seitdem typische Gestalt, indem er auf die alten italienischen Formen zurückgriff und den Erzähler und die Gemeindegesänge wegließ, die nun als Charakteristikum der Passion verblieben. Das Weihnachtsoratorium Bachs gehört daher der Form nach durchaus zu den Passionen. Von den Komponisten seit Bach und Händel haben außer Haydn nur Fr. Schneider, Klein, Spohr und Mendelsohn, in neuester Zeit F. Hiller, Liszt, Kiel und L. Meinardus Bedeutendes auf dem Gebiet des biblischen Oratoriums geleistet, während das weltliche Chorwerk in Schumann, Brahms, Bruch seine vorzüglichsten Pfleger fand. Vgl. Wangemann, Geschichte des Oratoriums (3. Aufl., Leipz. 1882); Böhme, Geschichte des Oratoriums (2. Aufl., Gütersl. 1887).

Oravicza (spr. -witza, Deutsch-O.), Markt im ungar. Komitat Krassó-Szörény, an der Österreichisch-Ungarischen Staatsbahn (Zweiglinie O.-Anina-Steyerdorf), mit (1881) 4262 deutschen und rumän. Einwohnern, Nonnenkloster, Theater, Bergbau, Dampfmühle, Zementfabrik und Bereitung von Slibowitz und Obstkonserven. O. ist Sitz einer Berghauptmannschaft. Südwestlich davon Roman-O., Dorf mit (1881) 2242 meist rumän. Einwohnern, Fabrikation von Paraffin und Mineralöl (durch Destillation von Naphthaschiefer gewonnen) und Weinbau. Der Montanbezirk O. umfaßt den von Moldova über Szászka und O. sich erstickenden Erzstrich mit den Fundorten O., Szászka, Dognácska, Moldova u. a. für Eisen- und Kupfererz, Steyerdorf u. a. für Steinkohlen. Daselbst wird in geringer Menge auch Gold, Silber, Blei und Bleiglätte, Kupfer, Chromerz und Petroleum gewonnen. Die großen Eisen- und Stahlwerke und Steinkohlengruben in Steyerdorf-Anina, Resicza, Bogsán und Dognácska etc., welche die Österreichische Staatsbahngesellschaft 1854 für 11 Mill. Gulden angekauft hat, sind durch Bergbahnen mit der Temesvár-Baziáser Bahn verbunden und beschäftigen (1883) 13,683 Arbeiter. Die Produktion betrug 1883: an Steinkohlen 3,293,040, Eisenerz 984,330, Roheisen 428,960, Gußwaren 61,620, Waren aus gewalztem Stahl 248,040 metr. Ztr. In der Nähe von O. der berühmte Höhenkurort Marillathal (s. d.).

Orb, Stadt im preuß. Regierungsbezirk Kassel, Kreis Gelnhausen, an der Orb, einem Nebenfluß der Kinzig, 181 m ü. M., hat ein Kloster der Barmherzigen Schwestern, ein Amtsgericht, eine Oberförsterei, 2 Kinderheilanstalten, eine Saline, Zigarrenfabrikation und (1885) 3371 meist kath. Einwohner. O. besitzt auch zwei jod- und bromhaltige Solquellen, die zu Solbädern besonders bei skrofulösen Affektionen und rheumatischen Leiden angewendet werden, sowie einen Sauerbrunnen (zu Trinkkuren). Der Ort kam 1866 von Bayern an Preußen.

Orbah, Getreidemaß, s. Ueba.

Orbe, Bezirkshauptstadt im schweizer. Kanton Waadt, am Austritt des Flusses O. (s. Thièle) aus seiner Juraschlucht in die versumpfte Ebene (s. Juragewässerkorrektion), mit (1880) 1884 Einw. O. hieß zur Römerzeit Urba und war unter den Merowingern und Karolingern ein stark befestigter königlicher Sitz, wo Karl der Dicke zuweilen residierte, und auch unter den Königen von Kleinburg und seit Rudolf I. längere Zeit königliche Residenz. Vgl. Schallens. Die Stadt ist Geburtsort des Reformators Viret, dem im Mai 1877 ein Denkmal daselbst errichtet wurde.