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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Österreich, Kaisertum

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Österreich, Kaisertum (Bevölkerung, Nationalitäten).

gegen nur mit 0,74 Proz. Was die einzelnen Länder und ihre Bevölkerungsvermehrung von 1869 bis 1880 betrifft, so steht Niederösterreich in erster Reihe (Zunahme 17 Proz.), dessen Hauptstadt mit den umliegenden ganz ungewöhnlich rasch sich entwickelten Vororten eine starke Anziehungskraft auf die Bewohner andrer Kronländer ausübt und hauptsächlich durch Zuzug, weniger durch Propagation der Bevölkerung an Volkszahl gewinnt. Im österreichisch-illyrischen Küstenland macht sich ein ähnlicher Einfluß der großen Handelsstadt Triest geltend. Die wirtschaftlich hoch entwickelten Sudetenländer Böhmen, Mähren, Schlesien zeigen im ganzen gegen die Periode 1857-69 eine Verlangsamung der Volksvermehrung, wenn auch einzelne geographische Rayons, wie die Umgebung von Prag, das Kohlen- und Industrierevier von Aussig, Teplitz, Brüx, die Marchebene Mährens, ein ungewöhnlich rasches Anwachsen der Bevölkerung gerade in jüngster Zeit aufweisen. Dagegen fehlt es auch nicht an Gegenden mit abnehmender Volkszahl, so einzelne Ackerbaudistrikte im SO. Böhmens, das böhmisch-mährische Grenzplateau, einzelne Alpengegenden (infolge des Niederganges der kleinen Eisengewerke, des Rückganges der Südtiroler Seidenzucht und des Weinbaues daselbst). Durch Auswanderung verlor Ö. in dem Zeitraum 1875-84 nach den Ausweisen der politischen Behörden 82,624 Personen (in Wirklichkeit wegen der heimlichen Auswanderung noch mehr); am stärksten war die Emigration in den Jahren 1875 mit 10,012, dann wieder 1880 mit 10,145 und 1881 mit 13,341 Personen, seit dem letztern Jahr beträgt sie wieder jährlich ca. 7000. Der Hauptanteil fällt auf Böhmen mit 43,871 und auf Tirol mit 15,871 Personen (im ganzen Zeitraum). Im erstern Kronland sind es hauptsächlich die tschechischen Ackerbaudistrikte, im letztern Kronland die italienischen Bezirke, welche das Hauptkontingent zur Auswanderung stellen. Die böhmischen Auswanderer gehen meist über Bremen und Hamburg nach Nordamerika, die welsche Emigration wendet sich im Anschluß an die auch in Norditalien in großen Proportionen auftretende Auswanderung über italienische und französische Häfen nach Mittel- und Südamerika. Die Volksdichtigkeit beziffert sich nach der letzten Volkszählung mit 74 Einw. auf 1 qkm (1869 war sie 67). Die Kronländer reihen sich in dieser Beziehung folgendermaßen aneinander:

^[Liste]

Niederösterreich 118 Einw. Bukowina 55 Einw.

Schlesien 110 " Steiermark 54 "

Böhmen 107 " Krain 48 "

Mähren 97 " Dalmatien 37 "

Küstenland 81 " Kärnten 34 "

Galizien 76 " Tirol u. Vorarlberg 31 "

Oberösterreich 63 " Salzburg 23 "

Noch auffallender werden die Unterschiede, wenn man die Bezirke vergleicht. Hiernach kommt die dichteste Bevölkerung (von den Stadtgebieten abgesehen) auf die Bezirkshauptmannschaften des nördlichen Böhmen (Rumburg 366, Gablonz 272, Schluckenau 256 Einw. auf 1 qkm), die dünnste im Alpengebiet auf die Bezirkshauptmannschaften Zell (12), Tamsweg und Landeck (13 Einw. auf 1 qkm).

Dem Geschlecht nach wurden beim letzten Zensus 10,819,737 männliche und 11,324,507 weibliche Personen gezählt, was einen weiblichen Überschuß von 504,770 ergibt, so daß auf 1000 männliche Individuen 1047 weibliche kommen. Bei der vorhergehenden Zählung (1869) war dieses Verhältnis 1000:1041; es hat sich demnach in der Periode 1869-80 die weibliche Bevölkerung stärker vermehrt als die männliche. Unter den einzelnen Kronländern zeigen die Sudetenländer (Schlesien, Mähren, Böhmen) und Krain den höchsten Überschuß weiblicher Bevölkerung (1077-1109 weibliche Einwohner auf 1000 männliche), wogegen in Dalmatien und dem Küstenland sogar das männliche Geschlecht überwiegt. Hinsichtlich des Zivilstandes setzt sich die anwesende Bevölkerung Österreichs im J. 1880 in Prozenten folgendermaßen zusammen:

Zivilstand männlich weiblich

Ledige 61,51 57,71

Verheiratete 35,54 34,16

Verwitwete 2,91 8,08

Geschiedene 0,04 0,05

Die Bewegung der Bevölkerung, welche sich aus den Daten über die jährlichen Trauungen, Geburten und Sterbefälle ergibt, ist in Ö. hinsichtlich der Trauungsziffer und des allgemeinen Geburtenverhältnisses eine sehr günstige zu nennen. Schattenseiten in der Bevölkerungsbewegung Österreichs bilden dagegen die zahlreichen unehelichen Geburten und die hohe Sterblichkeitsziffer, insbesondere die sehr bedeutende Kindersterblichkeit. Es kommen nämlich im Jahresdurchschnitt auf 1000 Einwohner 8 Trauungen (nur Serbien, Ungarn, das Deutsche Reich und Rußland weisen noch günstigere Ziffern auf), 39 Lebendgeborne und gegen 31 Sterbefälle. Unter 1000 Geburten sind durchschnittlich 136 uneheliche, eine Ziffer, die nur von wenigen Ländern Europas, wie Bayern, Mecklenburg, Portugal, noch überboten wird, in einigen österreichischen Kronländern aber noch viel höher ist, so in Salzburg, Steiermark und Niederösterreich mit 300, in Kärnten sogar mit 440 unehelichen Geburten unter 1000. Die bis zum fünften Lebensjahr Gestorbenen betragen die Hälfte aller Gestorbenen. Die Zahl der Wohnorte in Ö. wurde bei der Zählung im J. 1880 mit 55,341 festgestellt, welche 2,995,577 bewohnte Häuser umfaßten. Hiernach kamen ein Wohnort auf 5,4 qkm, auf einen Ort kamen 54 Häuser und 400 Einw., und je ein Haus war von mehr als 7 Personen bewohnt. Die angeführten Ortschaften bilden zusammen 27,434 Ortsgemeinden. Von diesen hatten mehr als 10,000 Einw. 110 Gemeinden, 5-10,000 Einw. 197 und 2-5000 Einw. 1431 Gemeinden; zusammen daher über 2000 Einw. 1738 Gemeinden, welche insgesamt 8,507,259 Einw. oder 38,4 Proz. der Bevölkerung Österreichs zahlten. Die in größern Ortschaften konzentrierte städtische Bevölkerung macht demnach in Ö. keinen verhältnismäßig großen Teil der Gesamtbevölkerung aus. Die volkreichsten Städte waren nach der letzten Volkszählung: Wien, Prag, Triest, Lemberg, Graz, Brünn, Krakau, Czernowitz, Linz und Pilsen. Zwischen 20,000 und 30,000 Einw. hatten 29 Gemeinden.

Nationalität.

(Hierzu die "Ethnographische Karte von Österreich-Ungarn".)

Unter allen Staaten Europas (Rußland ausgenommen) hat keiner eine Bevölkerung, welche aus mehr Nationalitäten bestände als die Österreich-Ungarns. Die drei Hauptvölker Europas, Deutsche, Slawen und Romanen, bilden auch die Hauptstämme Österreichs, während jenseit der Leitha als vierter und dort auch herrschender Stamm die Magyaren hinzukommen. Der Zahl nach überwiegt in Ö. allerdings die slawische Nation. Dieselbe zerfällt aber in sechs nicht bloß mundartlich, sondern auch kulturell und historisch unterschieden Stämme, welche der gemeinsamen Schriftsprache entbehren und daher als ebenso viele Völker angesehen werden müssen. Derjenige Stamm, welchem der erste Platz in Ö. gebührt, kann nur der deutsche sein und zwar wegen seiner relativen Majorität über alle andern Stämme,