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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Ostindien

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Ostindien (Volksbildung, Ackerbau, Viehzucht, Waldkultur).

neuern Bestrebungen im Brahmanismus, der zunehmende Besuch von Mittelschulen, der Verkehr mit Europäern haben bei einzelnen unter den bessern Ständen das Kastenvorurteil einigermaßen gelockert, der große Haufe hängt aber so starr daran, daß im Grund nur der eingewanderte Europäer als Kastenloser dasteht. Entscheidend für die Stellung eines jeden ist, welche Kasten mit ihm eine Ehe erlauben, mit ihm essen und verkehren. Die Ehe wird zwar jetzt innerhalb viel weiterer Kreise gestattet als früher, und die Frauen werden gegenwärtig sogar meist unter verwandten Kasten statt innerhalb der eignen gesucht. Aber noch immer entscheiden Schiedsgerichte (pantschayad) mit derselben Autorität wie früher alle Streitigkeiten über Kastenfragen (Ehezulässigkeit, Gemeinschaft von Essen und Schlafen etc.), und Jahrhunderte werden noch vergehen, bis das so tief eingewurzelte Kastenwesen beseitigt sein wird. Politisch ist das Kastenwesen der Ruin des Landes gewesen; es hat den fremdländischen Eroberern den Sieg erleichtert und ermöglicht noch heute wenigen Engländern die Herrschaft über die ihnen numerisch unendlich überlegenen Völkermassen, namentlich da zu den vielfachen Spaltungen innerhalb der Hindu die scharfen Gegensätze zwischen ihnen und den Mohammedanern, den Sikh und Dschaina, kommen.

Die Sprachen Indiens lassen sich unter zwei Hauptgruppen bringen, die indo-europäischen und die drawidischen Sprachen, zu denen noch die auf Hinterindien beschränkten tibetischen, die kolarianische in Tschutia-Nagpur und die Khassisprache in Assam kommen. Zur indo-europäischen Sprachfamilie gehören das Kaschmiri, Pandschabi, das Hindi, welches, mit persisch-arabischen Elementen versetzt, als Hindustani die allgemeine Verkehrssprache und dessen Kenntnis für höhere Stellen in der Verwaltung wie im Heer Bedingung ist, ferner das Sindi, Gudscharati, Marathi, Oriya (in Orissa), Bengali und Assami. Für alle diese ist Grundsprache das Sanskrit, neben welchem sich das Pâli, die Kirchensprache der südlichen Buddhisten, und die volkstümlichen Prâkritdialekte entwickelten. Zu den Drawidasprachen, die sich durch den Charakter der Agglutination auszeichnen, gehören das Telugu, Tamil, das Kanaresische, Malayalam u. a. Hierzu kommt noch das Birmanische in Hinterindien und eine Anzahl fremder Sprachen, worunter das Englische bereits 6 Mill. Indern mehr oder weniger geläufig ist. Die Schriftsysteme sind äußerst mannigfaltig; für Hindustani sowie für Hindi ist das persische Alphabet eingeführt; neuerdings geht man mit dem Gedanken um, die einheimischen Alphabete durch die englische Schrift zu ersetzen. Gefördert wird ein solcher Plan durch die von der Regierung unterstützten oder begründeten Schulen, wo, wenigstens in den höhern und teilweise in den mittlern, das Englische die Unterrichtssprache ist. An der Spitze stehen die Universitäten zu Kalkutta, Madras, Bombay, welche indes nur Verwaltungs- und Examinationsbehörden sind; die Universität zu Lahor fördert orientalische Studien. Unter ihnen stehen die Colleges, welche eine allgemeine Bildung oder eine solche für besondere Berufszweige zu geben bestimmt sind; dann kommen die Mittelschulen, zuletzt die Volksschulen. Die Hauptsache ist immer noch privater Initiative und Fürsorge überlassen. Man zählte 1886: 122,516 Schulen mit 3,119,423 Schülern und nur 213,428 Schülerinnen. In ganz Britisch-Indien können von 1000 Personen, welche das schulpflichtige Alter überschritten haben, nur 104 lesen und schreiben. Die Presse entwickelt trotzdem eine große Thätigkeit; von den 644 gegenwärtig erscheinenden Zeitschriften werden 336 in Hindustani, Marathi, Gudscharati, Tamil und Telugu, 244 in englischer Sprache und 84 in zwei Sprachen gedruckt. Sehr viele der letztern sind Eigentum von Indern und führen oft eine den Engländern sehr feindliche Sprache. Die Buchlitteratur besteht aus Kalendern, religiösen Abhandlungen, Übersetzungen europäischer Meisterwerke; 1883 brachte der Büchermarkt 6198 Werke, davon 655 in englischer oder einer andern europäischen Sprache, 4208 in reinem indischen Dialekt, 626 in einer der klassischen Sprachen Indiens und 709 in mehr als einer Sprache.

Ackerbau, Viehzucht. Waldkultur.

Der Grund und Boden war ursprünglich nicht Einzeleigentum, vielmehr herrschte Feldgemeinschaft; für die Steuern war die Gemeinde dem Herrscher haftbar, der sie durch seine Steuererheber (Zemindars) eintreiben ließ. Als die englische Regierung an die Stelle der einheimischen Herrscher trat, ließ sie diese Zustände bestehen, nur beseitigte sie die schreiendsten Mißbräuche. Doch ist das System kein einheitliches in allen Teilen des Landes; in einigen ist die Grundsteuer auf immer festgesetzt, in andern gilt sie für 30 Jahre, in Assam nur auf ein Jahr. Von der Gesamtbevölkerung Indiens leben 90 Proz. direkt oder indirekt vom Landbau. Derselbe hat sich durch die Anlage von Bewässerungskanälen und Verkehrsmitteln in den letzten Jahren sehr gehoben und auch in seinem Charakter wesentlich geändert. Am ausgedehntesten ist der Anbau von Hirsearten, Reis, Weizen, der aber nicht südlich vom Dekhan gedeiht, von Ölsaaten, Gewürzen, Mohn zur Opiumbereitung (der Anbau ist in Bengalen Regierungsmonopol), von Tabak, Kaffee, Thee, dem Chinarindenbaum, ganz besonders aber von Baumwolle und von Jute (nur in Bengalen) und Indigo; Kartoffeln baut man mit gutem Erfolg in Assam. Manche dieser Kulturen, wie Thee, Chinarinde u. a., wurden erst durch die Engländer eingeführt, andre, wie Weizen, durch sie ungemein erweitert. Der Ackerbau steht noch immer auf einer sehr niedrigen Stufe; alle Versuche, denselben durch Musterfarmen u. a. zu heben, mußten an der Armut der Bevölkerung scheitern. Noch weit niedriger steht die Viehzucht. Die Rinder gehören zur Zeburasse, oder es sind Büffel, beide werden trotz aller Verehrung der Hindu für die Kuh grausam vernachlässigt; ebenso sind die Pferde degeneriert, jetzt sucht man sie durch Einführung fremder Stämme zu veredeln. Die Schafe sind sehr geringwertiger Natur; die großen, aber häßlichen Schweine werden nur von den niedrigsten Kasten gegessen. Viehzählungen sind angestellt worden in den Präsidentschaften Madras und Bombay, im Pandschab, in den Zentralprovinzen, Berar und Britisch-Birma; dort gab es 1881: 30,747,334 Zeburinder und Büffel, 434,302 Pferde, 506,345 Esel, 2170 Elefanten (fast alle in Britisch-Birma), 126,689 Kamele (meist im Pandschab), 17,534,898 Schafe und Ziegen und 560,655 Schweine. Die Seidenzucht ist im Rückgang, in den Wäldern findet man eine grobe, wilde, die Tasarseide. Den Wäldern widmet man erst in neuester Zeit Aufmerksamkeit. Sie bedecken noch immer ein Drittel der Oberfläche, sind aber aus manchen Gegenden infolge der üblichen Brandkultur bereits ganz verschwunden. Ein staatliches Forstdepartement sorgt für die Erhaltung der zu Staatseigentum erklärten Waldreserven, namentlich der wertvollen Teakwaldungen, sowie für Anpflanzungen geeigneter Baumarten, auch australischer und amerikanischer. Außer