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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Paläontologie

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Paläontologie (geschichtliche Entwickelung).

schauung, welche im Kampf mit einer zweiten, kaum weniger engherzigen und falschen die nächsten Jahrhunderte fast ausschließlich trotz des Widerspruchs einzelner beherrscht hat. Diese zweite, mit Avicennas Lehre ringende Ansicht ist die Hypothese der ausschließlichen Herkunft aller Versteinerungen von der Sintflut, zuerst von Alessandro Alessandri (1461-1523) ausgesprochen. Namentlich die letztere Ansicht hatte sich viel zu sehr der Unterstützung der Kirche zu erfreuen, als daß gegenteilige Stimmen gehört worden wären, welch letztere demnach eher ein historisches Interesse als Vorläufer einer geklärten Anschauung für sich beanspruchen, als daß sie auf die Meinungen der Zeitgenossen Einfluß gehabt hätten. Zu solchen ungehörten Predigern in der Wüste gehört der berühmte Maler Leonardo da Vinci (1452 bis 1519), der namentlich gegen die Annahme der vis plastica polemisierte; ferner Fracastoro (1483-1553), welcher gegen die Hypothese einer allgemeinen Annahme der Herkunft von der Sintflut den geistreichen Einwurf erhob, daß es sich ja dann nur um Reste von Süßwasserbewohnern handeln müsse, während doch offenbar unter den Versteinerungen auch ehemalige Bewohner des Salzwassers vorlägen; endlich der Franzose Palissy (1499-1589), der sich zu öffentlicher Disputation über die Abstammung der Reste von Meerestieren erbot, während Deutschlands berühmter Bergmann Agricola wenigstens nur für einen Teil der Reste die Erzeugung durch eine vis plastica annahm, andre dagegen als organischen Ursprungs deutete. Es ist kaum eine Verbesserung zu nennen, daß der Engländer Llwyd (Luidius, 1660-1709) und im Anschluß an ihn der Schweizer Lange (Langius, 1670-1741) zur Erzeugung der Formen eine in die Erde geratene "Samenluft" (aura seminalis) annahmen, die in weitaus den meisten Fällen nur Einzelteile von Organismen (Blätter, Zähne etc.) erzeugt habe, niemals aber lebensfähige Individuen. Gewissermaßen in dem Schatten dieses die gelehrte Welt beherrschenden Kampfes der beiden Ansichten über die Abstammung der Reste und unbekümmert um diese mehr philosophisch als naturwissenschaftlich behandelte Frage vollzog sich manche Einzelbeobachtung, die, wenn auch für den Moment ohne Einfluß auf die Tagesmeinung, doch mitwirkte, die Ansichten allmählich zu klären. So unterscheidet Colonna (1567-1647) scharf zwischen Süßwasser- und Seewasserresten, Steno (1631-86), ein geborner Däne, aber lange in Italien seßhaft, parallelisiert die fossilen Haifischzähne mit rezenten, der Engländer Lister (1638-1712), der Entwerfer der ältesten geologischen Karte, macht auf die Verschiedenheit der Reste in verschiedenen Schichten aufmerksam, sein Landsmann Hooke (1635-1703) weist auf den Widerstreit zwischen den in England aufzufindenden Versteinerungen und dem heute dort herrschenden Klima aufmerksam, und selbst eine Reihe vollkommen unter dem Einfluß der Hypothese von der Sintflut stehender Publikationen sind wertvoll durch exakte, oft durch vortreffliche Abbildungen unterstützte Beschreibungen einzelner Versteinerungen. Schon Bauhins 1598 erschienene Beschreibung des "Wunderbades Boll" (in Württemberg) weist deutlich auf bestimmte Spezies beziehbare Abbildungen von Ammoniten und Belemniten auf. Von spätern Publikationen in diesem Sinn seien die von Woodward (1665-1728), der als Ursache der Sintflut den Ausbruch eines unterirdisch vorhandenen Meers annahm, und diejenigen Scheuchzers (1672-1733) citiert, letzterer ganz besonders populär durch seine bewegliche Apostrophe an das Molchskelett von Öningen, von ihm als "Beingerüst eines Homo diluvii testis" gedeutet. Ja, selbst das von dem Nürnberger Knorr begonnene, vom Jenaer Professor Walch fortgesetzte sechsbändige Prachtwerk von Abbildungen ("Deliciae naturae selectae") steht, wie schon der Titel einer andern Publikation Knorrs ("Sammlung von Merkwürdigkeiten der Natur, zum Beweis einer allgemeinen Sündflut") beweist, noch ganz unter dem Einfluß der fast unbestrittenen Sintfluthypothese. Charakteristisch, wenn auch für uns kaum begreiflich ist es, daß die Kämpfe der Ansichten über Geogenie sich fast ausschließlich auf anderm Gebiet als auf paläontologischem abspielten, wenn sie auch gelegentlich die Ansichten über die Versteinerungen streiften und mehr oder weniger alterierend auf sie einwirkten. So fußten die Hypothesen eines Cartesius (1596-1650), eines Leibniz (1656-1716) in erster Linie ebensowenig auf einer Betrachtung des Vorkommens organischer Reste in ältern Schichten, wie später der die geologische Welt erschütternde Streit zwischen der Wernerschen Schule (1750-1817) und dem Engländer Hutton und seinen zum Teil aus den Schülern Werners gewonnenen Anhängern (Humboldt, v. Buch) auf das Auftreten von Versteinerungen einen wesentlichen Bezug nahm.

Ein großer Fortschritt paläontologischen Wissens ist an Buffons Namen (1707-88) geknüpft. Er brach energisch und erfolgreich mit den Sintflutideen, indem er der Erde ein viel höheres Alter als das biblische nachrechnete und in den Versteinerungen ausgestorbene Formen erkannte. Häufung des Materials durch die Detailforschungen eines Sowerby (1757-1822), Lamarck (1744-1829) u. a. bereiteten die epochemachenden Arbeiten Brongniarts (1801-1876) und Cuviers (1769-1832) vor, unter denen namentlich des letztern "Recherches sur les ossements fossiles" in erster Linie genannt zu werden verdienen. Mit dem Gesetz der Korrelation, der Harmonie der einzelnen Teile eines Organismus untereinander, stellte Cuvier eine Norm für die Forschung auf, die von den fruchtbarsten Folgen, namentlich für die richtige Deutung der Reste der höhern Wirbeltiere, begleitet war und selbst heute ihren Wert nicht verloren hat, wenn auch die allgemeine und ausnahmslose Anwendung durch manche unerwartete Beobachtung (man denke beispielsweise an die Bezahnung der Schnabel der Odontornithen) hinfällig geworden ist. Wenn aber Cuvier zugleich die Hypothese der zum öftern wiederholten Erdrevolutionen aufstellte, deren jede einzelne das gesamte Tier- und Pflanzenleben vernichtete und in neuer Periode neu entstehen ließ, so war dies eine Zugabe zu seinen Lehren, welche seitens der P. überwunden werden mußte, um zu richtigerer Erkenntnis der Wahrheit durchzudringen. Die erste Erschütterung der Hypothese kam aus den Reihen der Anhänger selbst. Mehr und mehr vertiefte Spezialforschungen zeigten, wie wenig lange die Formen aushalten, wie häufig sie von vollkommen andern abgelöst werden, wie oft also, um im Sinn der Cuvierschen Lehren zu reden, Erdrevolutionen, das Alte vernichtend, das Neue erschaffend, hätten eintreten müssen: je größer diese Anzahl, je geringer wurde die Wahrscheinlichkeit des Eintretens solcher Kataklysmen überhaupt. Agassiz' Untersuchungen über die fossilen Fische, d'Orbignys Arbeiten, in Deutschland Goldfuß' und v. Schlotheims Werke sind solche Spezialarbeiten, welche neben der Fixierung der Spezies auch ihre Verbreitung in horizontaler und vertikaler Richtung beleuchteten. Bronns Riesen-^[folgende Seite]