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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Persien

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Persien (Geschichte des neupersischen Reichs).

einige Jahre wilder Anarchie und Bürgerkriege in welchen die letzten Kräfte des persischen Reichs aufgerieben wurden, gerade zu der Zeit, als die Angriffe der Araber auf dasselbe begannen. Bereits 632 entrissen diese durch die Ketten- und die Augenschlacht den Persern das Euphratgebiet. Chosrus kraftvolle Tochter Argemidocht setzte zwar den Eroberungen der Araber eine Zeitlang ein Ziel; aber nach ihrer Ermordung durch Rustum wurde der schwache Isdegerd III., Chosrus Enkel, auf den Thron gesetzt, der nach der Niederlage seines Heers bei Kadesia und der Eroberung seiner Residenz Madain 636, wie einst Dareios III., nach Medien floh und nach fruchtlosen Kämpfen 650 durch Meuchelmord fiel. Sein Sohn Piruz führte als Flüchtling am chinesischen Hof bis 661 noch den persischen Königstitel. So erlag das Reich der Sassaniden dem Schwerte der Araber, die Religion des Zoroaster dem Islam.

P. zerfiel; die Verwaltung der Kalifen begünstigte Bestrebungen der Statthalter zu Selbständigkeit, es regte sich aber auch zeitweise und örtlich das persische Nationalgefühl. So schwangen sich in Nischapur die Taheriden (819-862) zu Herren auf, bis die Saffariden (873-900) sie verdrängten; länger (874-999) dauerte in Chorasan der Einfluß der Samaniden von ihrer Hauptstadt Bochara aus; diesen Provinzkönigen machte aber seit 1037 die türkische Dynastie der Seldschukken ein Ende, von denen in P. zwei Zweige, in Hamadan von 1037 bis 1175, in Kerma von 1041 bis 1187, herrschten. Diese kleinen Reiche schwemmten die Mongolenzüge hinweg. 1223 fiel Dschengis-Chan in P. ein; Hulagu, sein vierter Sohn, stiftete in P. die türkisch-tatarische Dynastie der Il-chan (1259-1346), die zeitweilig über alle Länder zwischen Oxus im N., Tigris im W., Indus im O. gebot. Allen Versuchen, eine neue persische Dynastie zu gründen, machte 1380 Timur (Tamerlan) ein Ende, welcher P. mit seinen Heeren überzog und 1387 in Ispahan ein fürchterliches Blutbad anrichtete, wobei 70,000 Köpfe zu einer Pyramide zusammengeschichtet wurden. P. blieb seinem großen asiatischen Reich einverleibt, und der Grund war gelegt zur Herrschaft der Mogulsultane in P. (1393-1505). Unter der Uneinigkeit der letzten Sultane gelang die Wiederaufrichtung einer Dynastie persischer Abstammung aus der Familie der Safi (Sufi, Sophi) und damit die Begründung des neupersischen Reichs.

Imael al Safi ben Schaich Haidar, Nachkomme von Safi uddin, einem Weisen (Philosophen, Safi), aus Aserbeidschân vom Turkmenenfürsten Dschehan Schah vertrieben, warf sich in Schirwan zum Führer der Perser auf, erhob die Bezeichnung Schiit, die bisher die schimpfliche Bedeutung eines Sektierers hatte, zu einem Ehrentitel und die schiitische Lehre zur Staatsreligion, indem er Haß gegen die sunnitischen Turkmenen predigte und Anhänger warb; 1502 konnte er sich Herr über ganz P. nennen. Unter den Safi kamen zu ewigen Fehden mit den Turkmenen häufige Kriege mit dem türkischen Kaiserreich, an das unter den schwachen Nachfolgern des Stifters mehrere Provinzen (Tebriz, Bagdad) verloren gingen. 1582 ward in Chorasan Abbas zum Herrscher ausgerufen, der sich den Beinamen des Großen verdiente und in langwierigen Kämpfen im Innern des Reichs und mit Bochara, Chiwa, den Türken, selbst mit den Portugiesen um die Insel Ormus im Persischen Golf den Thron befestigte, das Reich erweiterte. Auf Abbas (1627) folgte ein Jahrhundert der Schwäche; 1722 schwang sich ein Afghane, Mahmud, auf den Thron, veranlaßte aber eine Verbindung Rußlands und der Türkei und mußte ersterm im Vertrag vom 2. Okt. 1723 die West- und Südufer des Kaspischen Meers abtreten. Unerhörte Grausamkeiten führen 1725 die Erwürgung Mahmuds herbei, worauf ein Tatar, erst Regent für den Safi Tahmasp, 1736 als Nadir Schah zum König ausgerufen wurde. Schon als Regent nötigte er 1735 die Russen, die kaukasische Küstenländer bis auf Baku und Derbent zurückzugeben; siegreich gegen Turkmenen, Uzbeken in Bochara, Georgier und Afghanen, trug Nadir seine Waffen 1738-39 bis nach Dehli, wo er den Großmogul von Indien in seine Gewalt bekam und die Indusländer vorübergehend P. zuteilte. Auf der Höhe seiner Macht wurde Nadir 1747 ermordet. Kerim Chan aus dem Zendstamm vereinigte vom Süden aus wieder P. zu einem Reich und herrschte von 1759 bis 1779 als weiser Herrscher; 1763 gestattete er den Engländern eine Niederlassung in Buschir sowie den Handel im Persischen Golf. Nach seinem Tod wiederholte sich die alte Erscheinung von Thronentsetzungen und innern Kriegen, bis 1794 Aga Mohammed Chan, aus dem Stamm der Kadscharen von Masenderan, wo er eine hohe Hofstellung einnahm, die noch jetzt in P. regierende Dynastie der Kadscharen gründete; aber schon 1797 wurde Aga Mohammed ermordet. Sein Neffe Fath Ali regierte bis 1834. In den Kämpfen gegen die Russen (1804-13) verlor P. durch den Frieden vom 24. Okt. 1813 in Gulistan den größten Teil seiner kaukasische Besitzungen. Höchst unklug ward von P. unter Führung des (1833 verstorbenen) Kronprinzen Abbas Mirza 1826 der Kampf um seine Besitzungen in Transkaukasien wieder aufgenommen; er endete im Frieden von Turkmantschai (23. Febr. 1828) mit dem Verlust von Eriwan und Nachitschewan, der Zahlung der Kriegskosten und dem Verzicht auf eine Kriegsflotte auf dem Kaspischen Meer.

Im J. 1834 bestieg Mehmed Schah, Enkel von Fath Ali, den Thron, dem 1848 sein älterer Sohn, Nassr eddin, der noch jetzt regierende Schah von P., folgte. 1856 geriet P. durch die Besetzung Herats in Konflikt mit England. England erklärte 1. Nov. 1856 an P. den Krieg, besetzte die Insel Charak vor Buschir und zwang P., das, ohne Kriegsflotte, seine Gestade England preisgegeben sah, im Pariser Frieden vom 4. März 1857 zum Verbrechen, in allen Streitigkeiten mit Herat oder Afghanistan vor der Kriegserklärung Englands Vermittelung eintreten zu lassen. Wiederholt gespannt waren die Verhältnisse mit der Türkei; 1847 wurde die lange schwebende Grenzfrage, die schon durch das Schwert ausgetragen werden sollte, durch den Friedensvertrag von Erzerum dahin verglichen, daß Kommissare Rußlands, Englands und der beteiligten zwei Staaten die lange türkisch-persische Grenze regulieren und festsetzen sollten. Die Kommissare entledigten sich ihrer Aufgabe bis 1852 unter Überwindung großer Schwierigkeiten; der Vertrag wurde von den Türken aber nicht ratifiziert, und 1878 bestimmte der Berliner Vertrag, daß die Türkei den Bezirk von Chotur an P. abzutreten habe. 1873 trat der Schah die schon lange beabsichtigte Reise nach Europa an. 1878 ward die Reise wiederholt. (Vgl. Nassr eddin.) Die Erwartungen, die sich an diese in Persiens Geschichte unerhörten Reisen geknüpft hatten, erfüllten sich nicht; die innere Verwaltung blieb so schlecht, wie sie war, die Verarmung ergriff immer weitere Kreise. Nur eine österreichische Militärmission, deren Entsendung 1877 ausgewirkt worden war, erwarb sich durch die