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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Pestalozzi

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Pestalozzi.

bestimmt wurde, so mußte P. mit seinem Institut es 22. Aug. 1804 räumen. Während seines Aufenthalt in Burgdorf schrieb er: "Wie Gertrud ihre Kinder lehrt; ein Versuch, den Müttern Anleitung zu geben, ihre Kinder selbst zu unterrichten" (Bern u. Zürich 1801) und "Buch der Mütter, oder Anleitung für Mütter, ihre Kinder bemerken und reden zu lehren" (das. 1803). Die gesunden Grundgedanken der Pestalozzischen Pädagogik finden namentlich in dem letztern Buch eine oft recht wunderliche Anwendung und Ausgestaltung. In Gemeinsamkeit mit den übrigen Lehrern wurden abgefaßt und unter Pestalozzis Namen veröffentlicht: "ABC der Anschauung, oder Anschauungslehre der Maßverhältnisse" und "Anschauungslehre der Zahlverhältnisse". Die Berner Regierung räumte für Pestalozzis Anstalt das Kloster Münchenbuchsee ein und ließ dasselbe hierzu einrichten. Pestalozzis Bestrebungen wurden inzwischen in immer weitern Kreisen bekannt und beachtet. Er hatte, namentlich aus Deutschland, Zuspruch von vielen Fremden, die seine Methode durch den Augenschein kennen zu lernen wünschten. Da aber Ordnung in der Hauswirtschaft gerade die Eigenschaft war, welche P. am wenigsten besaß, so ging das Institut bald seiner Auflösung entgegen, weshalb die Lehrer der Anstalt Ökonomie und Direktion an den von P. angeregten Philanthropen Ph. E. v. Fellenberg, der nahe bei Buchsee, in Hofwyl, wohnte, übergaben. P. folgte darauf gern der Einladung, welche von Iferten (Yverdon) aus an ihn erging, eine Erziehungsanstalt für Kinder aus allen Ständen und zugleich eine Anstalt für Lehrerbildung zu übernehmen, und begab sich mit einigen seiner Lehrer, unter andern Niederer, der auf die ganze Entwickelung des neuen Unternehmens den größten Einfluß übte, und acht Zöglingen dahin; ein halbes Jahr später folgten ihm die übrigen Lehrer nach. Mit dem Eintritt Pestalozzis in Iferten beginnt die Periode, in der P. und sein Institut eine europäische Berühmtheit erlangten. Pestalozzische Lehrer unterrichteten in Madrid, Neapel und Petersburg; der Kaiser von Rußland bezeigte ihm persönlich sein Wohlwollen, und Fichte erblickte in P. und seinem Wirken den Anfang einer Erneuerung der Menschheit. Dieser außerordentliche Erfolg machte P. zu sicher in Bezug auf das, was er erreicht hatte, und verleitete ihn öfters zur Unbilligkeit gegen das, was bereits anderwärts zur Verbesserung des Unterrichts und der Erziehung geschehen war. Selbsttäuschung konnte bei ihm um so eher Platz greifen, als er immer sehr abhängig von seiner Umgebung blieb und die verwandten Bestrebungen andrer fast gar nicht kannte, überhaupt in den letzten Jahrzehnten seines Lebens wenig oder gar nichts las. Zunächst waren allerdings die Leistungen des Instituts glänzende, zumal in dem von Joseph Schmid selbständig geleiteten Rechenunterricht und in der Sprachfertigkeit der Zöglinge. Doch gehörten diese je länger, desto mehr den höhern Ständen an; die unmittelbare Wirksamkeit für das niedere Volk, die P. eigentlich beabsichtigte, trat in den Hintergrund. Allmählich erhob sich auch Widerspruch gegen die Pestalozzischen Ansichten und zumal gegen sein Institut, in dem allerdings bei Pestalozzis Unfähigkeit zur Leitung und Haushaltung die Ordnung viel zu wünschen übrigließ. In öffentlichen Blättern, namentlich schweizerischen, wurde für und wider P. ein heftiger Kampf geführt. Im Einverständnis mit seinen Lehrern stellte daher P. 1809 an die schweizerische Tagsatzung den Antrag auf eine öffentliche Prüfung der Anstalt, und der Landammann beauftragte mit derselben eine Kommission, deren bedeutendes Mitglied der Freiburger Pater Girard (s. d.) war. Der Bericht dieses ebenso wohlwollenden wie sachverständige Beurteilers schließt mit den bezeichnenden Worten: "Schade, daß die Gewalt der Umstände Herrn P. immer über die bescheidene Laufbahn hinaustrieb, die ihm sein reiner Eifer und seine innige Liebe vorgezeichnet hatten. Zollen wir der guten Absicht, der edlen Anstrengung, der unerschütterten Beharrlichkeit gerechte Anerkennung; nutzen wir diese heilsamen Ideen, folgen wir dem guten Beispiel, das man uns gegeben, und beklagen wir das Verhängnis eines Mannes, der durch die Gewalt der Umstände stets gehindert wird, gerade das zu thun, was er eigentlich will." Infolge der Zwistigkeiten unter den Lehrern wich zuletzt aller Segen von der Anstalt und von Pestalozzis Unternehmungen. 1818 schloß Schmid mit Cotta einen Kontrakt zur Herausgabe sämtlicher Werke Pestalozzis. Da bedeutende Subskriptionen einliefen, erwachten in dem immer jugendlichen Geist Pestalozzis neue Hoffnungen für sein Streben; er bestimmte 50,000 franz. Livres, "welche die Subskription ertragen werde", zu pädagogischen Zwecken und errichtete in demselben Jahr, seinen ursprünglichen Zweck wieder aufnehmend, eine Armenanstalt zu Clindy, in der Nähe von Iferten. 1825 löste P. das Institut zu Iferten auf und kehrte als fast 80jähriger Greis nach Neuhof zurück, wo er den "Schwanengesang" und seine "Lebensschicksale" schrieb. In diesen letzten Schriften hat P. mit rührender Offenheit die Fehler und Mißgriffe eingestanden, welche das Mißlingen seiner praktischen Versuche mit bedingt haben. Diese Offenheit gereicht ihm mehr zur Ehre als manchem seiner Biographen und Kritiker die Leichtfertigkeit, mit welcher sie ihm die in mancher Hinsicht offenbar übertriebenen Selbstanklagen nachsprechen. Noch in demselben Jahr ward er zum Vorstand der Helvetischen Gesellschaft zu Schinznach erwählt. Im folgenden Jahr las er noch der Kulturgesellschaft zu Brugg eine Abhandlung vor: "Über die einfachsten Mittel, das Kind von der Wiege an bis ans sechste Jahr im häuslichen Kreis zu erziehen". Er starb zu Brugg im Aargau 17. Febr. 1827. Bei klarster Kenntnis der menschlichen Natur im allgemeinen war P. unfähig, die einzelnen Menschen zu durchschauen und zu leiten; er sah die schönsten Ideale als Ziel seines Lebens vor sich, war aber blind, wenn er den Weg zu diesen Idealen finden und zeigen sollte. In seinem "Lienhardt und Gertrud" malt er mit unverkennbarer Liebe und im vollen Gefühl ihrer sittlichen Bedeutung die schöne Ordnung des bäuerlichen und bürgerlichen Haushalts; aber niemand war ferner von einer klaren, haushälterischen Lebensordnung als er. Die Liebe zu dem armen verlassenen Volk war seines Herzens Leidenschaft, aber es fehlte seiner Liebe der Zügel der Überlegung. Wenn aber auch alle seine äußern Werke wieder zerfielen, so ist doch sein Leben ein großartig fruchtbares und gesegnetes gewesen. Liebe und Begeisterung für die Erziehung der Jugend und des Volkes hat er in weiten Kreisen geweckt. Wenn diese heute in allen zivilisierten Staaten als nationale Angelegenheit von grundlegender Bedeutung anerkannt ist, so ist das nicht am wenigsten P. zu danken. Dazu hat er in der Zurückführung alles Unterrichts auf die Grundlage der Anschauung und in der Forderung einer naturgemäßen Entwickelung in jedem Lehrfach sowie endlich in der Beziehung jeder einzelnen unterrichtlichen wie erziehlichen Thätigkeit auf die höchste Aufgabe der Erziehung, "allgemeine Emporbildung der natürlichen