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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Peter

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Peter (Peter der Große).

wo der Hauptzweck seiner Gesandtschaft, von den Generalstaaten eine Flotte gegen die Türken zu erhalten, gescheitert war, ging er nach Sachsen und von da nach Wien und Preßburg. Am 4. Sept. 1698 traf er wieder in Moskau ein und ließ ein schweres Strafgericht über die Strelitzen ergehen, die wieder einen Aufstand gemacht hatten. Auch Eudoxia mußte ins Kloster wandern; die Strelitzen aber verteilte der Zar in kleinen Haufen über das Reich, so daß sie allmählich verschwanden. Von nun an folgten die Neuerungen und Reformen mit stürmischer Eile. Die altrussische Zeitrechnung, nach welcher das Jahr im Herbst begann, wurde vom 1. Jan. 1700 an abgeschafft; allen Vornehmen und Geringen ward geboten, sich in deutsche Tracht zu kleiden und den Bart zu scheren, ohne daß eine konsequente Durchführung dieser Maßregel möglich gewesen wäre. Der am 3. Juli 1700 mit der Pforte abgeschlossene 30jährige Friede hatte das 1696 eroberte Asow und demnach den Schlüssel zu dem Schwarzen Meer an Rußland gebracht; um nun auch an der Ostseeküste Fuß fassen zu können, verbündete sich P. mit Dänemark und mit König August II. von Polen gegen Schweden. Bei Narwa von Karl XII. 20. Nov. 1700 aufs Haupt geschlagen, erhielt er durch seines Gegners verkehrte und hartnäckige Einmischung in die polnischen Wirren Gelegenheit, Ingermanland zu erobern, wo er 1703 den Grund zu der künftigen Hauptstadt seines Reichs legte. Der Krieg gegen Schweden ward mit Glück fortgesetzt, die Russen fingen an, sich in Esthland und Livland festzusetzen, und Karls XII. Niederlage bei Poltawa (8. Juli 1709) bezeichnete das Ende der schwedischen Übermacht, worauf P. Livland und Karelien eroberte. Da es Karl XII. gelang, die Pforte zu bewegen, 1. Dez. 1710 den Krieg an Rußland zu erklären, überschritt P. 27. Juni 1711 die Grenze der Moldau. Da er aber 19. und 20. Juli die Schlacht am Pruth gegen die Übermacht des Feindes verlor und sich zwischen dem Pruth und einem Morast eingeschlossen sah, so mußte er in dem Frieden von Hush vom 23. Juli den Türken Asow wieder auszuliefern versprechen. 1713 brachen die Russen in Finnland ein, und die russische Flotte erfocht bei den Alandsinseln 7. Aug. 1714 einen glänzenden Sieg über die schwedische. Die kriegerischen Unternehmungen gegen Schweden, welche den Zaren und dessen Truppen auch zu fortgesetztem Aufenthalt im nördlichen Deutschland, in Pommern, Mecklenburg und Holstein nötigten, beendigte endlich der Nystader Friede 10. Sept. 1721, durch welchen außer Esthland, Livland, Ingermanland und Karelien noch Wiborg und Kexholm an Rußland abgetreten wurden. Der dirigierende Senat und die Synode dekretierten bei dieser Gelegenheit dem Zaren den kaiserlichen Titel, und 2. Nov. 1721 ward P. in Petersburg feierlich als Kaiser ausgerufen. 1722 trat er an der Spitze von über 100,000 Streitern eine Heerfahrt gegen Persien an und eroberte Derbent, mußte jedoch zunächst die weitere Expedition aufgeben, da Stürme die russische Flotte auf dem Kaspischen Meer zerstreut hatten. In dem Frieden vom 12. Sept. 1723 trat Persien Derbent, Baku, Gilan, Masenderan und Astrabad an Rußland ab, welch letztere Provinzen übrigens schon wenige Jahre später aufgegeben werden mußten. Die wichtigen Ereignisse auf dem Gebiet der auswärtigen Politik und die unausgesetzt Teilnahme an der Kriegführung hinderten den durch wunderbare Arbeitskraft ausgezeichneten Herrscher nicht an einer sehr energischen Reformthätigkeit im Innern des Reichs. Die Staatsverfassung suchte er zu bessern, indem er den frühern Bojarenrat durch den Senat ersetzte (1711). Im J. 1718 folgte die Einrichtung der Kollegien, unter welche die Geschäfte der auswärtigen Angelegenheiten, des Finanzwesens, der Justiz, des Heerwesens etc. verteilt wurden. Einige Institutionen, wie z. B. die Verleihung munizipaler Rechte, zielten auf eine Entwickelung der Selbstverwaltung ab. Anderseits suchte P. in allen Stücken die Staatsaufsicht und Kontrolle zu verschärfen, vornehmlich um die Moral des Beamtenstandes zu heben und alle ohne Ausnahme zur Teilnahme an den Staatspflichten heranzuziehen. Doch blieb Peters Streben, der Korruption der Beamten Schranken zu setzen, meist erfolglos. Um den beträchtlich gesteigerten finanziellen Bedürfnissen des Staats zu genügen, mußte P. neue Steuersysteme einführen, wobei das Volk vielfachen Bedrückungen ausgesetzt war. Unermüdlich thätig war P. auf dem Gebiet der Wirtschaftspolitik, indem er Handwerke und Manufakturen, Handel und Verkehr, Bergwesen und Forstkultur zu beleben suchte. Der Landwirtschaft und den bäuerlichen Zuständen widmete er geringere Aufmerksamkeit. Auf dem Gebiet der Kirchenverfassung war die thatsächliche Abschaffung der Patriarchenwürde (1700) entscheidend. Die heilige Synode wurde 1721 errichtet. P. suchte die Zahl der Klöster zu beschränken und die Mönche und Nonnen zu nützlicher Thätigkeit anzuhalten. Bei den Reformen auf geistlichem Gebiet unterstützte den Zaren der ihm geistesverwandte Erzbischof von Nowgorod, Theophan Prokopowitsch. Dem Sektenwesen gegenüber legte P. eine große Duldsamkeit an den Tag. Für das Bildungswesen sorgte er durch die Gründung von Schulen und Druckereien, durch Verbreitung fremder, in das Russische übersetzter und einheimischer Schriften, durch Veranstaltung geselliger Zusammenkünfte für Männer und Frauen nach der Art und Sitte des Abendlandes und durch die Gründung der Akademie der Wissenschaften zu St. Petersburg, deren Eröffnung übrigens erst unter seiner Nachfolgerin stattfand. Ein besonderes Interesse hegte er für die Naturwissenschaften, insbesondere für die Geographie (vgl. K. E. v. Baer, Peters d. Gr. Verdienste um die Verbreitung geographischer Kenntnisse, Petersb. 1872). Trotz eines schmerzhaften Blasenleidens setzte P. seine gewohnten Beschäftigungen fort, bis ihn im Spätherbst 1724 eine Erkältung, welche er sich bei der versuchten Rettung eines gestrandeten Boots zugezogen, auf das Krankenlager warf; er starb 8. Febr. (28. Jan.) 1725, ohne eine Verfügung wegen des Throns getroffen zu haben, daher ihm seine Gemahlin Katharina I. auf demselben folgte. P. war roh und in seinen Leidenschaften, Wollust und Trunksucht, oft zügellos; mit Vorliebe gab er sich rauschenden Vergnügungen hin und ließ bei Veranstaltung von burlesken Aufzügen seiner Ausgelassenheit den Zügel schießen; aber stets beseelte ihn ein hohes Pflichtgefühl, und nie ließ er den Staatszweck außer Augen. Eine mächtige Herrschernatur, ein Reformator von klarem Wissen und Wollen, ist er Gründer des russischen Staats geworden. Am 18. Aug. 1782 wurde sein Denkmal von Falconet enthüllt (s. Sankt Petersburg). Andre Denkmäler Peters befinden sich zu Petersburg, Kronstadt, Poltawa, Woronesh, Lodeinoje Pole und Lipezk. Vgl. Golikow, Dejania Petra Welikawo (Mosk. 1788-97, 30 Bde.); Ustrjalow, Istoria zarstwowania Petra Welikawo (Petersb. 1858-1863, 6 Bde.); Sadler, P. d. Gr. als Mensch und Regent (das. 1872); Herrmann, Rußland unter