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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Pferde

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Pferde (Alterskennzeichen, "Blut", Stämme).

mählich in den verschiedenen Altersstufen. Die Füllen kommen mit einem dicken, wolligen Haar zur Welt, das sie nach einigen Monaten abwerfen; mit dieser Metamorphose ändert sich auch gewöhnlich die Farbe. Alle Haarfärbungen haben die Neigung, bei zunehmendem Alter sich mit grauen Haaren zu mischen, besonders das veränderliche Schimmelhaar, das alle Nüancen von Schwarz bis Weiß durchläuft.

Das Alter der P. bestimmt man am sichersten nach den Zähnen, besonders nach den Schneidezähnen des Unterkiefers. Man unterscheidet zunächst die Milch- oder Fohlenzähne, die kleiner, steiler gestellt und am Zahnfleischrand mehr eingeschnürt sind als die bleibenden Pferdezähne. Die obere Fläche der Zähne, die Reibfläche, besitzt an den Füllenzähnen und an den bleibenden Pferdezähnen in der Mitte eine schwarzbraune mit Weinstein etc. ausgefüllte Vertiefung (Kunde, Bohne). Das neugeborne Füllen hat entweder schon bei der Geburt oder doch in den ersten 14 Tagen nach der Geburt in jedem Kiefer zwei Schneidezähne (Zangen) und die drei ersten Backenzähne. Mit 4 Wochen ungefähr erscheinen zwei weitere Schneidezähne (Mittelzähne) und nach 6-9 Monaten die beiden letzten (Eckzähne). Mit diesen Eckzähnen bricht auch der vierte Backenzahn durch. Da sich nun die Zähne durch den Gebrauch in ziemlich gleichmäßiger Weise abnutzen und sich in der Form nach der Wurzel zu verändern, so kann man aus dieser Veränderung der Reibfläche einen Schluß auf das Alter machen. Mit 1½ Jahren ist an den Zangen die Kunde verschwunden, während sie an den Mittelzähnen noch als brauner Fleck sichtbar, an den Eckzähnen aber noch vorhanden ist. Am Ende des zweiten Jahrs bricht der fünfte Backenzahn durch, und mit der Vollendung des zweiten Jahrs verschwindet auch die Kunde an den Eckzähnen. Es tritt nun der Wechsel der Schneidezähne und der Backenzähne ein, und zwar wechseln mit 2½ Jahren zunächst die Zangen und fast gleichzeitig der erste und zweite Backenzahn, während der fünfte zum Durchbruch kommt. Mit 3½ Jahren wechseln die Mittelzähne und gewöhnlich auch etwas später der dritte Backenzahn, während der sechste Backenzahn und bei Hengsten die Hakenzähne im Unterkiefer zum Durchbruch kommen. Mit 4½ Jahren wechseln die Eckzähne, und die Hakenzähne des Oberkiefers bei Hengsten gelangen zum Durchbruch. Mit diesem Schluß hat das Pferd abgezahnt, und es beginnt nun die sogen. kundende Periode. Da nämlich die Kunden der Schneidezähne im Unterkiefer ungefähr 6 mm, die der Zähne des Oberkiefers ungefähr 12 mm tief sind, die Abnutzung durch Reibung aber 2 mm pro Jahr beträgt, so werden mit 6 Jahren die Kunden an den Zangen im Unterkiefer, mit 7 Jahren die an den Mittelzähnen und mit 8 Jahren die an den Eckzähnen verschwunden sein, während die im Oberkiefer je 3 Jahre später verschwinden. Mit dem Verschwinden der Kunden verändert sich gleichzeitig das Verhältnis der Breite und Tiefe der Reibfläche. Während dieses in der angegebenen Periode 6:3 betrug, beträgt es in der quer ovalen Periode 5:3 und zwar an den Zangen mit 9, an den Mittelzähnen mit 10 und an den Eckzähnen mit 11 Jahren; es findet sich außerdem an den Eckzähnen des Oberkiefers mit dem 9. Jahr der sogen. Einbiß. Mit dem Abschluß dieser Periode verschwinden auch allmählich die Spuren der Kunden und gehen in runde, weiße Flecke über. Mit dem 12. Jahr nehmen die bisher quer ovalen Schneidezähne eine rundliche Form an, und es verhält sich die Breite zur Tiefe wie 5:4. Die Stellung der Zähne in den beiden Kiefern verändert sich in der Art, daß beide Reihen in einem ziemlich spitzen Winkel zusammenstoßen. Die Hakenzähne verlieren die kleinen, furchenartigen Vertiefungen und werden stumpfer. Zwischen dem 13. und 15. Jahr bildet sich nochmals am obern Eckzahn ein Einbiß. Mit dem 15. Jahr ist die Reibfläche an den Zangen so tief wie breit. Mit 16 Jahren tritt dieses Verhältnis an den Mittelzähnen ein, mit 17 Jahren an den Eckzähnen. Nach dieser Zeit werden die Zähne dreieckig, die Tiefe übertrifft die Breite, und die Zähne erscheinen lang. Das Jüngermachen der P. durch Herstellung einer falschen Kunde, welches früher gebräuchlich war, ist jetzt aus der Mode gekommen; diese betrügerische Manipulation war auch leicht daran zu erkennen, daß an der falschen Kunde der die echte umgebende Schmelzung fehlte; dafür aber ist das Ältermachen junger P. durch Ausbrechen der Fohlenzähne sehr in Aufnahme gekommen. Über die Gangarten des Pferdes s. d. Mit Blut bezeichnet man im allgemeinen die Abstammung der P. aus edlen Geschlechtern, mit Vollblut hingegen jetzt usancemäßig ausschließlich das englische Vollblutpferd.

Stämme der Pferde.

(Hierzu die Tafeln "Pferderassen I und II".)

Das arabische Pferd (s. Tafel I, Fig. 1), die älteste uns bekannte Rasse und zugleich die edelste. Die edelsten Exemplare derselben sollen auf dem Hochplateau Mittelarabiens gezüchtet werden; da sie aber nicht in den Handel kommen, so weiß man fast nichts über diese Zucht. Bekannter sind die P., die von den Arabern an die Grenzen von Syrien, Palästina etc. gebracht werden. Die edlern derselben sind ungefähr 1,5 m groß, haben einen trocknen, geraden oder in der Nase etwas konkaven Kopf, einen feinen, hübsch gebogenen Hals mit dünner, seidenartiger Mähne, einen ziemlich scharfen Widerrist, einen nicht zu breiten, aber geräumigen Brustkasten mit häufig etwas steilen Schultern, einen geraden Rücken und eine ebensolche Kruppe, an die sich ein hoch angesetzter, bogenartig getragener Schweif mit seinem Haar anschließt, und sehr klare, trockne, feste Beine, die nur in den Fesseln zuweilen verstellt und weich sind. Diese Tiere besitzen bei großer Anspruchslosigkeit in der Fütterung eine starke Ausdauer und ein sehr frommes, williges Naturell. Am beliebtesten ist die Schimmelfarbe. Die gemeinern P. (Kadischi) sind gröber und auch größer. Nahe verwandt sind mit den arabischen Pferden die ägyptischen und die an der nordafrikanischen Küste gezogenen Berber-P. Letztere unterscheiden sich durch einen in der Nase mehr konvexen Kopf und eine gesenktere, ovale Kruppe von den edlen Arabern. Auch die P. der asiatischen Türkei (Turkomanen) sind mehr oder weniger mit den arabischen identisch, nur etwas substantieller und nicht ganz so edel wie diese. Das persische Pferd, schon im Altertum berühmt (nyssäische Gefilde), ist etwas größer als das arabische, aber sehr feurig. Die Mongolei und Tatarei ist reich an halbwild lebenden Pferden, die, wenn auch nicht sehr ansprechend in der Form, doch sehr zäh und ausdauernd sind.

In Europa nimmt gegenwärtig England die erste Stelle in der Pferdezucht ein und hat durch ein konsequentes Streben nach bewußten Zuchtzielen ebenso mannigfaltig wie gute Pferdeschläge erzielt. Das englische Vollblutpferd (Tafel I, Fig. 2), aus einer Vermischung orientalischer Hengste teils mit ebensolchen, teils mit einheimischen Landstuten hervorgegangen und dann in sich nach Schnelligkeit weiter gezüchtet, muß, um als solches zu gelten, im