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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Pflanze

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Pflanze (Lebenserscheinungen, Ernährung etc.).

fruchtende weibliche Element. Während aber im Tierreich das Produkt der geschlechtlichen Thätigkeit überall unmittelbar das neue, nach einer gewissen Zeit vom mütterlichen Organismus sich trennende Individuum ist, finden wir, wenn wir im Pflanzenreich von unten aufsteigen, dieses Verhältnis nur bei den Algen, mit Ausnahme der Florideen, und bei den Phykomyceten unter den Pilzen. Schon bei den Florideen und noch ausgeprägter bei den übrigen Pilzen, soweit hier Sexualorgane nachgewiesen sind, fällt der Geschlechtsakt in einen andern Teil des Pflanzenlebens. Sein Produkt ist hier ein eignes Organ der P. selbst, ein Fruchtträger, mit dessen Erscheinen die P. erst eigentlich ihre vollkommene Ausbildung erlangt, und welcher erst, ohne selbst Geschlechtsorgane zu zeigen, die Keime neuer Individuen (Sporen) entwickelt. Ebenso finden wir bei den Moosen die Archegonien und Antheridien auf den Stengeln, und ihr Produkt ist erst die ganze Mooskapsel, in welcher die Sporen gebildet werden; bei den Gefäßkryptogamen erscheinen die Geschlechtsorgane schon auf den kleinen Vorkeimen, und ihr Erzeugnis ist die ganze eigentliche stamm- und blattbildende P. (das Farnkraut, der Bärlappstengel etc.), welche nun selbst ohne Sexualität die Sporen hervorbringt, und so rückt denn endlich bei den Phanerogamen die Geschlechtsperiode bis vor die Keimung, also ganz bis auf die Mutterpflanze (auf Pollen und Samenknospe in den Blüten), zurück, so daß hier wieder das alte Verhältnis, wonach der Keim des Jungen (Same) das direkte Produkt der Geschlechtsthätigkeit ist, erreicht wird. Vgl. Geschlechtsorgane, Fortpflanzung, Zeugung.

Neben den Eigenschaften der Struktur und der geschlechtlichen Differenzierung, welche die Pflanze als Erbteil von ihren Stammeltern empfängt, sind es die von außen einwirkenden Kräfte, wie Luft, Wärme, Schwerkraft, welche in Wechselwirkung mit den vererbten Eigenschaften die Lebenserscheinungen der P. bedingen. Die Erfahrung zeigt zunächst, daß die Lebensbewegungen im Innern eines Pflanzenkörpers erst dann eintreten, wenn die Temperatur seiner Umgebung einen gewissen Grad erreicht; pflanzliches Leben ist im allgemeinen nur zwischen dem Gefrierpunkt des Wassers und einer Temperatur von ca. 50° C. möglich. Für jeden Lebensvorgang in der P. gibt es nicht nur eine obere und untere Wärmegrenze, sondern auch einen bestimmten Temperaturgrad, bei welchem derselbe mit dem Maximum von Energie verläuft. Diese Abhängigkeit der Vegetationsvorgänge von äußern Einwirkungen bezeichnet man als Reizbarkeit. Letztere steigert sich mit zunehmender Intensität des Reizes stets nur bis zu einer gewissen Grenze, dem Optimum, nach dessen Überschreitung die Wirkung selbst bei intensivster Einwirkung schließlich gleich Null wird; auch tritt ein Effekt überhaupt nicht ein, solange die in der P. vorhandenen, der Reizung entgegenstehenden Widerstände nicht überwunden werden können. Nur unter diesem Gesichtspunkt erscheinen die physiologischen Wirkungen der äußern Kräfte auf die P. verständlich. Ebenso wie von der Wärme hängt alles Pflanzenleben vom Licht ab. Schließt man den Endtrieb eines kräftigen mit der Mutterpflanze in Verbindung stehenden Sprosses in einen undurchsichtigen, rings geschlossenen Rezipienten ein, so entwickeln sich stark verlängerte Stengel und kleine, unansehnliche, gelbe Blattflächen an Stelle der normalen (s. Etiolement), während derselbe Endtrieb am Licht wieder grüne Blätter hervorbringt. Es erklärt sich dies aus der Eigenschaft des Chlorophylls (s. d.), erst unter dem Einfluß gewisser Lichtstrahlen zu ergrünen. Nun ist allein die chlorophyllhaltige Zelle im stande, die Kohlensäure der Atmosphäre zu zersetzen und aus derselben unter Abspaltung von Sauerstoff und Aufnahme von Wasser Pflanzensubstanz zu erzeugen, d. h. zu assimilieren (s. Ernährung, S. 799). Die grünen Pflanzen haben daher die wichtige Aufgabe, fortdauernd unter der Mitwirkung des Lichts aus unorganischen Verbindungen, wie Wasser und Kohlensäure, organische Substanz zu bilden, und tragen damit auch zur Erhaltung des tierischen Lebens auf der Erde in erster Linie bei. Da nach den vorhandenen Beobachtungen ein Quadratmeter grüner Blattfläche in zehn sonnigen Tagesstunden ca. 3-8 g trockner Pflanzensubstanz durch Zersetzung von Kohlensäure zu erzeugen vermag, so speichert ein ganzer Baum im Lauf eines Sommers viele Kilogramme organischer Materie in sich auf, deren Bestandteile nur der Atmosphäre und dem aufgenommenen Wasser entstammen. Mit dem Eintritt der Dunkelheit hört die an das Licht gebundene assimilierende Thätigkeit der Pflanzen auf, während die Aufnahme von Sauerstoff oder die Atmung (s. d.) sowohl bei Tag als in der Nacht ununterbrochen stattfindet. Der tiefgreifende Einfluß des Lichts auf das Pflanzenleben tritt endlich in zahlreichen Bewegungserscheinungen hervor (s. Pflanzenbewegungen). Außer Licht und Wärme wirkt auch die Gravitation allgemein auf die P. ein; ihr Einfluß äußert sich darin, daß die Organe auf jede Lagenveränderung zur Richtung der Schwerkraft reagieren und dadurch Bewegungen besonderer Art hervorgerufen werden (s. Pflanzenbewegungen). Mit den genannten Kräften treten die chemischen Kräfte als Faktoren des Pflanzenlebens in Wechselwirkung. Nur wenige überall verbreitete Verbindungen, wie Kaliumnitrat, die Sulfate vom Calcium und Magnesium sowie Eisensalze, sind für das Wachstum der P. absolut unentbehrlich. Allein jede P. ernährt sich in besonderer Weise aus diesen Stoffen, und die Ernährung steht daher mit den gesamten Lebensbedingungen im engsten Zusammenhang. Landpflanzen, deren Laubflächen sich in trockner Luft befinden, sind genötigt, die für die Assimilation erforderlichen Salze aus dem Boden in die assimilierenden Blätter hinaufzutransportieren. Dies wird durch einen im Holzkörper aufsteigenden Wasserstrom bewirkt, der wieder eines Aufsammlungsapparats, d. h. eines verzweigten Wurzelsystems, bedarf. Bei einer untergetauchten Wasserpflanze sind derartige Einrichtungen kaum nötig, und ihre Wurzeln sowie ihr Holzkörper entwickeln sich dem entsprechend viel schwächer als bei Landpflanzen. Es herrscht also überall zwischen der Ernährungsart, dem äußern und innern Bau sowie den physiologischen Leistungen der P. ein inniger Konnex. Schließlich stehen die Pflanzen auch unter sich und mit Tieren in engen biologischen Beziehungen. Das genauere Studium dieser gegenseitigen Abhängigkeit kam erst in der Neuzeit zu richtiger Geltung. Vgl. die Artikel: Schmarotzerpflanzen, Gallen, Insektenfressende Pflanzen, Blütenbestäubung, Pflanzenwachstum und Pflanzenbewegungen.

Die Vielheit der Pflanzen und die Thatsache, daß die Nachkommen einer jeden immer wieder ihrer Mutterpflanze gleich werden, nötigt zur Annahme von Arten (Spezies) im Pflanzenreich ebenso wie im Tierreich (s. Art), und P. bedeutet dann auch s. v. w. Pflanzenart. Alle diejenigen Arten, welche in den Fortpflanzungsorganen (Blüte und Frucht bei den Phanerogamen, Sporen und sporenbildende Or-^[folgende Seite]