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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Polen

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Polen (Geschichte bis zur Gegenwart).

Diebitsch erlag (10. Juni), den völligen Sieg der Russen. Der Aufstand in Litauen wurde 18. Juni niedergeschlagen, und der neue russische Oberbefehlshaber, Paskewitsch, rückte von Kujavien her auf Warschau, wo der Reichstag in Parteien zerrissen war und der Pöbel sich gegen die Behörden empörte. Nach längerm Widerstand ergab sich Warschau 8. Sept. Acht Tage später trat General Ramorino mit 10,000 Mann auf österreichisches und 5. Okt. Rybinski mit 21,000 Mann auf preußisches Gebiet über; damit war die Revolution zu Ende. An Stelle der Verfassung von 1815 trat das "organische Statut" vom 26. Febr. 1832 und an Stelle der Selbstverwaltung die russische Büreaukratie, welche alles geistige und wirtschaftliche Leben erstickte.

Die in ihren Wühlereien unermüdlichen Emigranten faßten nun Galizien und Posen für ihre Aufstandspläne ins Auge. 1836 aus Krakau durch österreichische Truppen vertrieben, ließen sie sich in Paris und Brüssel nieder, auch im Ausland in zwei Parteien gespalten, die Weißen oder Aristokraten unter dem 1838 zum "König" erwählten Fürsten Adam Czartoryiski und die Roten oder Demokraten. Im Frühjahr 1846 schien der günstige Augenblick für die Erhebung gekommen. Aber in Posen kam ihr die preußische Regierung zuvor, ließ die Rädelsführer, unter ihnen den zum Anführer erkornen Mieroslawski, verhaften und durch einen Staatsgerichtshof aburteilen (Polenprozeß 1847). In Galizien aber wendeten sich die Bauern und die Ruthenen, statt sich von den Edelleuten und Priestern gegen die Regierung aufreizen zu lassen, wider sie selbst, und über 2000 Edelleute und Priester wurden von dem rohen Volk ermordet. Der unglückliche Aufstand hatte die Aufhebung des Freistaats Krakau und seine Vereinigung mit Österreich zur Folge. An den nach der französischen Februarrevolution ausbrechenden Unruhen hatten polnische Emissäre überall lebhaften Anteil, besonders an der Märzrevolution in Berlin, wo die 1847 verurteilten Polen unter dem Jubel der Menge befreit wurden. Der schwärmerischen Unklarheit des Volkes und der Schwäche der Regierung war es auch nur zuzuschreiben, daß 1848 Mieroslawski in Posen vorübergehenden Erfolg hatte. General Willisen gestand den Polen durch die Konvention von Jaroslawiez (11. April) sogar eine "nationale Reorganisation" zu, die auf heftigen Einspruch der deutschen Bevölkerung in eine "Demarkation" der polnischen Kreise umgewandelt wurde. Als die Polen, hiermit nicht zufrieden, die Waffen erhoben, wurden sie in mehreren Gefechten im April und Mai 1848 besiegt und der Rest ihrer Truppen bei Bardo zur Kapitulation gezwungen. Seit 1867 ist Posen ein untrennbarer Teil des Norddeutschen Bundes und seit 1871 des Deutschen Reichs. Der deutschfeindliche Einfluß der römischen Geistlichkeit sowie die starke polnische Einwanderung aus Russisch-Polen bewogen die preußische Regierung 1885 zu zahlreichen Ausweisungen, zu energischen Maßregeln für den deutschen Unterricht und 1886 auch zu dem Entschluß, durch Ankauf polnischer Güter eine umfangreiche deutsche Kolonisation zu ermöglichen.

Weder in Galizien noch in Russisch-P. war es 1848 zu Aufständen gekommen. Auch während des Krimkriegs blieb das letztere ruhig. Erst als Kaiser Alexander II. auch in P. Reformen anordnete, zunächst 1859 die Umwandlung der bäuerlichen Fronen in unablösbaren Erbzins, gerieten die öffentlichen Zustände wieder in Bewegung. Die gleichzeitige Erhebung und Einigung der italienischen Nation belebten die nationalen Hoffnungen. Alexander kam denselben weit entgegen, indem er durch den Marquis Wielopolski, einen aristokratischen Patrioten, einen Reformplan ausarbeiten ließ, der eine weitgehende Autonomie und besonders die Errichtung nationaler Lehr- und Bildungsanstalten zum Inhalt hatte. Das Reformgesetz wurde 27. März 1861 veröffentlicht und Wielopolski mit der Durchführung desselben betraut. Aber selbst bei den gemäßigten Polen rief die Nachgiebigkeit Rußlands die Meinung hervor, sie entstamme der Schwäche, und es wurde die Forderung der Verfassung von 1815, ja der bloßen Personalunion laut. Im geheimen hetzten die Emigranten und die radikalen Verschwörer, ganz offen der römische Klerus. Trotz Adressen und Straßenaufläufen, Mordanschlägen auf die Statthalter und Meuchelmorden ernannte Alexander II. im Juni 1862 seinen Bruder, den Großfürsten Konstantin, zum Statthalter. Aber eine geheime Nationalregierung, welche durch Terrorismus und Meuchelmord sich Gehorsam zu verschaffen wußte, lähmte jeden wohlgemeinten Schritt des Kaisers und machte den Ausbruch des Bürgerkriegs unvermeidlich. Beschleunigt wurde derselbe durch die im Januar 1863 befohlene Rekrutierung. Es sammelten sich revolutionäre Banden in den Wäldern und begannen unter Führung von Langiewicz einen kleinen Krieg, in dem sie hier und dort über vereinzelte russische Truppenabteilungen Vorteile errangen, aber nichts Wesentliches erreichten, zumal die Landbevölkerung sich der Insurrektion selten anschloß. Der in Rußland erwachte nationale Geist spornte die Regierung zu energischen Maßregeln an; Preußen sperrte seine Grenzen gemäß der Konvention vom 23. Febr. 1863 für die Insurgenten aufs strengste ab, und so konnte auch die Intervention der drei Mächte Frankreich, England und Österreich (April 1863) den Polen nichts helfen, da sie Krieg nicht zu führen beabsichtigten und sich mit der entschiedenen Zurückweisung ihrer Ratschläge durch Gortschakow (13. Juli) zufrieden gaben. Daher wurde noch 1863 der Aufstand im wesentlichen unterdrückt. Daraus wurden 2. März 1864 die Bauern emanzipiert und mit dem Grundbesitz der nach Sibirien verschickten Edelleute ausgestattet, die Klöster 8. Nov. aufgehoben, die römische Kirche unter ein katholisches Kollegium in Petersburg gestellt, alle besondern polnischen Behörden aufgehoben und P. in zehn Gubernien eingeteilt; offiziell hieß es fortan "Weichselland". Die russische Sprache wurde die Amtssprache und Hauptlehrgegenstand in den Schulen, die Universität in Warschau russifiziert, das russische Zivil- und Strafgesetzbuch eingeführt. In den ehemals polnischen Teilen Litauens und Weißrußlands wurden seit 1875 auch die griechisch-unierten Gemeinden teils durch Überredung, teils durch brutale Gewalt zur Rückkehr zu der orthodoxen Kirche gezwungen.

Nur in Galizien behauptete sich das nationale Polentum, ja es gewann seit der Dezentralisation Österreichs durch die Einführung einer konstitutionellen Verfassung (1861) neue Kraft. Die polnische Sprache wurde zur amtlichen Sprache erhoben, ein nationaler Landtag und eine nationale Verwaltung eingeführt und zwei polnische Universitäten, eine Akademie und eine große Zahl von Mittel- und Volksschulen errichtet. Die politischen Verhältnisse gaben sogar den Polen im Reichsrat, in welchem die Mehrheit von ihrer Entscheidung abhing, einen überwiegenden Einfluß in Österreich und verschaffen Galizien außergewöhnliche Begünstigungen in Bezug auf die Besteuerung, den Bau von Eisenbahnen u. dgl. Auch gestattete die österreichische Regierung den Po-^[folgende Seite]