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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Polnische Litteratur

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Polnische Litteratur (Anfänge bis 16. Jahrhundert).

tische und cyrillische Alphabet als Schriftzeichen benutzt haben, läßt sich bei dem Mangel derartiger Denkmäler nicht mehr entscheiden. Die p. L. beginnt jedenfalls erst mit der Einführung des Christentums (965), wodurch zunächst das lateinische Alphabet Einbürgerung fand, das in der Folge, da es zur Wiedergabe der polnischen Laute nicht genügte, teils durch neue Zeichen, teils durch Kombination der vorhandenen bereichert wurde (s. Polnische Sprache).

I. Von der Einführung des Christentums bis 1521.

Das älteste Denkmal polnischer Schrift ist eine aus dem Jahr 1290 herstammende Übersetzung des 50. Psalms (zu Medyka in Galizien aufbewahrt). Darauf folgt der 1834 zu Wien von Kopitar herausgegebene, 1871 von Nehring kritisch beleuchtete Psalter von St. Florian in Oberösterreich, mit lateinischem, deutschem und polnischem Text, welch letzterer zum Teil aus dem Jahr 1370 stammt. Seit den frühsten Zeiten wurde ein angeblich von dem Gnesener Erzbischof Adalbert verfaßtes Muttergotteslied gesungen, dessen älteste, mit tschechischen Ausdrücken stark versetzte Abschrift jedoch erst aus dem Jahr 1408 herrührt. Laut chronistischen Angaben besang am Ende des 14. Jahrh. der Bischof Ciolek (gest. 1437) die "kühnen und klugen Thaten" seines Volkes, verfolgte der Krakauer Domherr Galka den Klerus in Spottgedichten und verfaßte Andreas von Slupia geistliche Hymnen, von denen jedoch bisher nichts aufgefunden worden ist. Um so reichhaltiger erblühte die lateinische Annalistik, welche sich von den phantastischen Erzählungen des Martin Gallus (um 1110 bis 1135), des Wincenty Kadlubek (gest. 1223), des Bogufal (gest. 1253) in den Jahrbüchern des Archidiakons Janko von Czarnikau (gestorben vor 1389) zu pragmatischer Darstellung eines mit den politischen Verhältnissen vertrauten Augenzeugen entwickelte (beste Ausgabe der genannten Schriften in Bielowskis "Monumenta Poloniae historica"). Den Glanzpunkt dieses Zeitraums bilden aber des Joh. Dlugosz (1415-80) "Historiae Poloniae libri XIII", die Frucht 25jähriger gewissenhafter Arbeit, die sich durch patriotischen Schwung und künstlerische Darstellung gleich sehr auszeichnet. Einen kräftigen Aufschwung erhielten die exakten Wissenschaften durch die Gründung der Krakauer Universität (1400), deren Professoren (Thomas Murner, Rudolf Agricola, Konrad Celtes, Benedikt Hesse u. a.) anfangs aus Böhmen und Deutschland berufen wurden, während sich unter den einheimischen Kräften Michael von Bystrzykowo und Johann von Stobnica als Gegner des Thomas von Aquino, Johann von Glogau und Adalbert Brudzewski, angeblich Lehrer des Kopernikus, als Mathematiker oder Astrologen auszeichneten. Seit der Mitte des 15. Jahrh. ward der deutsche Einfluß durch den italienischen verdrängt und fand die humanistische Richtung in Polen Eingang. Ihr hervorragender Vertreter war Gregor von Sanok (gest. 1477 als Erzbischof von Lemberg), dessen philosophische Werke jedoch verloren sind; was uns aus denselben von Zeitgenossen aufbewahrt worden ist, zeigt uns Gregor als einen kühnen und geistreichen Gegner der Scholastik. Sein Biograph Philipp Buonacorsi-Kallimach (1437-96), ein italienischer Emigrant, welcher am polnischen Hof Zuflucht fand und eine Geschichte Wladislaws III. herausgab, wirkte in Krakau eifrig für die Verbreitung des Humanismus und der Machiavellischen Lehren auf dem Gebiet der Politik, während Johann von Ostrorog (gest. 1501 als Palatin von Posen) als Führer der nationalen Partei die Ansprüche des Klerus mit den Waffen der Legisten bekämpfte (sein "Monumentum pro comitiis generalibus sub rege Casimiro etc.", 1459, erschien, mit Einleitung von Wegner, Posen 1859).

II. Das "goldene Zeitalter", 1521-1621.

Die ansehnliche Machtstellung, welche Polen am Anfang des 16. Jahrh. erreichte, die rasche Verbreitung humanistischer Anschauungen, die Reformation und die Einführung der Buchdruckerkunst brachten die vorhandenen Keime geistigen Lebens zu rascher Entfaltung. Schon 1465 war der Buchdrucker Günther Zajner aus Westfalen nach Krakau gekommen und hatte hier einige lateinische Bücher gedruckt; seit 1505 blühte daselbst die Druckerei Hallers, seit 1518 diejenige des Wiener Buchdruckers Hieronymus Vietor. In dessen Anstalt erschien 1521 (weshalb dieses Jahr als Beginn der neuen Epoche angesetzt wird) das erste polnische Druckwerk: "Die Unterredungen des Königs Salomon mit dem frechen Marcholt", aus dem Deutschen übersetzt von dem Bakkalaureus Johann aus Koszyczki. Bald hatten nun alle ansehnlichern Städte ihre Druckereien: Wilna, Posen, Brzesc, welches Fürst Michael Radziwill zum Mittelpunkt der Calvinischen Bewegung machte, Lublin, Kauen, Warschau, Ostrog, wo das Haupt der Griechisch-Orthodoxen, Fürst Konst. Ostrogski, residierte, etc. (vgl. Bandtke, Historya drukarń krakowskich, Krak. 1815, und Hist. drukarń w król. polsk., das. 1826). Eifrig warf sich der Kirchenstreit auf dieses neue Mittel der Propaganda. Die Reformation fand in Polen einen durch die frühern hussitischen Einflüsse vorbereiteten Boden, wurde unter Siegmund August (1548-72) vom Hof begünstigt und erlangte, nachdem sich die verschiedenen akatholischen Bekenntnisse auf der Synode zu Sandomir (1570) politisch vereinigt hatten, während des Interregnums von 1572 in der "Warschauer Generalkonföderation" die volle Gleichberechtigung. Unter den akatholischen Schriftstellern ragt der Pfarrer Jan Seklucyan in seinen polemischen Schriften hervor, geringern sprachlichen Wert hat seine Übersetzung des Neuen Testaments (Königsb. 1551). Andreas Wolan, Landbote und diplomatischer Agent (1530-1610), verteidigte den Calvinschen Standpunkt gegen Skarga (s. unten) in einer mit großer Erbitterung geführten Polemik; Stefan Zyzani, griechisch-orthodoxer Prälat zu Wilna, griff die päpstliche Autorität in der Schrift "Predigt des heil. Cyrillus über den Antichrist etc." an. Ihm schließen sich an: Melecyus Smotrzycki, genannt Teofil Ortolog (gest. 1634), und Christoph Bronski. Sprachlich wertvoller sind die zahlreichen polemischen Schriften des Arianers Jarosz Moskorzowski (gest. 1625). Auf katholischer Seite erschien die erste Bibelübersetzung von Leopolita (Krak. 1561), in welcher noch viele tschechische und altslawische Ausdrücke vorkommen, sodann eine zweite, trotz mancher Latinismen und Hellenismen ausgezeichnete von Jakob Wujek (1540-97). Außer diesem und dem noch zu erwähnenden Skarga beteiligten sich katholischerseits an der Polemik am lebhaftesten: Solikowski, Powodowski (genannt "der Ketzerhammer"), St. Grodzicki, "der Apostel von Litauen", Sokolowski u. a. Wie gering auch der litterarische Wert dieser theologischen Polemik ist, so trug sie doch wesentlich zur Befreiung der Volkssprache aus den Fesseln des Lateinischen bei.

Den Übergang von der Theologie zur Dichtkunst vermittelt Nikol. Rej von Naglowice (1507-68), welcher seine Thätigkeit mit Postillen und Bibelauslegungen im Geiste der Calvinisten begann. In