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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Polnische Litteratur

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Polnische Litteratur (18. und 19. Jahrhundert).

nig geleistet hat. Der Kampf gegen die Schulmethode der Jesuiten knüpft sich an den Namen des Piaristen Stanislaus Konarski (1700-1773), der in seiner Schrift "De emendandis eloquentiae vitiis" die widerliche Sprachmengerei bekämpfte, in den "Institutiones oratoriae" (1767) eine ungekünstelte Theorie der Beredsamkeit mit Beispielen aus mustergültigen Schriftstellern gab und dem französischen Klassizismus durch vorzügliche Übersetzungen aus Corneille u. a. die Bahn brach. Diese Richtung fand eifrige Unterstützung an dem Hof des Königs Stan. Poniatowski, welcher seine Schwäche und Charakterlosigkeit wenigstens zum Teil durch die den Künsten und Wissenschaften erwiesene Aufmunterung gesühnt hat. Der "Dichterfürst" dieser Zeit, Erzbischof Graf Ignaz Krasicki (1735-1801), vereinigt alle ihre Vorzüge: zierliche Sprache, feinen Witz, geistreiche Satire, mit ihren Schattenseiten, als sklavische Nachahmung französischer Muster, unbedingte Unterwerfung unter die Kunstregeln Boileaus und Mangel an wahrer poetischer Empfindung. Im steifen Stil der "Henriade" besang er den "Krieg um Chotin", ohne die frühere Bearbeitung desselben Stoffes von W. Potocki zu kennen; belebter sind seine satirischen Epopöen ("Myszeïs", "Monomachia", "Antimonomachia"), am gelungensten seine Fabeln und Satiren und die Sittenromane ("Der Untertruchseß" etc.), während die unter dem Namen seines Sekretärs Mrowinski veröffentlichten Dramen ganz verfehlt sind. Unter den eigentlichen Hofpoeten sind zu nennen: der Bischof Ad. Naruszewicz (1733-96), welcher in seinen Oden, Idyllen, anakreontischen Liedern und in seinen vortrefflichen Satiren noch eine gewisse Würde bewahrt, während der königliche Kammerherr St. Trembecki (1732-1812) sich nicht nur mit dem Schoßhündchen des Königs vergleicht, sondern auch der Zarin Katharina schmeichelt, obschon seine lyrischen Gedichte und sein großes beschreibendes Gedicht "Zofijówka" in sprachlicher Hinsicht ausgezeichnet genannt werden müssen. Auch sein früh verstorbener Amtsgenosse Cajetan Wegierski (1755-87) ahmte in seinem beschreibenden Gedicht "Organy" wie in seinen "Oden" und "Poetischen Briefen" die französischen Muster sklavisch nach. In höherm Grade trägt der nationalen Stimmung Rechnung Fr. Dion. Kniaznin (1750-1807) in seinen Oden und Opern, welche indessen der Form nach streng "klassisch" sind, gleichwie die seinerzeit als Meisterwerke gepriesenen Trauerspiele: "Ludgarda" des Generals Ludwig Kropinski (gest. 1844) und "Barbara Radziwill" von Aloys Felinski (1771-1820). Als Vorbote der Befreiung der Nationallitteratur aus den Fesseln des französischen Akademismus erscheint zunächst Franz Karpinski (1741-1828), welcher zwar in seinen Dramen: "Judith", "Der Zins", "Alceste" etc. noch auf pseudoklassischem Boden steht, dagegen in seinen Idyllen und Elegien den volkstümlichen Ton aufs glücklichste anzuschlagen wußte. Auch der Erzbischof Joh. Woronicz (1757-1819), nach Skarga der bedeutendste polnische Kanzelredner: welcher in seinem didaktischen Gedicht "Swiatynia Sibylli" an den Moderegeln festhält, erhebt sich in einzelnen Dichtungen, namentlich in dem Fragment "Assarmot", zu wahrer poetischer Begeisterung. Der eigentliche Dichter des Übergangs ist indessen der auch als Staatsmann, Redner und Adjutant Kosciuszkos bekannte Julian Ursin Niemcewicz (1757-1841). Seine politischen Tendenzdramen: "Die Heimkehr des Landboten" und "Kasimir d. Gr." greifen kühn in die nationale Strömung; noch anregender haben seine "Historischen Gesänge" und die Erzählung "Jan z Tenczyna" gewirkt. Unter den Dichtern des Übergangs sind ferner zu nennen: Franz Wenzyk (1784-1862), welcher Dramen ("Glinski", "Barbara", "Wanda") und ein beschreibendes Gedicht: "Okolice Krakowa" (Krak. 1820), schrieb, der Kastellan Cajetan Kozmian (1771-1856), Winzenz Reklewski (1785-1812) u. a. Charakteristisch für diesen Zeitraum sind die zahlreichen, zum Teil vorzüglichen Übersetzungen von Meisterwerken der altklassischen wie der modernen Litteraturen. Einen bedeutenden Aufschwung nahm jetzt die Geschichtschreibung. Dem oben genannten Ad. Naruszewicz gebührt der Ruhm, durch seine auf umfassenden kritischen Quellenstudien beruhende, auch sprachlich ausgezeichnete "Geschichte des polnischen Volkes" eine sichere Grundlage für die moderne Geschichtschreibung Polens geschaffen zu haben. Unter den historischen Schriften des Grafen Tadeusz Czacki (1765-1813) ist diejenige "Über die litauischen und polnischen Gesetze" hervorzuheben, obschon es ihm nicht gelang, das reiche Material systematisch zu ordnen. Joh. Albertrandi (1731-1808) schrieb eine "Geschichte Heinrichs von Valois und Stephan Báthoris", eine "Geschichte der Regierung Kasimirs" und zahlreiche Monographien. Auch der Dichter Niemcewicz hat sich durch seine "Geschichte Sigismunds III." als Geschichtsforscher einen Namen erworben. Denselben Stoff mit besonderer Berücksichtigung der staatlichen Einrichtungen, Sitten, Trachten etc. behandelte Fr. Siarczynski (1758-1829); geringern Wert besitzen Golembiowskis (1773-1849) zahlreiche Beiträge zur Sittengeschichte Polens. Der Erforschung der slawischen Urgeschichte widmete sich außer Surowiecki (1769-1827) Adam Czarnocki (1784-1825), dessen in polnischen und russischen Zeitschriften veröffentlichte Aufsätze auf diesem Gebiet bahnbrechend wirkten. Sehr bedeutend gestaltete sich auch in diesem Zeitraum die Memoirenlitteratur; fast jedes Jahr bringt jetzt Denkwürdigkeiten aus dem 18. Jahrh., und sehr viele ruhen noch in den Familienarchiven. Unter den bekannten sind am wichtigsten: die Denkwürdigkeiten des Königs Stan. Poniatowski, dessen interessanter Briefwechsel mit Frau v. Geoffrin später in Paris veröffentlicht wurde; sodann des Andreas Kitowicz "Denkwürdigkeiten zur Regierung Augusts III. und Stanisl. Augusts" (Pos. 1840), des an der Barer Konförderation ^[richtig: Konföderation] in hervorragendem Maß beteiligten Wybicki "Pamiętniki" (das. 1840), dann "Pamiętniki czasów moich" von Niemcewicz (Par. 1840), die Memoiren des Generals Zajonczek, Kozmians, die (jüngst veröffentlichten) des Fürsten Adam Czartoryiski u. a. Auf staatswissenschaftlichem Gebiet trat Konarski (s. oben) mit seiner Gesetzsammlung "Volumina legum" und namentlich mit dem epochemachenden Werk "O skutecznym rad sposobie" (1760-63) als Reformator auf. Ihm schließen sich an der Reichskanzler Hugo Kolontaj (1750-1812), der freisinnige und geistreichste Führer der Reformpartei auf dem sogen. großen Reichstag von 1788-92, und der Staatsrat Stan. Staszic (1755-1826; "Uwagi nad žyciem Zamoyskiego", "Przestrogi dla Polski"); ferner Ignaz Potocki, Severyn Rzewuski, Jezierski, Tomaszewki u. a. Auch in den Versuchen auf dem Gebiet der Philosophie herrschte die französische Richtung vor. Die von Condillac im Auftrag des polnischen Unterrichtsrats verfaßte "Logik" wurde von Jan Znosko übersetzt (1802); Cyankiewicz schrieb eine Logik nach den Grundsätzen Lockes (1784). Am