Schnellsuche:
Info: Zur Zeit wird der Volltextindex aktualisiert. Sie erhalten daher bei Suchen nicht die volle Anzahl an Treffern. Die Aktualisierung dauert typischerweise wenige Minuten.

Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Polnische Litteratur

197

Polnische Litteratur (19. Jahrhundert).

schließlich mit dem Dichter Krasinski bei demselben Punkt an, nämlich bei der Apotheose des polnischen Volkes. Ihren Zenith erreichte diese Richtung in der Historiosophie von Waleryan Wroblewski (Pseudonym Koronowicz): "Słowo dziejow polskich" (1858 bis 1859). Dieser Schule im übrigen nahe verwandt, unterscheidet sich Karl Szajnocha (1818-65) dadurch vorteilhaft von ihr, daß er seinen historischen Gemälden, namentlich in der glänzenden Schilderung Jagellos und Hedwigs ("Jadwiga i Jagiello", 1861), einen vollen Hintergrund verleiht und anstatt politischer Abstraktionen Gestalten von Fleisch und Blut liefert. Er bezeichnet dadurch neben Julian Bartoszewicz (1821-71) den Übergang zu der neuesten realistische Periode polnischer Geschichtschreibung.

Wie der französische Akademismus die polnische Poesie bis 1822 beherrschte, so fußten auch die bescheidenen Anfänge der polnischen Philosophie in dem französischen Sensualismus, dessen wichtigster Vertreter der einflußreiche Rektor der Wilnaer Universität, J. ^[Jan] Sniadecki, war. Die Reform lehnte sich auch hier an die deutsche Philosophie, namentlich an Kant, an, dem auch Mickiewicz viel verdankt. J. K. ^[Józef Kalasanty] Szaniawski (1764-93), auf der Königsberger Universität gebildet, zuletzt Mitglied des obersten Kriminalgerichtshofs, bekämpfte zuerst in den Schriften: "Co jest filozofia?" ("Was ist Philosophie?" 1802), "O systemach moralnych" (1803), "Dzieje filozofii" (1804) etc. die Theorie Condillacs und wies auf Kant und Schelling hin, welch letzterer auch auf den fähigsten Kunstrichter und Ästhetiker der romantischen Schule, M. Mochnacki, entscheidenden Einfluß ausgeübt hat. Jozef Goluchowski fußt mit seinem "Zasady logiki" (1821) vollständig im Schellingschen Idealismus. Doch entfaltete sich die philosophische Litteratur in Polen erst in den 40er Jahren und zwar unter dem Banner Hegels. Dessen Schüler Graf August Cieszkowski (geb. 1809) wandte des Meisters aprioristisches System auf den Geist der Geschichte der Slawen an ("Ojcze nasz", Par. 1848); Karl Libelt (1807-1875) versuchte eine nationale polnische Philosophie zu schaffen ("System umnictwa", "Filozofia i krytyka" etc.); Jozef Kremer (1806-75) erwarb sich namentlich durch seine "Ästhetischen Briefe" große Verdienste um die polnische philosophische Litteratur. Auch Bronislaus Trentowski (1808-70) geht von der deutschen idealistischen Philosophie aus, obschon er den Anspruch erhob, eine neue "Philosophie der Slawen" zu begründen, welche den Idealismus der Germanen und den Realismus der Romanen zur Synthese oder höhern Potenz zu erheben hätte (deutsch: "Grundlage der universellen Philosophie", Karlsr. 1837; polnisch: "Chowanna", Posen 1842, etc.). Den Mittelpunkt der philosophischen Bewegung bildete in den 40er Jahren Posen, wo dieselbe in der von Libelt redigierten Zeitschrift "Rok" ein vorzügliches Organ besaß. Die durchaus aprioristische, der Realität und Erfahrung abgeneigte Richtung dieser philosophischen Bestrebungen stimmte mit dem Geiste der polnischen Romantik vortrefflich überein, weshalb denn auch zwischen beiden eine fortwährende Wechselwirkung stattfand, z. B. Hegel und Garczynski, Libelt und Slowacki, Cieszkowski und Krasinski etc.

VI. Die neueste Epoche.

Die Romantik, welche die Poesie, die Geschichte und die Philosophie beherrschte, gipfelte in der Überzeugung, daß die Idee und der Wille alles vermögen, die verachtete und gelegentlich als nicht vorhanden betrachtet Materie nebensächlich sei, daß das polnische Volk das auserlesene sei und den absoluten Anspruch habe, von den andern Völkern gerettet zu werden, daß die russischen Heerscharen unmöglich der polnischen Begeisterung standhalten könnten. Diese Stimmung erklärt allein den im ungeeigneten Augenblick, ohne gehörige Vorbereitung und ohne die notwendigen Mittel unternommenen Aufstand von 1863. Im J. 1831 war die Romantik erst im Aufschwung begriffen und wies der polnisch-russische Krieg immerhin einige sehr erhebende Momente auf; 1863 hatte sie ihren Kreislauf beendet. Daher steigerte sie sich nach dem Fall jenes Freiheitskriegs, wogegen das Scheitern des letzten Aufstandes einen entschiedenen Rückschlag zu gunsten realistischer Auffassung der Dinge erzeugte. Zum erstenmal tritt jetzt mit den bedeutenden Werken von J. ^[Jozef] Supinski ("Grundzüge der allgemeinen Philologie", 1860, und "Schule der polnischen Nationalökonomie") die nationalökonomische Richtung in den Vordergrund, und es wagen kühne Schriftsteller, wie Franz Krupinski ("Über die Romantik und ihre Folgen", Warsch. 1876), über die als nationales Heiligtum geltende Romantik den Stab zu brechen, was freilich wieder nur einen Mangel an echt historischer Auffassung verrät. Jedenfalls ist diese neueste, von "positivistischen" und ironisch-pessimistischen Ideen beherrschte Epoche der epischen und lyrischen Poesie nicht günstig. Unter den ältern Dichtern meldete sich der Nestor Bohdan Zaleski, welcher mit seinem "Damy" an der Wiege der Romantik stand und dann in "Duch od stepu" seinen Zenith erreichte, mit seltenen zarten Gelegenheitsgedichten; Teofil Lenartowicz (geb. 1822), der Dichter der vielgelesenen "Lyrenka" (1851), welcher in "Bitwa Raclawicka" auch das Gebiet der historischen Rapsodie ^[richtig: Rhapsodie] mit Glück betrat, bekundete neuestens in dem reizenden Idyll "Jagoda mazowieckich lasów" seine ungeschwächte Schaffungskraft; Kornel Ujejski, der sich mit seinen "Klagen des Jeremias" und "Biblischen Melodien" in den 40er Jahren als der talentvollste Nachahmer Slowackis eingeführt hatte (s. oben), wandte sich dem dramatischen Gedicht ("Smok", 1880) mit starkem Anklang an die politischen Tagesfragen zu. Noch sind unter den Dichtern, welche mit ihrer Richtung der vorigen Periode angehören und unter dem Einfluß Slowackis stehen, zu nennen: Wlad. Wolski, Leonard Sowinski ("Sonette und Satiren"), Felicyan Falenski, Hedwig Luszczewska, Konopicka u. a. Als der bedeutendste lyrische Dichter der neuesten Zeit ist Ad. Asnyk (geb. 1838) zu nennen, bei dem sich ungewöhnliche Anlage mit geläuterter künstlerischer Gestaltungskraft aufs glücklichste vereinigt. Seine "Gedichte", welche anfangs noch in der pessimistisch-elegischen Stimmung Slowackis fußten, greifen allmählich immer entschiedener in das volle Leben ein und zeichnen sich durch seltene Feinheit der Sprache wie durch farbensatte Detailmalerei vorteilhaft aus. Auch besitzt Asnyk jenen unerschütterten Glauben an die unvergängliche Berechtigung der Poesie ("Przeminal czas", "Naz gon poezyi" etc.), welcher über augenblickliche Verdunkelungen ihrer Macht wie die gegenwärtige siegreich hinwegführt. Als Dialektdichter sind zu nennen Boutzek ("Stary kościol miechowski", 1879) im schlesischen und J. Derdowski ("O panu Ozarlinskim") im kassubischen Dialekt.

Einen sehr bedeutenden Aufschwung nahm in dieser Zeit das Drama. Die hervorragendsten Lustspieldichter sind: A. Asnyk ("Die Freunde Hiobs"), Graf Joh. Alex. Fredro der jüngere ("Die einzige Tochter", "Fremde Elemente", "Arm oder reich" etc.), M.