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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Portugiesische Litteratur

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Portugiesische Litteratur (13.-16. Jahrhundert).

ehedem als "Cancioneiro do Collegio dos Nobres" (hrsg. von Stuart, Par. 1823) oder (fälschlich) als Liederbuch des Grafen von Barcellos ("Livro das cantigas do Conde de Barcellos", hrsg. von F. v. Varnhagen, Madr. 1849) bezeichnet wurde, einer kritischen Ausgabe aber noch ermangelt. Umfangreicher sind zwei andre Liederhandschriften: der auf der vatikanischen Bibliothek zu Rom befindliche, dem 16. Jahrh. angehörige Kodex (vollständig hrsg. von E. Monaci, Halle 1875; in berichtigtem Text von Braga, Lissab. 1878), von welchem der bereits früher erschienene "Cancioneiro d'El Rel Dom Diniz" (hrsg. von Lopes de Moura, Par. u. Lissab. 1847) einen Teil bildet, und ein früher dem Humanisten A. Collocci gehörendes, jetzt im Besitz des Grafen Brancuti befindliches Liederbuch, welches Molteni (Halle 1880) veröffentlicht hat. Eine noch ältere Sammlung, von der sich Handschriften aus dem 13. Jahrh. im Escorial und zu Toledo befinden, sieht der Herausgabe durch den Marques de Valmar, L. de Cueto, entgegen. Zur Orientierung über die altportugiesische Poesie vgl. Bellermann, Die alten Liederbücher der Portugiesen (Berl. 1840), und Diez, Über die erste portugiesische Kunst- und Hofpoesie (Bonn 1863), obschon beide Werke dem heutigen Stande der Kenntnis nicht mehr völlig entsprechen.

Seit dem 14. Jahrh. erfuhr die portugiesische Dichtung insofern umgestaltende Einwirkung, als in galicischer Mundart dichtende Spanier (zu denen König Alfons der Weise von Kastilien selbst gehörte) die Formen spanischer Poesie in jene überführten und dadurch die künstlichen provençalischen mehr und mehr verdrängten. Nun kamen anstatt der bisher üblichen iambischen Rhythmen die nationalen kürzern trochäischen in Gebrauch. Die berühmtesten Lieder dieser Zeit sind die des galicischen Ritters Macias (s. d.). Der königliche Hof bildete auch in dieser Epoche den dichterischen Mittelpunkt Portugals, indem sich nicht nur fast alle Poeten um ihn scharten, sondern auch nicht wenige Mitglieder der königlichen Familie selbst als Dichter produktiv waren. So wissen wir von den im 14. Jahrh. lebenden Söhnen des Königs Diniz, Alfons IV. und seinen Halbbrüdern Alfonso Sanchez, Grafen von Albuquerque, und Pedro, Grafen von Barcellos, daß sie gedichtet haben, obwohl sich nichts von ihren Poesien erhalten hat. In demselben Jahrhundert hat König Peter, der Gemahl der Ines de Castro, Liebeslieder verfaßt, von denen fünf (darunter eins in spanischer Sprache) noch vorhanden sind. Die zahlreichen Lieder portugiesischer Dichter aus dieser Zeit finden sich am besten gesammelt in des Garcia de Resende "Cancioneiro geral" (Lissab. 1516; hrsg. von Kausler, Stuttg. 1846-52, 3 Bde.). Unter den 150 Poeten, von denen die genannte Sammlung Lieder enthält, werden außerdem noch auszeichnend genannt: Alvaro de Brito Pestanha, Alvaro Barreto, Guterrez Coutinho, Fernam de Silveira, Francisco de Silveira, Nuno Pereira, João Roiz de Sá e Menezes, Diogo Brandão, João Manoel, Jorge de Aguiar, Gonzalo Mendes Sacoto, Duarte da Gama, Duarte de Brito und Bernardim Ribeiro. Der letztgenannte, Ribeiro, welcher am Hof des großen Emanuel lebte, wird gewöhnlich als der Dichter betrachtet, der die Glanzperiode der portugiesischen Litteratur einleitete. Nachdem im 15. Jahrh. die politische Entwickelung Portugals raschern Gang angenommen hatte, entfaltete sich auch die nationale Poesie zu reicherer Blüte. König Eduard (1433-1438), der selbst dichtete und auch sonst schriftstellerisch thätig war (er verfaßte den "Leal conselheiro", eine Sammlung philosophische moralische Abhandlungen, hrsg. von Roquete, Par. 1843), begünstigte die Litteratur mit Vorliebe, wie auch sein jüngerer Bruder, Dom Pedro, und seine Kinder, der Connétable Dom Pedro und Dona Filipa de Lancaster, sich dichterisch versuchten. Ihren eigentlichen Höhepunkt aber erreichte die portugiesische Hofpoesie unter den Königen Johann II. und Emanuel. Neben dem oben genannten Ribeiro, der durch seine Eklogen und durch seinen sentimentalen Roman in Prosa: "Menina e moça" (Lissab. 1559, halb der Schäferpoesie, halb der Ritterromantik zugehörig) der Begründer beider Dichtungsarten wurde, glänzten vor allen Zeitgenossen Christovam Falçam, Francisco Moraes (1572 ermordet) und besonders Sá de Miranda (1495-1558), der als Repräsentant des Übergangs der mittelalterlichen in die modern-klassische Kunstpoesie der Portugiesen gelten darf. Er war es, welcher die neuen dichterischen Formen, die infolge der Neubelebung der altklassischen Litteraturen zu Anfang des 16. Jahrh. in Aufnahme kamen, in die portugiesische Dichtung einführte.

Dritte Periode.

Die p. L. trat hiermit in die dritte Periode ihrer Entwickelung. Als ein Hauptrepräsentant der nunmehr zur Herrschaft gelangten "klassischen" Richtung schrieb Antonio Ferreira (1528-69) wohlgeformte, wenn auch innerlich kalte Sonette, Oden und Elegien und gab in seiner "Inez de Castro" den Portugiesen ihre erste Tragödie in klassischem Geschmack. Um ihn und Miranda bildete sich auf der Universität Coimbra und in Lissabon eine Schule von gelehrt-höfischen Dichtern, von welchen Pero de Andrade Caminha ("Poezias", Lissab. 1791), Jorge Ferreira de Vasconcellos (gest. 1582), Diogo Bernardes ("O Lima", das. 1596 u. 1761) und Jeronymo Cortereal ("Successo do segundo Cerco de Diu", das. 1574 u. 1784; "Naufragio de Sepulveda", das. 1594 u. 1783) zu erwähnen sind. Der schulmäßigen Poesie dieser und andrer Dichter trat entgegen Gil Vicente (gestorben um 1536), indem er das Volksleben zum Ausgangspunkt seines dichterischen Schaffens wählte und in seinen witzigen, wenn auch formell mangelhaften Farcen sowie seinen Autos wieder nationalere Ziele verfolgte. Er blieb jedoch ohne Nachfolger, und das portugiesische Theater, im Gegensatz zu dem des Nachbarlandes, in welchem aus ganz ähnlichen Anfängen ein nationales Drama sich entwickelte, verkrüppelte unter den Händen gelehrter Pedanterie. Mitten zwischen der Poesie der Afterklassizität und Nachkünstelei ausländischer Formen erstand aber um jene Zeit der wirkliche Klassiker Portugals, der einzige große Dichter der portugiesischen Litteraturgeschichte. Luis de Camoens (1524-80) hat, wenn er auch von der herrschenden litterarischen Richtung nicht völlig frei war, doch in seinen Kanzonen und Sonetten, vor allem aber in seinem historisch-romantischen Gedicht "Os Lusiadas" (zuerst gedruckt 1572) Poesien von großartigster Schönheit und, was besonders die letztgenannte Dichtung betrifft, ein Werk von welthistorischer Bedeutung geschaffen (vgl. Camoens). Unter seinen fast in jedem Betracht unebenbürtigen Nachfolgern sind zunächst Luis Pereira Brandam, der in seinem Epos "Elegiada" (Lissab. 1588 u. 1785) den Untergang des portugiesischen Ruhms besang, und Francisco Rodrigues Lobo (geboren um 1550) zu nennen, der Verfasser trefflicher Hirtenromane ("Prima vera", "Pastor peregrino" etc.), eines trocknen historischen Gedichts ("O condestabre de Portugal D. Nuno Alvarez Pereira", das. 1610)