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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Psychisch; Psychisches Messen; Psychogenesis; Psychognosie; Psychograph; Psychologie

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Psychisch - Psychologie.

religiöse Erbauung nicht gering zu schätzen, wenn sie nur nicht aufgedrungen wird. Über die äußern Beschränkungsmittel s. Irrenanstalten. Ist, von einer methodischen rationellen Behandlung unterstützt, der Krankheitsprozeß abgelaufen, die Geistesstörung erloschen, so sollen die Genesenen in möglichst allmählichen Übergängen wieder dem gewohnten bürgerlichen Leben zurückgegeben werden, und zwar mit um so größerer Vorsicht, als gerade im Gebiet der Seelenstörungen Rückfälle nicht zu den Seltenheiten gehören und mit der Häufigkeit der letztern die Aussichten auf eine endgültige Heilung sehr verringert werden. Die P., welche als am meisten dunkler und etwas stiefmütterlich behandelter Teil der Medizin nur von verhältnismäßig wenigen Spezialisten getrieben wurde, die ihrerseits wieder nicht immer die wissenschaftlich am meisten gebildeten und vorgeschrittenen Ärzte waren, ist in neuerer Zeit mehr Allgemeingut der Ärzte geworden; auch der gewöhnliche Praktiker kann heutzutage nicht umhin, sich bis zu einer gewissen Tiefe mit derselben zu beschäftigen. Am meisten ist dazu, wenigstens in Deutschland, beigetragen worden durch die Errichtung von psychiatrischen Lehranstalten und Lehrstühlen, durch welche die P., wie alle andern Fächer, in den Rahmen des methodischen medizinischen Unterrichts eingetreten ist. Vgl. Griesinger, Die Pathologie und Therapie der psychischen Krankheiten (4. Aufl., Braunschw. 1876); v. Krafft-Ebing, Lehrbuch der P. auf klinischer Grundlage (3. Aufl., Stuttg. 1888).

Psychisch (griech.), was auf das Seelenleben Bezug hat oder in dasselbe mit aufgenommen ist.

Psychisches Messen bedeutet s. v. w. Anwendung der Mathematik auf Psychologie, indem die psychischen Vorgänge wie Kräfte angesehen und entweder untereinander oder mit den ihnen korrespondierenden physischen Vorgängen (Reizen) ihrer Quantität nach verglichen werden. Jenes geschieht in der eigentlichen mathematischen Psychologie, wie sie zuerst von Herbart (s. d.) versucht worden, dieses in der Psychophysik (s. d.), wie sie von Weber und Fechner begründet worden ist. Der gegen dieselbe erhobene Einwurf, daß jeder Meßversuch eine absolute Maßeinheit voraussetze, eine solche aber für die Bewußtseinszustände fehle, ist deshalb nicht stichhaltig, weil es sich nicht um absolute Maßbestimmungen, sondern um bloße Relationen zwischen Zuständen handelt, und weil die sogen. Maßeinheiten bei physischen Zuständen auch keine absoluten sind. Eine besondere Form des psychischen Messens bildet die Feststellung der Zeit, welche zum Zustandekommen eines Bewußtseinsaktes, z. B. einer Association zwischen zwei oder mehreren Vorstellungen, im Bewußtsein erforderlich ist, eine Untersuchung, welche besonders Wundt angeregt und wobei sich z. B. für obigen Vorgang eine mittlere Zeitdauer von 0,721 Sekunde als notwendig herausgestellt hat. Vgl. Zeller, Über die Messung psychischer Vorgänge (Berl. 1881), und Wundts Erwiderung darauf in dessen "Philosophischen Studien", Heft 2, S. 251 ff. (Leipz. 1882).

Psychogenesis (griech.), die Entwickelungsgeschichte der Seele, ein von Darwin angeregter Forschungszweig über die Entwickelung der Sinnesfähigkeiten, des Willens, der Sprach- und Denkfähigkeiten im menschlichen Kind. Preyer und Kußmaul haben darüber eine Reihe von Arbeiten veröffentlicht, aus denen hervorgeht, daß die Sinnesfähigkeiten keineswegs bei dem neugebornen Kind bereits entwickelt sind, das Neugeborne ist sogar taub, und es dauert lange, bis das Kind mit dem Auge dem Licht folgt; dagegen scheinen sich die niedern Sinnesfähigkeiten des Geruchs und Geschmacks schneller zu entwickeln. Durch genaue Tagebücher hat man dann das erste Lächeln, Greifen mit den Händen nach einem Gegenstand, das erste Lallen, Wortverständnis, die ersten Satz- und Begriffsbildungen etc. verfolgt. Vgl. Preyer, Die Seele des Kindes (2. Aufl., Berl. 1884).

Psychognosie (griech.), Seelenerkenntnis.

Psychograph (griech.), ein Schreibapparat, durch welchen die Geister der Spiritisten (s. Spiritismus) ihre Offenbarungen schriftlich kundgeben. Das sogen. Medium legt seine Hand auf eine Holzplatte, welche entweder direkt, mit einem Bleistift verbunden, sich auf Räderchen über die Schreibfläche bewegt, oder die ihr von den "Geistern" mitgeteilten Impulse vermittelst eines sogen. Storchschnabels (s. d.) in verkleinerten Zügen wiedergibt, oder auch die betreffenden Buchstaben eines untergelegten Alphabets, resp. die Zahlen mit einem Zeiger bezeichnet. Ähnlicher Apparate, namentlich zur Ergründung des Schicksals, bedienten sich schon die Römer, wie aus einem merkwürdigen Bericht des Ammianus Marcellinus und aus Bemerkungen des Tertullian hervorgeht. Die Chinesen bestreuen einen Tisch mit Mehl und halten zu zweien über denselben einen Korb, an dem ein Pinsel befestigt ist, der durch das Hin- und Herschwanken die Geisterbuchstaben schreibt. Vgl. Carus Sterne, Die Wahrsagung aus den Bewegungen lebloser Körper etc. (Weim. 1862).

Psychologie (griech.), wörtlich s. v. w. Wissenschaft von der Seele, verhält sich zu dieser als Substrat der psychischen wie die Physik zur Materie als Substrat der physischen Erscheinungen. Beide sind einerseits beschreibende, ihre bezüglichen Erscheinungen nach deren Ähnlichkeit zusammenfassende, nach deren Verschiedenheit sondernde, anderseits erklärende, deren Gang und Entwickelung auf allgemeine Gesetze (Naturgesetze) zurückführende Wissenschaften. Um dieser methodischen Ähnlichkeit mit der Physik als Naturwissenschaft willen wird die P. häufig auch Naturwissenschaft in dem Sinn genannt, als ob das Substrat ihrer (psychischen) und jenes der physischen Erscheinungen eins und dasselbe wären (P. des Materialismus). Dieser Schluß ist so lange unberechtigt, als nicht erwiesen ist, daß die psychischen Vorgänge (Vorstellen, Fühlen, Begehren), die nur dem sogen. innern, und die physischen (Nerven- und Muskelreize, elektrische Strömungen), die nur dem äußern Sinn zugänglich sind, nicht bloß einander korrespondierende Zustände, sondern eins und dasselbe seien, was zu erweisen der Physiologie bisher keineswegs gelungen ist. Auch die von Fechner als Zwischengebiet zwischen P. und Physik eingeschobene Psychophysik hat nur gezeigt, daß die Beziehungen zwischen den äußersten Grenzen der physischen (Nervenreize) und den niedersten Stufen der psychischen Vorgänge (elementare Sinnesempfindungen) sich auf exakte Formeln (Webersches Gesetz) bringen lassen, keineswegs aber die Identität des Nervenvorganges (Bewegung) mit der Empfindung dargethan. So lange, als jener Beweis nicht erbracht ist, muß es daher unverwehrt bleiben, von den psychischen Phänomenen als einem von den physikalischen und physiologischen abgesonderten Kreis von Erscheinungen zu handeln und rücksichtlich sowohl ihres Substrats als ihrer Gesetze diejenigen Folgerungen zu ziehen, welche durch die besondere Natur der psychischen Erscheinungen unvermeidlich gemacht werden. P. in diesem Sinn ist daher zwar eine empirische Wissenschaft insofern, als sie von den durch Erfahrung (an sich und andern) gegebenen psychischen