Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

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Raffael (dritte Künstlerperiode).

Raffaels großartige künstlerische Thätigkeit fällt in seinen Aufenthalt in Rom, welcher die dritte Periode seines Künstlerlebens umfaßt. Seine Thätigkeit als Freskomaler beginnt im Zimmer della Segnatura des Vatikans, welches er (1508-11) mit den allegorisch-symbolischen Darstellungen der Theologie, Philosophie, Poesie und Jurisprudenz schmückte. Auf dem Bilde der Theologie, gewöhnlich die Disputa (gestochen von Keller) genannt, sitzt die allegorische Gestalt der Theologie auf Wolken. Als Einleitung zu dem großen Wandgemälde, welches die durch die Erlösung erfolgte Wiedervereinigung des gefallenen Menschengeschlechts mit Gott zum Vorwurf hat, ist an der Decke der Sündenfall dargestellt. Oben im Himmel des Hauptbildes erscheint Gott-Vater, umgeben von den Scharen der Engel, und unter ihm thront der Heiland, welcher den Heiligen Geist herabsendet zur Erleuchtung der von ihm gestifteten Kirche. Zu der Rechten Christi sitzt die heilige Jungfrau und zur andern Seite der Täufer Johannes. Etwas tiefer im weitern Halbkreis sitzen ebenfalls auf Wolken Patriarchen, Propheten und Märtyrer. In der untern Abteilung erscheint die Eucharistie in der Monstranz auf dem Altar, und zu den Seiten desselben sitzen die vier Kirchenlehrer Hieronymus, Ambrosius, Augustin und Papst Gregor d. Gr. Den Hintergrund füllen die Figuren andrer Kirchenlehrer des Mittelalters, darunter auch Dante und Savonarola sowie allgemeine Repräsentanten christlicher Gemeinden. Den Übergang vom Bilde der Theologie zu jenem der Poesie bildet an der Decke die Darstellung der von Apollon über Marsyas verhängten Strafe, und als Überschrift zu dem unter dem Namen des Parnassos bekannten Hauptbild dient die allegorische Figur der Poesie. Das darunter befindliche große Wandgemälde zeigt uns die auf dem Parnaß versammelten großen alten und neuern Dichter. Das dritte Gemälde ist der Philosophie gewidmet und unter dem Namen der Schule von Athen (gestochen von Jacoby) bekannt. Oben thront die allegorische Gestalt der Philosophie, während das Gemälde selbst eine Versammlung alter, vornehmlich griechischer, Philosophen darstellt, die eine Übersicht der Entwickelung der griechischen Philosophie, nach Schulen geordnet, geben. Die Charaktere sind von der größten Mannigfaltigkeit. Als Übergangsbild zur Darstellung der Jurisprudenz dient das Urteil des Salomo. Die Lünette enthält drei allegorische Figuren: die Stärke, die Vorsicht und die Mäßigung, welche mit der darüber befindlichen Gerechtigkeit die Kardinaltugenden versinnlichen. In dem Bild zur Linken sitzt der Kaiser Justinian, dem vor ihm knieenden Tribonian die Pandekten und den Kodex übergebend. In dem Bild gegenüber übergibt Papst Gregor VII. einem Advokaten die Dekretalen. Nach Vollendung dieser Arbeiten führte R. noch ein Fresko, den Propheten Jesaias in Sant' Agostino zu Rom, aus, ein Bild, in dem Michelangelos Einfluß nicht zu verkennen ist. Später folgten die Propheten und Sibyllen in Santa Maria della Pace, von denen namentlich die letztern zu den großartigsten Werken des Meisters gerechnet werden, während die erstern nur nach flüchtigen Entwürfen von ihm ausgeführt worden sind. Die Ausschmückung des zweiten Zimmers im Vatikan, der Stanza d'Eliodoro, wurde 1512 begonnen und 1514 vollendet. Auf dem ersten der Deckenbilder schwebt Jehovah, von zwei Engeln umgeben, einher, und der Erzvater Abraham liegt in Anbetung vor ihm auf den Knieen, eins der schönsten Bilder des Meisters. Weniger ansprechend ist das zweite Deckenbild: das Opfer Abrahams. Das dritte stellt Jakob vor, wie er im Traum aus der Himmelsleiter Engel auf- und niedersteigen sieht. Von außerordentlicher Kraft und Energie ist die vierte Darstellung an der Decke, wie Gott-Vater dem Moses im feurigen Busch erscheint. Das erste der großen Wandbilder stellt den Heliodor dar, wie er, im Begriff, den Schatz des Tempels zu Jerusalem zu rauben, durch die Erscheinung eines Ritters in goldener Rüstung niedergeschmettert wird. Das zweite Wandbild schildert eine wunderbare Begebenheit (ein an der Transsubstantiation zweifelnder Priester sieht aus der von ihm geweihten Hostie Blut fließen), die sich 1263 in der Kirche der heil. Christina zu Bolsena während der Messe zugetragen haben soll und Veranlassung zur Stiftung des Fronleichnamsfestes gegeben hat. Das dritte Wandgemälde stellt die Befreiung des Apostels Petrus aus dem Gefängnis dar; das vierte zeigt den Hunnenkönig Attila, wie er, im Begriff, gegen Rom anzurücken, durch die Erscheinung der Apostelfürsten Petrus und Paulus bewogen wird, der Mahnung des Papstes Leo I., Italien zu verlassen, Gehör zu geben, eins der vorzüglichsten Bilder Raffaels. Um dieselbe Zeit, zu Anfang des Jahrs 1514, führte R. im Haus des Agostino Chigi (der Villa Farnesina) den Triumph der Galatea in Fresko aus. Das dritte Zimmer im Vatikan, die Stanza dell' Incendio, ward 1514-17 von R. ausgeschmückt; doch mußte er sich dabei mehr als früher der Mithilfe seiner Schüler bedienen. Das erste Wandbild stellt dar, wie Papst Leo III. in Gegenwart Karls d. Gr. durch einen Schwur auf das Evangelium die Beschuldigungen der Neffen des verstorbenen Papstes Hadrian I. von sich abweist. Das zweite schildert die Kaiserkrönung Karls d. Gr. durch Leo III. Das dritte Bild zeigt den Hafen von Ostia, wo die Sarazenen auf das Flehen des Papstes Leo IV. durch Gottes Hilfe, der einen heftigen Sturm sendet, besiegt werden. Das ausgezeichnetste Gemälde dieses Zimmers ist der Burgbrand, der nach Anastasius dem Bibliothekar 847 in der Vorstadt Borgo nuovo ausbrach und durch alle menschlichen Bemühungen nicht gelöscht werden konnte. Diese Darstellung nebst einer Ansicht der alten Fassade der Peterskirche bildet den Hintergrund, während den Vordergrund von den verschiedenartigsten Motiven belebte Gruppen ausfüllen. An dramatischem Interesse, an Schönheit der Komposition, an Meisterschaft in der Ausführung steht dieses Bild unter den vatikanischen Fresken in erster Reihe. Doch hat R. keins dieser Gemälde mehr eigenhändig durchgeführt. Nicht minder reich wurde der nach einer Seite offene Gang (Loggien), welcher im zweiten Stock von der Stiege nach dem Saal des Konstantin und den Stanzen führt, ausgeschmückt. Er besteht aus 13 kleinen kuppelartigen Abteilungen mit 48 Darstellungen aus dem Alten und 4 aus dem Neuen Testament, gewöhnlich Raffaels Bibel genannt. Zu allen diesen Bildern und Ornamenten (Grotesken, s. d.) lieferte R. aber nur die Entwürfe, die seine Schüler ausführten. In das Jahr 1516 fällt die Ausschmückung des Badezimmers im dritten Stockwerk des Vatikans für den Kardinal Bibbiena. Es enthält auf dunkel rotbraunem Grund sieben Hauptfelder mit mythologischen Darstellungen, welche sich auf die Macht der Liebe und Schönheit beziehen. Auch zu der Ausschmückung der Loggiendecke der Farnesina lieferte er nur die Kartons, die Ausführung seinen Schülern überlassend. Hier gab die Fabel von Amor und Psyche den Stoff zu einer Reihe von Gemälden. Die letzte bedeutende Arbeit, welche