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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

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Rationell - Rätsel.

abging. Diesen ins Platte und Triviale ausartenden R. pflegt man als R. vulgaris, d. h. ordinären R., zu bezeichnen. Über dem Eifer in seiner Verurteilung hat man vielfach vergessen, daß der Emanzipation der weltlichen Kultur von der kirchlichen Führung, wie sie sich im Zeitalter des R. vollzog, auf protestantischem Boden Notwendigkeit zukam, wie denn auch der R. den Kern der reformatorischen Frömmigkeit, das sittliche Ideal der Pflichtübung, bewahrt und nach der Seite einer universelle Humanität erweitert hat. Als die vorzüglichsten Vertreter des wissenschaftlichen R. sind die Dogmatiker Wegscheider (s. d.) und Bretschneider (s. d.), der durch seine natürliche Wundererklärung epochemachende Exeget H. E. G. Paulus (s. d.) und der Kanzelredner Röhr (s. d.) hervorzuheben. Schleiermacher hat in seiner "Glaubenslehre" den Gegensatz zwischen R. und Supernaturalismus vor allem durch eine tiefere Erfassung des Begriffs der Religion überwunden. Vgl. Stäudlin, Geschichte des R. (Götting. 1826); Hase, Theologische Streitschriften (Jena 1834-36, 3 Hefte); Rückert, Der R. (Leipz. 1859); G. Frank, Geschichte der protestantischen Theologie, Bd. 3 (das. 1875).

In der Philosophie bezeichnet R. (seit Kant) diejenige Richtung, welche die sogen. "reine Vernunft" (ratio pura) mit Ausschluß jeder, sei es innern, sei es äußern, Erfahrung als einzige Erkenntnisquelle gelten läßt und diese durch jene vollständig ersetzen zu können glaubt. Gegen dieselbe ist Kants ebendeshalb als "Kritik der reinen Vernunft" bezeichnetes Hauptwerk in der Weise gerichtet, daß zuerst der R. in der allgemeinen, dann in der besondern Metaphysik, und zwar in jedem der drei Teile der letztern, Psychologie, Kosmologie und Theologie, der Kritik unterzogen wird. Das Ergebnis derselben fällt dahin aus, daß die Schöpfer einer Metaphysik aus "reiner Vernunft", dergleichen nach ihm Christian v. Wolf (s. d.) und Crusius sind, als "Luftbaumeister" anzusehen seien; aber auch, daß es mit jenen einer Psychologie, Kosmologie und Theologie "aus reiner Vernunft" nicht besser stehe. Nichtsdestoweniger ist der R. nach Kant in dessen idealistischen Nachfolgern abermals und verstärkt hervorgetreten, hat aber in dem vermessenen Versuch, die gegebene Natur- und Geschichtserfahrung durch rationale Konstruktion aus "Begriffen der reinen Vernunft" überflüssig zu machen, sowohl in der Naturphilosophie (Schellings) als in der Philosophie der Geschichte (Hegels) zu demselben Ergebnis innerlich hohler "Luftgebäude" oder versteckter Entlehnung aus der äußerlich schroff abgewiesenen Erfahrung geführt.

Rationell (lat.), s. Rational.

Ratisbona, neulat. Name für Regensburg.

Ratisbonne (spr. -bonn), Louis Gustave Fortuné, franz. Schriftsteller, geb. 29. Juli 1827 zu Straßburg, studierte in Paris und trat um 1853 in die Redaktion des "Journal des Débats", der er bis 1876 angehörte. Seine erste größere Leistung auf litterarischem Gebiet war eine versifizierte Übersetzung des Dante (Par. 1854-57, 4 Bde.) im Versmaß des Originals (Terzinen), die ihm einen akademischen Preis eintrug. Es folgten kritische und litterarische Versuche, Poesien und ganz besonders Jugendschriften (letztere sowohl unter seinem Namen als unter dem Pseudonym Trim). Hervorzuheben sind: "Henri Heine" (Par. 1855); "Impressions littéraires" (1855); "Au printemps de la vie" (Poesien, 1857); das Drama "Héro et Léandre" (1859); "La comédie enfantine" (1860); "Morts et vivants, nouvelles impressions littéraires" (1860); "Les figures jeunes" (Gedichte, 1865); "Auteurs et livres" (1868); "Les petits hommes" (1868); "Les petites femmes" (1871) u. a. Auch hat R. im Auftrag seines Freundes A. de Vigny dessen nachgelassene Werke: "Les destinées" (philosophische Gedichte, Par. 1864) und "Le journal d'un poète" (1867), herausgegeben.

Rätische Alpen, s. Graubündner Alpen.

Rätische Formation, s. Triasformation.

Ratofkit, s. Flußspat.

Ratonneau (spr. -noh), kleine Insel im Mittelmeer, vor dem Hafen von Marseille, nahe der Insel Pomègue (s. d.) gelegen.

Räto-romanische Sprache, s. Romanische Sprachen.

Rat Portage (spr. -pórtedsch), aufblühender Ort in der britisch-amerikan. Provinz Ontario, beim Austritt des Winnipegflusses aus dem Wäldersee, mit Sägemühlen. In der Nähe kommt Gold vor.

Ratramnus (Bertramus), Benediktiner von Korvei, gest. 868, nahm an allen dogmatischen Streitigkeiten seines Jahrhunderts hervorragenden und sehr ehrenvollen Anteil; so richtete er seine Schrift "De corpore et sanguine Domini" (gedruckt Oxf. 1859) gegen die Brotverwandlungstheorie seines Abtes Paschasius Radbertus (s. d.) und schrieb während des Streits der Lateiner mit den Griechen das Buch "Contra Graecorum opposita". Im Prädestinationsstreit stellte er sich auf die Seite Gottschalks (s. d.).

Ratsche, s. Bohrer, S. 151.

Rätsel (griech. Änigma), die umschreibende Darstellung eines nicht genannten Gegenstandes, den der Leser oder Hörer selbst auffinden ("raten") soll. Die Hauptaufgabe eines guten Rätsels besteht darin, daß die ganze Beschreibung, wenn auch ihre einzelnen Teile mehrdeutig sind, doch treffend den Gegenstand bezeichne; es ist um so vollkommener, je schärfer bei aller absichtlichen Dunkelheit die Bezeichnungen sind, und je mehr dabei dem Nachdenken überlassen wird. Man unterscheidet: Buchstabenrätsel, wenn einer oder zwei Buchstaben am Anfang des Wortes verändert werden, während der übrige Teil des Wortes unverändert bleibt (Maus, Haus, Schmaus); Logogriphen, wenn durch Versetzung der Buchstaben andere Wörter gebildet werden (Bernhardus, Bruder Hans); Arithmogriphen oder Zahlenrätsel; Palindrome, wenn das betreffende Wort vor- und rückwärts gelesen einen Sinn geben muß; Homonymen, wenn ein und dasselbe Wort in verschiedener Bedeutung genommen werden soll; Scharaden oder Silbenrätsel, wenn erst die einzelnen Silben und dann das Ganze eines mehrsilbigen Wortes bezeichnet werden; Worträtsel, bei denen gleich das ganze Wort zusammengenommen wird. Nebenzweige des Rätsels sind: das Bilderrätsel oder der Rebus (s. d.), der sogen. Rösselsprung (s. d.), endlich das Schachrätsel. Das R. hat seinen Ursprung im Orient, wo es im Altertum nicht selten als Ausdruck höherer Erkenntnis diente, die sich gern in Dunkelheit hüllte. Schon bei den Hebräern spielte es im Volksleben bei ernsten und heiterm Anlässen eine bedeutende Rolle. Dem Joram muß es dazu dienen, das Königtum Abimelechs zu verhöhnen; Simson würzt damit sein Hochzeitsmahl; die Königin von Saba geht mit Salomo an dessen Hof einen Rätselkampf ein. Bei den Griechen schloß sich das R. in den frühsten Zeiten an die Orakelsprüche an und war daher meist in Hexametern abgefaßt. Besonders kam es zur Zeit der Sieben Weisen, die es zu didaktischen Zwecken verwendeten, in Aufnahme, und namentlich soll Kleobulos eine große Anzahl von Rätseln in