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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Rind

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Rind (Rindviehzucht).

[Rindviehzucht.] Bei der Zucht der Rinder sind die Körperformen und die Konstitution der Tiere besonders zu beachten. Der Kopf darf im Verhältnis zum Rumpf nicht zu schwer sein, die Stirn soll wenig kürzer als der untere Teil des Gesichts und nicht zurücktretend sein. Der Hals soll beim männlichen Tier etwa 2/3, beim weiblichen 4/7 der Körperlänge, gemessen von der Stirnbeinkante bis zum Ende des Sitzbeins, betragen. Den Rumpf teilt man, von der Seite gesehen, in folgende drei Teile, die in der Länge möglichst gleich sein sollen, nämlich: 1) den vordern Teil, von der Spitze des Brustbeins bis hinter die Schulter, der die Respirationsorgane umfaßt; 2) den mittlern, von der Schulter bis zur Hüfte, der die Verdauungsorgane enthält, und 3) den hintern Teil, von der Hüfte bis zum Ende des Sitzbeins, die Reproduktionsorgane umfassend. Beim Milchvieh ist der mittlere Teil zweckmäßig der etwas längere, um größere Massen voluminösen Futters aufnehmen zu können, während bei den Mastviehrassen besonders der hintere Teil, der das wertvollere Fleisch enthält, stark entwickelt sein muß. Die Extremitäten sollen, von der Sohle der Klauen bis zur Spitze des Ellbogens gemessen, nicht länger sein, als die halbe Höhe des Tiers beträgt. Für die verschiedenen Zwecke der Benutzung (Milch-, Mast- oder Arbeitsvieh) wählt man aus den Schlägen einer Rasse einen dazu geeigneten aus und züchtet die ausgewählten Tiere in demselben Schlag weiter (Reinzucht), vermeidet aber, blutsverwandte Tiere miteinander zu paaren, weil dadurch eine Abschwächung der Konstitution hervorgerufen wird. Man muß daher die Zuchtstiere oder Bullen durch Ankauf aus demselben Schlag zur Blutauffrischung öfters wechseln. Der Zuchtstier kann im Alter von 1½ Jahren zum Decken verwendet werden und genügt dann für eine Zahl von 40-50 Kühen, während die Kuh ein Alter von mindestens 2 Jahren erreicht haben soll, ehe sie zur Zucht verwendet wird. Die Dauer des trächtigen Zustandes beträgt bei der Kuh 9 Monate oder im Durchschnitt 285 Tage. Für gewöhnlich wird nur ein Kalb geboren, und 4 Wochen nach der Geburt desselben tritt bei gut genährten, kräftigen Kühen die Brunst wieder ein, die nach Verlauf von 4 Wochen sich wiederholt. Beim Auftreten der zweiten oder dritten Brunst nach der Geburt des Kalbes wird die Kuh wieder zum Stier gelassen. Das Kalb wird gewöhnlich 4-6 Wochen durch Saugen oder Tränken aus dem Kübel mit reiner, unverfälschter Milch ernährt. Vielfach läßt man es auch am Euter der Kuh saugen. Nach 4-6 Wochen ist beim Kalb das Milchzahngebiß (die wechselnden Zähne) so weit entwickelt, daß es feste Nahrungsstoffe zermalmen kann. Man reicht nun abgerahmte Milch, gekochtes Leinsamenmehl, Leinsamenkuchen, Erbsen- oder Hafermehlsuppe, auch wohl saure Milch in allmählich immer größern Quantitäten, bis im Alter von 12 Wochen die süße Milch ganz entzogen werden kann. Beim Ersatz derselben hat man aber darauf zu sehen, daß die nötigen Nährstoffe in dem gereichten Futter genügend enthalten sind. Auf 100 kg Lebendgewicht des Kalbes hat man in der täglichen Nahrung zu verabreichen:

Alter des Kalbes Proteinstoffe Fett Stickstofffreie Teile Verhältnis von 1:2 und 3

Im Saugalter 0,64 0,50 0,75 1:2,06

¼ Jahr alt 0,50 0,30 1,00 1:2,60

½ Jahr alt 0,40 0,20 1,10 1:3,25

¾ Jahr alt 0,35 0,12 1,22 1:3,90

1 Jahr alt 0,30 0,09 1,30 1:4,60

im 2. Jahr 0,25 0,07 1,35 1:5,66

Von festem Futter verabreicht man Heu und Hafer, von dem erstern aber anfangs nur kleine Quantitäten, damit dadurch nicht eine zu starke Ausdehnung der Verdauungsorgane hervorgerufen werde, welche auf die Verlängerung des mittlern Teils des Rumpfes zum Nachteil für die Entwickelung des vordern und hintern Teils von Einfluß ist. Da dieses besonders nachteilig ist für die zur Mästung bestimmten Tiere, so wird diesen bei der Aufzucht weniger Rauhfutter verabreicht als den später für die Milchnutzung bestimmten, die im allgemeinen auch weniger stark ernährt werden, damit die Neigung, das gereichte Futter in Fett anzusetzen, weniger bei ihnen geweckt werde, sondern die Verwendung für die spätere Milchproduktion die Oberhand behalte. Aus diesem Grund entwickeln die später für die Mästung bestimmten Kälber bei starker Ernährung sich auch schneller und haben dadurch zur Bildung der frühreifen Rassen und Schläge Veranlassung gegeben. Je nach der schnellern oder langsamern Entwickelung des Kalbes finden der Durchbruch und das Wechseln der Zähne wonach das Alter der Tiere bestimmt wird, früher oder später statt. Das R. hat 8 Schneidezähne im Unterkiefer und 24 Backenzähne und zwar je 6 an jeder Seite des Ober- und Unterkiefers. Davon sind die Schneidezähne und die 3 vordern Backenzähne wechselnde, die 3 hintern Backenzähne nicht wechselnde Zähne. Bei der Geburt hat das Kalb in der Regel 4-6 Schneidezähne, mit 14 Tagen 8 Backenzähne und mit 3 Wochen das ganze Milchzahngebiß mit 8 Schneidezähnen und 12 Backenzähnen; dadurch ist es befähigt, feste Futterstoffe aufzunehmen. Mit 6 Monaten erscheint der erste bleibende Backenzahn, mit 15 Monaten der zweite und mit 2 Jahren der dritte bleibende Backenzahn. Mit 1 Jahr 9 Monaten wechseln die beiden mittelsten Schneidezähne, die sogen. Zangen, mit 2 Jahren 6 Monaten die beiden vordern Milchbackenzähne, mit 2 Jahren 3 Monaten die innern Milchmittelzähne, mit 3 Jahren der dritte Milchbackenzahn, mit 3 Jahren 3 Monaten die äußern Milchmittelzähne und mit 3 Jahren 10 Monaten die äußern Milcheckzähne. Nach dem zurückgelegten ersten Lebensjahr wird das Kalb Jungvieh, das weibliche Tier Kalbe oder Färse genannt. In diesem Alter ist die Fütterung so einzurichten, daß die Entwickelung des Skeletts sowie der Muskeln befördert wird. Für diesen Zweck werden Leinsamen und alle Ölkuchen entzogen und dagegen an Kalksalzen und Phosphaten reiche, leichtverdauliche Proteinstoffe gereicht, wozu sich besonders Malzkeime, gutes Heu, Kleie und während des Sommers eine grasreiche Weide am besten eignen, die den jungen Tieren auch die notwendige Bewegung gewährt. Eine starke Fettablagerung, die durch Ruhe bei reichlichem Futter leicht eintritt, ist bei dem jungen Tier zu vermeiden, weil die Entwickelung der Milchdrüsen hierdurch benachteiligt wird. Die Ausbildung dieser Drüsensubstanz findet bei dem jungen weiblichen Tier im zweiten und dritten Lebensjahr statt. Wird nun während dieser Zeit die massenhafte Entwickelung des Fettgewebes durch Fütterung und Haltung befördert, so bleiben die Organe und namentlich auch die Milchdrüsen im Wachstum zurück. Als die durchschnittliche Menge der in dem täglichen Futter aus 1000 kg Lebendgewicht der Milchkühe zu verabreichenden Nährstoffe hat man folgende Quantitäten festgestellt: stickstoffhaltige Bestandteile 3-3,5 kg, Fett 0,8-1,0 kg, stickstofffreie Extraktivstoffe 12,5-15 kg. Auf dasselbe körperliche Gewicht werden 25-30 kg Trockensubstanz in der täglich verabreichten Futtermenge gegeben und das Dreifache dieser