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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Römisch-katholische Kirche

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Römisch-katholische Kirche (Lehrbegriff und Kultus).

kirchliches Ansehen erlangt haben, insbesondere das "Missale Romanum", das unter Papst Pius V. zuerst im Druck erschien (Rom 1570), dann auf Befehl Clemens' VIII. (1604) und Urbans VIII. (1634) verbessert ward, und das "Breviarium Romanum" (s. Brevier). Unter den Schriften, welche römisch-katholische Theologen zur Verteidigung ihres Lehrbegriffs verfaßt haben, genießt das größte Ansehen das Werk des Kardinals Bellarmin: "Disputationes de controversiis christianae fidei adversus hujus temporis haereticos" (am besten Prag, 1721, 4 Bde.).

Der Lehrbegriff der römisch-katholischen Kirche ist nach den eben angeführten und den altkirchlichen Symbolen, dem apostolischen, nicäischen und Athanasianischen, in deren Anerkennung die evangelische Kirche mit ihr übereinstimmt, in folgenden Sätzen enthalten: Das Christentum ist eine durch Christus der Menschheit zu teil gewordene, übernatürliche Offenbarung, deren Erkenntnis aus der Bibel, welche unter der besondern Einwirkung des Heiligen Geistes aufgezeichnet wurde, und aus der mündlichen Überlieferung oder Tradition, welche seit der apostolischen Zeit unverfälscht fortgepflanzt worden ist, geschöpft wird. Die Auslegung der Bibel steht der fortwährend vom Heiligen Geist geleiteten und darum unfehlbaren Kirche ausschließlich zu. Außer dem dreieinigen Gott gibt es keinen Gegenstand, dem göttliche Anbetung zu widmen wäre; doch ist es heilsam, die Maria und die Heiligen (s. d.) als Fürsprecher bei Gott anzurufen und ihre Bilder und Reliquien zu verehren. Der erste Mensch besaß, außer den natürlichen Geisteskräften, habituelle Heiligkeit und Unsterblichkeit als Gnadengeschenke Gottes. Durch den Sündenfall aber gingen Adam und seine Nachkommen jener göttlichen Gnadengeschenke verlustig, und der Wille zum Guten war geschwächt. In solchem Zustand ist der natürliche Mensch, noch bevor er selbst sich der aktuellen Sünde schuldig macht, vor Gott ein Sünder. Die ihm von seiner Geburt an anklebende "Erbsünde" (s. d.) besteht eben in dem Mangel der ursprünglichen Gerechtigkeit (carentia justitiae originalis); die böse Lust ist zwar nicht an sich schon Sünde, führt aber zur Sünde. Christus, der menschgewordene Sohn Gottes, hat der Menschheit Versöhnung mit Gott erworben, indem er durch seinen stellvertretenden Tod Gott für die Sünden der Welt eine mehr als ausreichend Genugthuung leistete; das überschüssige Verdienst des Erlösers ist der Kirche als ein teurer Schatz zur Disposition anvertraut. Derselbe wird gemehrt durch die überschüssigen Verdienste der Heiligen und kommt kraft päpstlicher und priesterlicher Lösegewalt den bußfertigen Sündern zu gute. Denn die Folge der Wiedergeburt, welche der Mensch unter Anregung und Unterstützung durch den Heiligen Geist an sich vollbringt, ist die Rechtfertigung, d. h. es wird dem Menschen habituelle Gerechtigkeit eingeflößt, und durch die guten Werke, die er vermöge derselben verrichten, verdient er sich Mehrung der Gnade und ewige Seligkeit. Der so Gerechtfertigte kann aber sogar mehr Gutes thun, als die Gebote Gottes ihm auferlegen, und durch Befolgung der evangelischen Ratschläge zu einem höhern Grad sittlicher Vollkommenheit und himmlischer Seligkeit gelangen. Aber er kann auch durch Todsünden des Standes der Gnade verlustig gehen, wogegen die leichtern Sünden (peccata venialia) durch eigne Satisfaktionen abgebüßt werden können. Aber selbst durch die Todsünden wird der Glaube nicht notwendig aufgehoben. Die Wiedergeburt und Rechtfertigung des Menschen wird vermittelt durch die Sakramente, durch welche, als durch Kanäle, die Gnade, die Christus dem menschlichen Geschlecht zugewendet hat, dem Einzelnen zufließt, und zwar wirken diese ex opere operato, wenn der administrierende Geistliche sie mit der Absicht (cum intentione) verrichtet, dasjenige zu thun, was die Kirche gethan haben will. Solcher Sakramente sind es sieben, nämlich Taufe, Firmung, Abendmahl, Buße, Ehe, Ordination, Letzte Ölung. Im Abendmahl ist der wahre Leib und das wahre Blut Christi substantiell gegenwärtig, sofern nämlich durch die Konsekration die Substanz in Christi Substanz verwandelt wird (Transsubstantiation) etc. Doch brauchen die Laien bloß den Leib Christi zu empfangen. Das Abendmahl ist aber zugleich ein Sühnopfer, in welchem der Priester den Leib Christi, der am Kreuz blutig geopfert ward, unblutig Gott darbringt und ihn solchergestalt fortwährend an das Verdienst des Kreuzestodes erinnert; diese endlos wiederholte Aufopferung Christi in der Messe (s. d.) bringt Lebenden und Toten Segen. Die verlorne Rechtfertigung wird durch Buße wiedergewonnen, welche aber nicht bloß in Reue, sondern auch im Sündenbekenntnis an den Priester, worin alle einzelnen Todsünden, deren man sich bewußt ist, aufgezählt werden müssen (Ohrenbeichte), und in der Leistung der vom Beichtvater auferlegten Büßungen zur Tilgung der zeitlichen Sündenstrafen besteht. Wer stirbt, ohne volle Satisfaktion geleistet zu haben, wird in das Fegfeuer versetzt, wo er einen peinlichen Läuterungsprozeß zu bestehen hat. Dispensation von den Bußübungen erhalten solche, welche wahrhafte Reue bezeigen, durch den Ablaß. Dieser sowie Seelenmessen und andre fromme Werke kürzen für die Verstorbenen die Pein des Fegfeuers ab. Die Kirche ist die unter Christi sichtbarem Stellvertreter, dem Papst (s. d.), vereinigte Gemeinschaft aller Getauften; selbst die abgefallenen Häretiker gehören gewissermaßen noch zur Kirche und können auf dem Weg der Gewalt zur Pflicht gegen ihre Mutter zurückgeführt werden. Zum Dienste der Kirche bedarf es besonders angestellter Personen, welche einen von den übrigen Christen (Laien) getrennten Stand bilden, der wieder in sich gegliedert ist. Die auf der höchsten Stufe stehenden Bischöfe, unter dem Papst zu einem allgemeinen Konzil vereinigt, repräsentieren die Kirche und entscheiden unfehlbar über Gegenstände des Glaubens und kirchlichen Lebens. Sofern aber der Leib ohne Haupt nichts ist, wohnt die Unfehlbarkeit wesentlich dem letztern, d. h. dem Papst, bei.

Der römisch-katholische Kultus unterscheidet sich im allgemeinen durch eine höhere, den Sinnen schmeichelnde Pracht von dem protestantischen. Schon die Kirchen zeichnen sich im Innern wie im Äußern durch Kostbarkeit des Materials sowie durch mehr oder weniger kunstvolle Verzierungen und Ausschmückungen mit Gemälden, Statuen, Decken, Vorhängen u. dgl. aus. Kirchen und Kapellen sind auch außer dem Bedürfnis der Gemeinden zuweilen infolge von Gelübden (Votivkirche) oder zur Erhaltung des Andenkens an wunderbare Begebenheiten errichtet. Jede Kirche und Kapelle muß eine Reliquie (s. Reliquien) besitzen, so wie auch eine jede Kirche einem oder mehreren Heiligen gewidmet und nach ihnen benannt ist. Als heilige Lokalitäten gelten auch die Friedhöfe sowie die mit einem Kruzifix, Marien- oder Heiligenbild versehenen Stellen an Landstraßen und sonstigen Plätzen, die der frommgläubige Katholik nicht passiert, ohne ein kurzes Gebet zu verrichten oder sich wenigstens zu bekreuzen. Als heilige Kirchengefäße und Kirchengerätschaften sind zu nennen: der Kelch,