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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Schiller

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Schiller (1791-1795).

1791 zu Karlsbad: begreiflich genug, daß Krankheit und Unvermögen zur Brotarbeit auch finanzielle Sorgen im Gefolge hatten, denen Herzog Karl August beim besten Willen nur für den Augenblick abzuhelfen vermochte. Unerwartet aber kam Hilfe aus weiter Ferne. Ein Verehrer Schillers im Norden, der dänische Dichter Baggesen, hatte im Juni 1791 auf die irrige Nachricht, S. sei seiner Krankheit erlegen, mit gleich begeisterten Freunden dem vermeintlich Gestorbenen eine Totenfeier zu Hellebeck auf Seeland gehalten und darüber an Reinhold in Jena berichtet. Von diesem erfuhr er, daß der Gefeierte noch lebe, und wie sorgenvoll dessen Lage sei. Auf diese Nachricht erfolgte ein von dem Erbprinzen von Holstein-Augustenburg und dem Grafen von Schimmelmann verfaßtes Schreiben aus Kopenhagen, welches S. für drei Jahre ein jährliches Geschenk von 1000 Thlr. (3600 Mk.) anbot. Die Gabe wurde, wie sie es verdiente, mit innigem Dank angenommen. Inzwischen war jenseit des Rheins die Revolution mächtig vorgeschritten und zog Schiller in Teilnahme. Während König Ludwig XVI. der Prozeß gemacht wurde, dachte S. an die Abfassung eines Memoires für die Sache des Unglücklichen, fing auch wirklich ein solches an; aber es ward ihm "nicht wohl dabei", und er ließ das Begonnene liegen. Im August 1793 folgte S. einem alten Herzenswunsch, der ihn zum Besuch in die schwäbische Heimat zog; am 8. traf er in Heilbronn ein und nahm daselbst Wohnung. Aber auch auf die Solitüde und nach Ludwigsburg wagte sich der weiland flüchtig Gewordene; an letztern Ort siedelte er sogar im September über, um den Stuttgarter Freunden näher zu sein. Diese fanden ihn sehr verändert: aus dem Stürmer und Dränger, dem burschikosen Genie der Regimentsmedikustage hatte eine konsequente Selbstentwickelung und Durchbildung den bedeutenden Mann entfaltet, dessen ganze Persönlichkeit das Gepräge durchgeistigter Vornehmheit trug. Im Frühjahr 1794 (nachdem im Oktober 1793 Herzog Karl das Zeitliche gesegnet hatte) mietete sich S. in einem Gartenhaus in Stuttgart ein; außer Lotte brachte er seinen Erstgebornen mit, den ihm jene im September 1793 zu Ludwigsburg geschenkt hatte. Während in Stuttgart der Entwurf der seit 1791 ins Auge gefaßten Tragödie "Wallenstein" rüstig fortschritt, modellierte der von der Karlsschule her dem Dichter befreundete Dannecker jene berühmte herrliche Büste Schillers, welche jetzt die weimarische Bibliothek schmückt. Auf einem Ausflug nach Tübingen trat S. in die für ihn so bedeutsam gewordene Verbindung mit dem Buchhändler Cotta. Dieselbe sicherte ihm für den Rest seines Lebens einen Verleger, der für alle Schillerschen Leistungen gleich begeistert und thätig, dabei fortwährend bestrebt war, Schillers Einnahmen zu steigern, und dem leisesten Wunsch des Dichters mit wahrhaft rührender, in einer Geschäftsverbindung nie dagewesener Beflissenheit entgegenkam. Gegenüber den Zeugnissen des S.-Cottaschen Briefwechsels, von allen andern entscheidenden Dokumenten abgesehen, wird es geradeswegs zu einer noch immer gern geübten Abgeschmacktheit, von Schillers Hungerleiden und Mangel zu sprechen. Wenn geltend gemacht wird, daß er die Honorare Cottas doch habe "erschreiben" müssen, so muß man im Auge behalten, daß S. das seltene Glück zu teil wurde, überall nur das schreiben zu dürfen, was ihm innerster Drang war, und was er geschrieben haben würde, auch wenn ihn Vermögen oder die größten Pensionen von aller Notwendigkeit des litterarischen Erwerbs befreit hätten. Am 15. Mai 1794 traf er mit Frau und Kind wohlbehalten wieder in Jena ein. Als wichtigste litterarische Frucht der Reise brachte er die "Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschengeschlechts" mit, die ein Gesamtbekenntnis der Schillerschen Philosophie enthalten und den Grundgedanken in schönster Darstellung ausführen, daß der Weg zur Freiheit ein ästhetischer sein und durch die Schönheit führen müsse.

Das nächste wichtigste Ereignis in Schillers Leben für ihn selbst sowie für die deutsche Litteratur war der Beginn eines geistigen Verständnisses und bald einer dauernden und unlöslichen Freundschaft mit Goethe. Nach verschiedenen Annäherungsversuchen, die erfolglos geblieben waren, führten einige durch die Jenenser Naturforschende Gesellschaft veranlaßte Gespräche, in denen sich unerwartet Berührungspunkte ergaben, die Vorbereitungen zur Zeitschrift "Die Horen" und namentlich der herrliche Schillersche Brief vom 23. Aug. 1794, in welchem der Dichter sein volles und neidloses Verständnis der großen Natur Goethes an den Tag legte, zu einem Austausch aller Ideen und Kunstanschauungen, dem ein gemeinsames Weiterstreben im tiefsten, nie wieder getrübten Gefühl der Zusammengehörigkeit folgte. Schillers Aufenthalt in Jena gestaltete sich jetzt durch den regen Verkehr mit Goethe, die Freundschaft mit Wilhelm v. Humboldt, der hauptsächlich um Schillers willen in der kleinen thüringischen Universitätsstadt verweilte, außerordentlich befriedigend. Seine Gesundheit freilich blieb seit den schweren Anfällen von 1791 und 1792 gebrochen; er konnte nur noch hoffen, "aus dem Schiffbruch seiner Existenz das Wesentlichste zu bergen". Niemals vielleicht ist dies kühner, heldenhafter und alle äußern Hemmnisse energischer unter einen großen idealen Willen beugend geschehen als damals von S. Seine Thätigkeit, obschon er sie dem lastenden Siechtum von Monat zu Monat, von Jahr zu Jahr neu abringen mußte, war die einer geistig und körperlich in der Fülle der Kraft, im freudigsten Überschwellen stehenden Natur. Bereits jetzt, obschon noch mit der Anwendung der Kantschen Philosophie auf die Ästhetik, die Dichtung vor allem, eifrig beschäftigt, obschon gelegentlich zu historischen Aufsätzen ("Geschichte der Belagerung von Antwerpen") zurückgreifend, fühlte S., daß die philosophische und historische Periode für ihn zu Ende gehe und eine zweite poetische beginne. Den Sommer und Herbst 1794 beschäftigte S. die Ausarbeitung des Aufsatzes "Über naive und sentimentalische Dichtung" und seit dem Juni die Herausgabe der Zeitschrift "Die Horen", für welche er neben Goethe und Humboldt eine Reihe der hervorragendsten deutschen Schriftsteller der Zeit als Mitarbeiter und Cotta als Verleger gewonnen hatte. Zugleich bereitete S. seit dem Oktober 1794 die Herausgabe eines "Musenalmanachs" vor, der im Herbst 1795 zuerst erschien und bis 1800 alljährlich fortgesetzt wurde. Einen von Tübingen aus im Frühjahr 1795 ergangenen Ruf zur Übernahme einer Professur lehnte der Dichter ab, nachdem Herzog Karl August ihm für den Fall, daß Schillers Gesundheit ihm "die Schriftstellerei untersage", Verdoppelung seines Gehalts versprochen hatte. Durch den "Musenalmanach" und Goethes Einwirkung war jetzt Schillers lyrische Ader in neuen reichen Fluß gekommen. Die Gedichte: "Das Ideal und das Leben" (ursprünglich "Das Reich der Schatten" überschrieben), eine der köstlichsten Früchte der Schillerschen Muse, die "Macht des Gesanges", "Würde der Frauen", die Elegie "Der Spaziergang" u. a. sind damals entstanden. Seit Ende 1795 beschäftigte die Freunde die gemeinsame Abfassung jener berühmten