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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Schwangerschaft

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Schwangerschaft.

Nimwegen und in die Zeit Karls d. Gr. verlegt. Vgl. v. d. Hagen, Die Schwanensage (Berl. 1848); W. Müller, Die Sage vom S. ("Germania" 1856).

Schwangerschaft (Graviditas), derjenige Zustand des weiblichen Organismus, welcher mit der Empfängnis beginnt und mit der Geburt abschließt. Die Empfängnis, als der Anfang der S., ist Folge einer fruchtbaren Begattung. Die Befruchtung des Eies geschieht gewöhnlich im Eileiter, aus welchem dasselbe durch die Flimmerbewegung des Schleimhautepithels in die Höhle der Gebärmutter gelangt, an deren Schleimhaut es sich festsetzt. Es wird hier ernährt, wächst und erhält im Lauf der S. seine vollkommene Reife, wozu beim Menschen in der Regel ein Zeitraum von 40 Wochen erforderlich ist. Wenn durch eine Begattung nur ein Ei befruchtet wird, so ist die S. eine einfache; sind aber 2, 3 oder mehr Eier befruchtet, so nennt man dies eine mehrfache S.; mit dieser aber sind nicht zu verwechseln die Superfökundation und Superfötation (s. d.). Die größte Zahl der gleichzeitig in einer Gebärmutter sich entwickelnden Früchte beträgt beim Menschen mit Sicherheit 5, vielleicht auch 6. Hat sich das Ei der Gebärmutterschleimhaut angelegt, so wird es bald von der in Wucherung geratenden benachbarten Schleimhaut überwachsen. Bei fortschreitendem Wachstum arbeitet es sich wieder aus der Wand des Uterus heraus und bleibt mit diesem nur noch durch die Placenta oder den Mutterkuchen in Verbindung. In dieses außerordentlich blutreiche Organ dringen von der einen Seite hinein die Blutgefäße der Mutter, von der andern diejenigen des Fötus, und beide legen sich so ungemein innig aneinander, daß zwischen fötalem und mütterlichem Blut ein umfangreicher Diffusionsaustausch zum Zweck der Atmung und Ernährung des Fötus stattfinden kann.

Während der S. verdickt sich die Wandung der Gebärmutter durch massenhafte Neubildung von glatten Muskelfasern, die nach der Geburt zum allergrößten Teil wieder zu Grunde gehen. Durch diese Gewebszunahme wird eine bedeutende Größenzunahme der schwangern Gebärmutter herbeigeführt, welche mit dem Wachstum der in letzterer enthaltenen Frucht gleichen Schritt geht. Die Gebärmutter, welche im nicht schwangern Zustand etwa 6-8 cm lang und 4-5 cm breit ist, besitzt am Ende der S. eine Länge von 20-27 und eine Breite von 15-20 cm. In den beiden ersten Monaten der S. ist noch keine Zunahme des Unterleibs wahrzunehmen; der Scheidenteil der Gebärmutter steht etwas tiefer und ist mehr nach vorn gerichtet. Im dritten Monat erhebt sich die Gebärmutter allmählich, und im vierten ist der Muttergrund als härtliche Kugel über dem Schoßbein zu fühlen. Der Leib beginnt nun von der Unterbauchgegend an sich zu wölben. Im fünften Monat ist der Muttergrund in der Mitte zwischen den Schoßbeinen und dem Nabel zu fühlen und im sechsten Monat in der Höhe des Nabels selbst. Gegen das Ende des fünften Monats, um die 18.-20. Woche, fühlt die Schwangere gewöhnlich zum erstenmal die Bewegungen des Kindes, die auch äußerlich als leises Anstoßen gefühlt werden können. Von derselben Zeit an pflegen die Herztöne der Frucht bei der Untersuchung des Unterleibs mittels Anlegen des Ohrs vernommen zu werden. Im siebenten Monat ist der Muttergrund 2-3 Finger breit über dem Nabel zu fühlen und im achten Monat in der Mitte zwischen dem Nabel und der Herz- oder Magengrube. Die Nabelgrube wird in dieser Zeit flacher und verschwindet endlich ganz. Im neunten Monat reicht der Muttergrund bis zur Herzgrube, die dann ganz verschwindet. Im zehnten Monat, etwa 3-4 Wochen vor der Niederkunft, senkt sich der Muttergrund wieder herab und mehr nach vorn herüber, beinahe bis zur Mitte zwischen der Herzgrube und dem Nabel. Bei wiederholt Schwangern steigt der Muttergrund wegen größerer Nachgiebigkeit der Bauchwand nicht so hoch hinauf, dagegen ragt er starker nach vorn über. Die Mutterscheide und die äußern Genitalien zeigen während der S. eine Schwellung und vermehrte Absonderung sowie eine erhöhte Temperatur. Die Brüste werden schon in den ersten Monaten stärker, fühlen sich fester an und sind empfindlicher; die Schwangere empfindet oft heftige Schmerzen in ihnen; die Blutgefäße treten deutlich unter der Haut als bläuliche Linien und Stränge hervor. Weiterhin läßt sich eine milchige Flüssigkeit aus der Drüse hervordrücken oder sickert freiwillig aus. Die Brustwarze wird länger, der Warzenhof schwillt stärker an, seine Farbe geht aus dem Hellroten allmählich in das Dunkelbraune über. (Über die Entwickelung der Frucht s. Embryo, menschlicher.)

Sehr auffallend pflegt der Einfluß der S. auf das Nerven- und Seelenleben sich kundzugeben. Die Erregbarkeit des ganzen Körpers ist erhöht; es treten die mannigfachsten Verstimmungen im Gemeingefühl auf. Besonders im Beginn der S. sind sehr häufig Verlust des Appetits, Übelkeit, Erbrechen, vorzüglich des Morgens, Widerwille gegen manche bis dahin gern genossene Speisen und Getränke, besondere Begierden nach ungewöhnlichen und zuweilen selbst ekelerregenden Dingen, vermehrte Speichelabsonderung, Sodbrennen etc. vorhanden. Dabei werden indessen Störungen in der Ernährung nicht wahrgenommen.

Die zahlreichen Erscheinungen, welche den Eintritt und den Verlauf der S. bezeichnen, haben einen sehr verschiedenen diagnostischen Wert. Zu den wahrscheinlichen Zeichen der S. gehört das Ausbleiben der Menstruation (s. d.); doch können an demselben auch andre krankhafte Zustände schuld sein, während anderseits die Menstruation auch bei wirklich bestehender S. noch einmal oder einigemal wiederkehren kann. Ebenso gehören die charakteristischen Veränderungen an den Brüsten und das Anschwellen des Unterleibs zu den wahrscheinlichsten, wenn auch nicht zu den gewissen Zeichen der S. Zu den gewissen Zeichen der S. gehört es, wenn man beim Auflegen des Ohrs auf den Unterleib der Schwangern die Herztöne der Frucht wahrnimmt. Dieses Zeichen kann weder fingiert noch verheimlicht werden, tritt aber freilich in der Regel nicht früher als zu Anfang der zweiten Hälfte der S. auf. Ein gewisses Zeichen sind ferner die Bewegungen des Kindes im Mutterleib, vorausgesetzt, daß nicht bloß die Mutter sie zu fühlen glaubt, sondern daß sie auch durch die von außen her aufgelegte Hand wahrgenommen werden können. Es kann aber dieses Zeichen trotz einer lebenden Frucht im Mutterleib auch ganz fehlen. Gewißheit von einer Zwillingsschwangerschaft kann man nur dadurch erlangen, daß man die Herztöne beider Fötus getrennt wahrnimmt. Zur Berechnung der Schwangerschaftsdauer oder der Zeit der Niederkunft bedient man sich verschiedener Methoden. Von dem Zeitpunkt der Empfängnis an kann man bei Bestimmung der S. gewöhnlich deshalb nicht ausgehen, weil sich jener Zeitpunkt in der Regel nicht sicher angeben läßt; überdies richtet sich die Niederkunft ohne Zweifel viel häufiger nach der letzten Menstruationsperiode als nach dem Tag der Empfängnis, d. h. sie tritt ein, wenn der Termin der Menstruation, nachdem diese