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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Schwimmen

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Schwimmen.

füllte Schwimmblasen, Schwimmgürtel, Schwimmwesten, Schwimmtönnchen etc., welche er am Körper befestigt. Der vollkommenste derartige Schwimmapparat an und für sich ist der von Boyton erfundene, den ganzen Körper bedeckende Schwimmanzug aus wasserdichtem Stoff. Er besteht aus einer Stiefelhose und einer Handschuhjacke mit einer nur das Gesicht freilassenden Kappe. Beide Kleidungsstücke werden durch einen leichten, aber dauerhaft gearbeiteten breiten eisernen Reifen miteinander verbunden, in welchen und über welchen die Jacke gezogen und mittels eines ledernen Gürtels wasserdicht festgepreßt wird. Die Kappe legt sich mit elastischem Ausschnitt um Stirn, Wange und Kinn fest an. An den Schenkeln, der Brust, dem Rücken und Hinterkopf angebrachte Luftschläuche öffnen sich mit verschließbaren Mundstücken vorn auf der Brust, so daß der Schwimmer hier Luft einblasen und auslassen kann. Zu größerer Sicherheit sind sie doppelt angelegt. Für allgemein praktische Verwendung, z. B. auf Schiffen, hat sich der Apparat nicht geeignet gezeigt. Was die willkürliche Ortsbewegung der Organismen auf und im Wasser betrifft (S. im aktiven Sinn), so bedient sich zu deren Ausführung die Natur der verschiedensten Einrichtungen. Die Syringograden z. B. bewegen sich dadurch vorwärts, daß sie abwechselnd das Wasser aufsaugen und wieder ausstoßen, die Medusen durch rhythmische Zusammenziehung und Erweiterung ihrer pilzförmigen Scheibe, die Rädertierchen durch schwingende Bewegung ihrer Flimmerhaare, die sich auf ihren Ansatzpunkten derartig drehen, daß sie abwechselnd die dem Wasser dargebotene Oberfläche vergrößern und verkleinern, die Flossenfüßer in ähnlicher Weise, indem sie die flügelartigen Gebilde in der Nähe des Kopfes nach Art eines doppelten Ruders, wie wir sie bei den sogen. Grönländern sehen, gebrauchen. Bei den Fischen wird das S. durch schlagende Bewegungen des breit ausgespannten Schwanzes, die mit außerordentlicher Geschwindigkeit und großer Kraft ausgeführt werden, bewirkt. Diese Bewegungen erfolgen durch Muskeln, welche die Hauptmasse des Fischkörpers ausmachen und beiderseits neben der Wirbelsäule angeordnet sind. Bei den Vögeln erfolgt die Fortbewegung im Wasser durch ruderartige Bewegungen mit den Füßen, welche mit einer starken Schwimmhaut versehen sind. Vgl. Pettigrew, Die Ortsbewegung der Tiere (deutsch, Leipz. 1875); Müllenhoff, Ortsbewegungen der Tiere (Berl. 1885).

Viel schwerer fällt das S. dem Menschen. Er muß dasselbe erst (als Schwimmkunst) erlernen, da er die aufrechte Haltung aufgeben und eine mehr wagerechte einnehmen muß, dabei auch genötigt ist, den verhältnismäßig schwerwiegendsten Körperteil, den Kopf, bei demjenigen S., welches allein ihn befähigt, das Schwimmfeld zu übersehen, und welches daher für die Praxis vorzugsweise anzuwenden ist, nämlich dem S. in der Brustlage, fast ganz über dem Wasser zu halten. Er kann daher nur durch geeignete Bewegungen sich vor dem Untersinken bewahren. Die Behauptung, daß der Mensch im Wasser an der Oberfläche bleibe und schwimme, sobald er sich nur, ganz ausgestreckt, mit gewölbter Brust, den Kopf zurückgebeugt, auf den Rücken lege, so daß nur Mund und Nase über dem Wasser erhoben bleiben, und durch tiefes Atemholen die Brust mit Luft anfülle, trifft durchaus nicht unbedingt zu. Allerdings ist diese Lage die vorteilhafteste, wird daher auch beim S. zum Ausruhen benutzt. Aber auch hier sind bei vielen, ja wohl bei den meisten Menschen (es kommt auf den Körperbau, auf das Alter u. a. an) Bewegungen, wenn auch nur leichte, nötig, um dauernd über dem Wasser zu bleiben. Um das Untersinken zu vermeiden und sich gleichzeitig von der Stelle zu bewegen, müssen die Glieder durch zweckentsprechende Bewegungen einen Druck oder Stoß gegen das Wasser in der Weise ausüben, daß der Körper zugleich gehoben und weiter geführt wird. Die Bewegungen sind dabei so einzurichten, daß die Glieder sich gegenseitig unterstützend und ablösend arbeiten. Während die Naturalisten, die das S. ohne Anleitung erlernt haben, ähnlich wie die vierfüßigen Tiere, besonders wie die Hunde, schwimmen ("Pudeln" oder "Hundeln"), dabei aber bald ermüden, hat die in den Schwimmanstalten gelehrte Schwimmmethode besonders das S. des Frosches sich zum Vorbild genommen. Man kann zunächst die Schwimmbewegungen (als Freiübungen) auf dem Land und zwar im aufrechten Stand, im Reitsitz auf der Schranke, in wagerechter Lage auf einer besondern Hängevorrichtung vornehmen. Bereits von Guts Muths empfohlen, sind diese Übungen von d'Argy zum Ausgangspunkt einer besondern Schwimmmethode genommen worden. Auch in den deutschen Schwimmschulen haben dieselben in neuerer Zeit mit Recht größere Beachtung gefunden. Sind diese Bewegungen sicher eingeübt, so hält der Lehrer den Schwimmschüler vermittelst des Schwimmgurts und der Leine an einer über die das Schwimmbecken umgebende Schranke hinausragenden Stange (Angel) auf der Oberfläche des Wassers in Brustlage und läßt die Bewegungen der Arme und Beine erst getrennt, dann im Wechsel- und Zusammenwirken vornehmen, bis dieselben, sicher ausgeführt, den Körper zu heben und vorwärts zu bringen beginnen. Man führt dann den Schüler an der "schlaffen Leine", läßt ihn selbständig schwimmen, schützt ihn nur gegen das Untersinken, bis er sich "frei schwimmt". Er muß sich nun durch fleißiges Üben die nötige Ausdauer erwerben. Außer dem Brustschwimmen werden auch das Rückenschwimmen, das Wassertreten und Tauchen gelehrt. Andre Schwimmarten, wie S. auf der Seite, mit einer Hand, während die andre einen Gegenstand über dem Wasser hält, S. mit gekreuzten Armen etc., mannigfache Schwimmkünste und Schwimmspiele im Wasser, auch mit schwimmenden Geräten (Floß, Tonne, Hohlball etc.), gehören nicht dem eigentlichen Schwimmunterricht an. Von großer Bedeutung sind die Wassersprünge von dem Springbrett, Schwungbrett, der Schranke, dem Springturm, auch in Verbindung mit Turnübungen an über das Wasser ragenden Turngeräten, sowohl fuß- als kopfwärts (Kopfsprünge). Das S. ist eine sehr alte Kunst, die z. B. auch von den Griechen und Römern (bei letztern bildete sie einen Teil der militärischen Ausbildung) fleißig geübt ward, und worin die alten Deutschen Gewaltiges leisteten. Im spätern Mittelalter ebenso wie das Baden im Freien immer mehr außer Gebrauch gekommen, ist dasselbe erst in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts wieder zur Geltung gelangt. Für Deutschland sind als Förderer des Schwimmens Basedow und besonders Guts Muths, ferner der Arzt J. P. ^[Johann Peter] Frank und Vieth zu nennen. Guts Muths schrieb auch ein noch jetzt beachtenswertes "Kleines Lehrbuch der Schwimmkunst" (1798). 1812 entstand in Wien die erste militärische Schwimmanstalt; 1817 gründete General v. Pfuel, der Begründer der neuern Schwimmmethode, die Militärschwimmanstalt zu Berlin, die man als die Mutteranstalt aller seitdem in Preußen begründeten Militärschwimmanstalten bezeichnen kann. Jetzt sind fast alle Garni-^[folgende Seite]