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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Seide; Seidel; Seidelbast; Seidelbastpflaster; Seidenaffe

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Seide - Seidenaffe.

so spielte sie bei den Römern eine noch viel größere Rolle, und trotz wiederholter Verbote gegen das Tragen seidener Kleider nahm der Luxus immer mehr überhand. Vielleicht schon unter Tiberius, sicher aber 220 wurde Rohseide nach Italien gebracht und dort zu halb- und ganzseidenen Stoffen verarbeitet. Unter Justinianus (555) brachten persische Mönche Seideneier und Maulbeersamen aus Serinda nach Konstantinopel, und nun erblühte bald in jeder griechischen Stadt Seidenbau. Von dort aus betrieb Venedig, von Indien und Persien aus Phönikien Seidenhandel. Im 8. Jahrh. gelangte der Seidenbau durch die Araber nach Spanien, ohne sich aber dort bedeutend zu entwickeln. 1130 kam er nach Sizilien und breitete sich von da bald über Florenz, Bologna, Venedig und Mailand aus; Venedig aber spielte im 15. und 16. Jahrh. in der Seidenindustrie die erste Rolle. Nach Frankreich soll der erste Maulbeerbaum 1268 gekommen sein; 1345 bestanden in Marseille und Montpellier Seidenmanufakturen, und unter Ludwig XI. und den folgenden Herrschern fand der Seidenbau kräftige Unterstützung. 1667 übertraf Frankreich in der Seidenindustrie alle Länder, durch die Auswanderung der Hugenotten aber erhielt dieselbe einen starken Stoß und verbreitete sich nun auch über andre Länder Europas. In Deutschland war die S. schon sehr früh bekannt durch den Handel, den die Ostseereiche über Kiew mit den Völkern am Schwarzen Meer trieben. Im 10. Jahrh. wurde S. in Mainz verwebt, und bald erblühte in Augsburg, Nürnberg etc. eine bedeutende Seidenindustrie. In Berlin gab es 1580 sehr viele Seidenmanufakturen. Die ersten Raupen zur Zucht scheinen 1599 nach Deutschland gekommen zu sein; 1670 bildete sich in Bayern die erste Seidenbaugesellschaft, und unter Friedrich II. erblühte das Seidengewerbe in der Mark, bei Halberstadt, Magdeburg und in Pommern, gewann indes keinen festen Boden und verfiel wieder während der Napoleonischen Kriege. Erst in neuester Zeit ward dieser Industriezweig von neuem angeregt, kam indes zu keiner rechten Entwickelung, da die Raupenkrankheit in den 50er Jahren die europäische Produktion um mehr als die Hälfte verminderte und von weitern Bemühungen abhielt. Hauptsächlich ist die europäische Seidenzucht gegenwärtig in Italien, Spanien (Murcia, Valencia), Portugal, Griechenland und der Türkei, in einigen Teilen Frankreichs (Gard, Ardèche, Drôme, Vaucluse) und Österreichs (Südtirol, Görzer Gebiet, Istrien, Dalmatien), in Südrußland und der Schweiz (Tessin und Graubünden) entwickelt. Die Produktion betrug 1885 in Italien 2,457,000 kg, in Österreich-Ungarn 168,000, in Frankreich 535,000, in Spanien 56,000, in der Türkei 100,000, in Griechenland 20,000, in ganz Europa 3,340,000 kg. Die Ernte in China schätzt man auf 9,440,000 kg, sie betrug in Japan 3,520,000, in Kleinasien und Transkaukasien 430,000, in Ostindien 423,000, in Persien 400,000; die Ausfuhr aus Siam 66,000 kg, die Gesamtproduktion 17,619,000 kg. Die größte Seidenindustrie haben Frankreich, England, Italien und die Schweiz. Vgl. Quatrefages, Essai sur l'histoire de la sériciculture (Par. 1860); Duseigneur-Kléber, Le cocon de soie (2. Aufl., das. 1875); Clugnet, Géographie de la soie (Lyon 1877); Bavier, Japans Seidenzucht, Seidenhandel und Seidenindustrie (Zürich 1874); Brocket, Silk-industry in America (New York 1876); Persoz, Essai sur le conditionnement, le titrage et le décreusage de la soie (Par. 1878); Moyret, Traité de la teinture des soies (Lyon 1879); Nat. Rondot, l'art de la soie (2. Aufl., Par. 1885-87, 2 Bde.); A. Rondot, Essai sur le commerce de la soie en France (das. 1883); Giraud, Les origines de la soie, son histoire chez les peuples de l'Orient (das. 1883); Morand, Carte séricicole de la region italique, etc. (Lyon 1878); Kalesse, Geschichte der Seidenwebkunst (Leipz. 1883).

Seide (Klebe), Pflanze, s. Cuscuta.

Seide, vegetabilische, s. Asclepias, Calotropis.

Seidel (Seitel), Flüssigkeitsmaß, bis 1875 in Österreich = ¼ Maß = 0,354 Lit.; in Bayern bis 1871 = ½ altes Maß = 0,535 L.; in einigen Gegenden Deutschlands auch s. v. w. Schoppen, = 0,5 L.

Seidel, 1) Gustav, Kupferstecher, geb. 28. April 1819 zu Berlin, besuchte die dortige Akademie und war sechs Jahre lang Schüler von Buchhorn und Mandel. Seine Stiche, meist in Linienmanier, sind in der Wiedergabe der Originale von treuer Zeichnung und großer Gewandtheit in der Behandlung der Stoffe. Seine Hauptblätter sind: die müde Pilgerin nach Ed. Däge, einige Porträte nach Pesne, die Venus Urania (Kartonmanier) nach Kaulbach, das Porträt Mendelssohn-Bartholdys nach Magnus, Amor und Psyche nach Klöber (1862), das Porträt des Konsuls Wagener nach Schrader, Dame im Rokoko-Kostüm nach Gustav Richter und Lavinia nach Tizian.

2) Philipp Ludwig, Mathematiker, geb. 24. Okt. 1821 zu Zweibrücken, habilitierte sich 1846 als Privatdozent an der Münchener Universität und ward daselbst 1847 Professor der Mathematik. Außer Untersuchungen über Kettenbrüche und Reihen lieferte er mit Steinheil eine Reihe von Bestimmungen der Brechungs- und Zerstreuungsverhältnisse verschiedener Medien, Untersuchungen über die gegenseitigen Helligkeiten der Fixsterne erster Größe und über die Absorption, welche das Licht bei seinem Durchgang durch die Atmosphäre erleidet. In einer spätern Arbeit dehnte er seine photometrischen Bestimmungen über alle Sterne 1.-3. Größe aus; ebenso untersuchte er die Reflexionsfähigkeit der Planeten Venus, Mars und Jupiter. Vgl. "Denkschriften der Münchener Akademie", Bd. 6, Abt. 3, 1852; "Münchener gelehrte Anzeigen" 1853.

Seidelbast, Pflanzengattung, s. Daphne.

Seidelbastpflaster, s. Kantharidenpflaster.

Seidenaffe (Pinselaffe, Hapale Ill.), einzige Gattung aus der Familie der Krallenaffen (Arctopitheci), südamerikanische kleine Affen mit dichtem Wollpelz, langem, schlaffem, nicht zum Greifen geeignetem, behaartem Schwanz und Krallnägeln. Die opponierbare große Zehe trägt einen Plattnagel, der Daumen ist nicht opponierbar. Durch ihren Schädel und ihr Gebiß weichen diese Affen wesentlich von den andern Affen der Neuen Welt ab. Der rundliche Kopf wird oft durch seitliche Haarbüschel geziert. Sie leben gesellig auf Bäumen, nähren sich von Früchten, Eiern, Insekten, schlafen nachts in Baumhöhlen und werfen 2-3 Junge. Das Löwenäffchen (Hapale leonina Ill.), 20-22 cm lang, mit ebenso langem Schwanz, olivenbräunlichem, auf dem Rücken weißlichgelb geflecktem und gestricheltem Pelz, langer, ockergelber Mähne, langhaarigem, oberseits schwarzem, unterseits leberbraunem Schwanz, schwarzem Gesicht und schwarzen Händen und Füßen, bewohnt die heißen Ebenen am östlichen Abfall der Kordilleren, ist, wie alle seine Verwandten, ein echtes Baumtier und nährt sich von süßen Früchten und Kerbtieren. Ähnlich ist das Röteläffchen (H. Rosalia Geoffr., s. Tafel "Affen III"), welches auch als "Löwenäffchen" nach Europa kommt. Es ist 25-30 cm lang, mit 40 cm langem Schwanz, im Gesicht bräunlich fleischfarben,