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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Shakespeare

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Shakespeare (Zeugnisse der Zeitgenossen).

Da aber auch gewisse in Spensers Gedicht "Thränen der Musen" enthaltene Worte nicht auf S. bezogen werden können, so ist die 1592 herausgekommene Schrift des damals eben verstorbenen Dramatikers Robert Greene: "Ein Groschenwert Witz erkauft mit einer Million Reue" ("A groathworth of wit bought with a million of repentance") als das älteste historische Zeugnis über die Wirksamkeit Shakespeares anzusehen. In dieser Schrift, deren Titel sich darauf bezieht, daß der Verfasser seine geringe Lebensweisheit teuer erkauft habe, findet sich nämlich folgende Stelle, worin er seine Freunde Marlowe, Peele etc. warnt, ihre Geistesgaben im Dramenmachen zu vergeuden, weil sie "an Marionetten kommen, die aus unserm Mund sprechen, an Gaukler, mit unsern Farben geziert. ... O traut ihnen nicht, denn da ist eine aufsteigende Krähe (an upstart crow), welche, mit dem Tigerherzen in eines Schauspielers Haut gehüllt, sich die Fähigkeit zutraut, einen Blankvers auszustaffieren (to bombast-out a blancvers), so gut wie einer von euch und, als ein vollkommener Johannes Faktotum, nach seinem Begriff der einzige Szenenerschütterer (shake-scene) im Land ist." Hier ist das Wortspiel mit dem Namen S. deutlich genug, ebenso die Anspielung auf Shakespeares Drama "Heinrich VI.", 3. Teil, 1. Akt, 4. Szene ("Du Tigerherz, in Weiberhaut gehüllt"). Wenn aber diese Stelle in Bezug auf den S. zugeschriebenen litterarischen Diebstahl durchaus dunkel bleibt, so bildet sie doch anderseits einen sehr willkommenen und sichern Anhaltspunkt in Bezug auf die Chronologie der frühsten Shakespeareschen Stücke. Außer innern Gründen nämlich machen es solche der Sprache und Metrik so gut wie sicher, daß um 1592 nicht nur "Heinrich VI.", sondern auch "Titus Andronicus", "Perikles", "Verlorne Liebesmüh'", "Die Komödie der Irrungen" und die "Beiden Veroneser" bereits aufgeführt worden waren. Möglicherweise sind auch "Romeo und Julie" und "Die Zähmung der Widerspenstigen" bereits in den ersten Entwürfen vorhanden gewesen. Im übrigen ist es sicher, daß S. wie viele seiner ältern und jüngern Zeitgenossen seine Laufbahn als Schauspieler und Theaterdichter damit begann, daß er ältere, beliebte Stücke um- und neu bearbeitete. So ist denn Shakespeares Originalität im Gegensatz etwa zu Goethe und Schiller eine nicht mit dem ersten Stück bereits gegebene, sondern eine allmählich sich entwickelnde. Auf der andern Seite ist klar, daß bei dieser redigierenden Thätigkeit des zugleich selbst agierenden Dramatikers der Sinn für den Bühneneffekt und das, was dem Publikum gefällt, sich immer kräftiger entwickeln mußte. So zeigen denn die ersten Stücke Shakespeares in Sprache und Inhalt durchaus die Anlehnung an das damals Vorhandene und den damals herrschenden Geschmack. Wie in den alten "Mysterien" und "Moralitäten", die ja bis ins 16. Jahrh. hineinreichen, allegorische Personen leibhaftig auf der Bühne auftreten, so tritt vielfach in den ersten Shakespeareschen Stücken, wenigstens den Tragödien, die Neigung zur Allegorie und Personifizierung abstrakter Begriffe hervor, eine Neigung, die in naher Verbindung mit einem gewissen Schwulst und Bombast der Sprache steht, der vornehmlich aus Nachahmung des vorhin genannten römischen Tragikers Seneca entspringt, am meisten in "Titus Andronicus", in welchem sogar Verse Senecas in lateinischer Sprache hier und da unterlaufen. Was "König Heinrich VI." betrifft, so hat man (jedoch ohne hinreichenden Beweis) gemeint, daß der zweite und dritte Teil des Dramas nicht von S., sondern von Marlowe herrührten. Mit wie kunstreicher Meisterschaft der Sprache aber S. bereits ausgerüstet war, als er seine dramatische Laufbahn begann, beweist das 1593 veröffentlichte lyrisch-erotische Gedicht "Venus and Adonis", das er in der Dedikation an Lord Southampton "den Erstling seiner Erfindung" ("the first heir of my invention") nennt. Dies etwas schlüpfrige Gedicht ist vielleicht noch in Stratford verfaßt worden. Es folgte im nächsten Jahr (1594) "Tarquin and Lucrece", gleichfalls in siebenzeiligen Stanzen, wie Chaucers "Troilus", geschrieben, ein ähnliches, wenngleich gereifteres Werk. Die Gefeiltheit beider Gedichte beweist schlagend, daß S. keineswegs ein sogen. Naturdichter, sondern von Anfang an ein höchst kunstreicher gewesen ist. Welche Beliebtheit beide Gedichte genossen, ergibt der Umstand, daß "Venus und Adonis" zwischen 1593 und 1602 sechs, "Lucretia" in ungefähr derselben Zeit drei Auflagen erlebte. Was nun die Chronologie der Shakespeareschen Stücke bis 1598 betrifft, so besitzen wir darüber glücklicherweise das Zeugnis des Francis Meres. Von demselben erschien im genannten Jahr ein Werk: "Palladis Tamia, Wit's Treasury, the second part of Wit's Commonwealth". In diesem "Schatzkästlein des Witzes" gibt ein Abschnitt einen "Diskurs über unsre englischen Dichter im Vergleich mit den griechischen, lateinischen und italienischen". Dort heißt es: "Wie die Seele des Euphorbus in Pythagoras leben sollte, so lebt Ovids anmutiger, witzreicher Geist in dem honigströmenden S.; Zeugen: seine "Venus und Adonis", seine "Lucretia", seine süßen, seinen nähern Freunden bekannten "Sonette". Wie Plautus und Seneca in der Komödie und Tragödie als die besten unter den lateinischen Dichtern galten, so ist unter den englischen S. der ausgezeichnetste in beiden Schauspielgattungen. Für die Komödie bezeugen dies seine "Edelleute von Verona", seine "Irrungen", seine "Verlorne Liebesmüh'", seine "Gewonnene Liebesmüh'" ("Ende gut, Alles gut"?), sein "Mittsommernachtstraum" und sein "Kaufmann von Venedig"; für die Tragödie sein "Richard II.", "Richard III.", "Heinrich IV.", "König Johann", "Titus Andronicus" und "Romeo und Julie". Wie Epius Stolo sagte, daß die Musen mit Plautus' Zunge reden würden, wenn sie lateinisch sprächen, so sage ich, daß die Musen in Shakespeares fein gefeilter Redeweise (fine-filed phrase) sprechen würden, wenn sie englisch sprächen". Wenn in der mitgeteilten Stelle "Heinrich VI." und "Die Zähmung der Widerspenstigen" nicht genannt werden, so ist hieraus nur zu schließen, daß diese Stücke weniger Beifall als die angeführten gefunden hatten. Wichtig aber sind die Worte bei Meres auch wegen der dort erwähnten Sonette, die erst elf Jahre später (1609) und zwar nicht von S. selbst herausgegeben wurden. Unklar ist auch die Widmung, welche der Herausgeber, der Buchhändler Thomas Thorpe, vor das Buch gesetzt hat. Dieselbe lautet: "Dem einzigen Erzeuger (begetter) dieser Sonette, Herrn W. H., wünscht alles Glück und jene von unserm ewig lebenden Dichter verheißene Unsterblichkeit der wohlmeinende T. T." Aber auch der Inhalt der Sonette ist ein rätselhafter. Man weiß in der That nicht, wie die schwärmerische Verehrung eines unbekannten Freundes in 126 Sonetten zu verstehen ist. Vielfache Selbstanklagen über unbezähmbare Leidenschaft in denselben scheinen die schlimmste Deutung zu verlangen; indes bleibt durchaus unerwiesen, inwieweit wir es hier mit dem Thatsächlichen zu thun haben. Dagegen ist das letztere unleugbar der Fall, wenn