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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Shakespeare

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Shakespeare (Dramen).

Shakespeares eröffnet, den ersten Teil von "Heinrich VI.", besteht Meinungsverschiedenheit. Der überwiegende Teil der kompetenten Stimmen bestreitet dieselbe. In der That weist das Stück eine so große Menge chronologischer und historischer Fehler auf wie keins der übrigen geschichtlichen Dramen des Dichters, wie auch anderseits die Sprache des Stückes von allen, die unter Shakespeares Namen überliefert sind, am wenigsten shakespearisch zu nennen ist.

In die jugendlichste Epoche Shakespearescher Dichtung gehört ferner die "Komödie der Irrungen", die um 1590 entstanden ist und zur Grundlage eine englische Übersetzung der "Menächmen" des Plautus hat. In Sprache und Bau verrät sich das Stück als eine der frühsten Gaben der Shakespeareschen Muse. Hier, wie im "Titus", souveränes Ignorieren der Wahrscheinlichkeitsgesetze; gegen die spätern Lustspiele gehalten, wird die feinere Kunst der Charakteristik, die sittliche Vertiefung der Komik vermißt; der Spaß macht sich mehr geltend als der Witz. Und dennoch läßt sich schon in diesem Jugendspiel, besonders wenn man seine verschlungenen Fäden mit denen der Plautinischen Komödie zusammenhält, der Reichtum des künftig über alle Gebiete des Lebens in Ernst und Scherz herrschenden Dichtergeistes ahnen.

Auch dem "Sommernachtstraum" weist der concetti- und antithesenreiche Stil, die häufige Allitteration, der Mangel scharfer Charakteristik und deutlicher Motivierung gleichfalls unter den frühern Arbeiten des Dichters seinen Platz an. Vermutlich wurde diese liebliche Dichtung, in der eine unendliche Zartheit der Naturanschauung, verwoben mit urwüchsiger Komik, so bezaubernd wirkt, zu einer festlichen Gelegenheit (nach Tieck zur Hochzeit des Grafen Southampton) verfaßt. Zu dem nicht viel später geschriebenen Stück "Die beiden Veroneser" entnahm der Dichter die Fabel einer Episode des berühmten Schäferromans "Diana" von Montemayor. In Hinsicht auf die Nichtbeachtung der dramatischen Wahrscheinlichkeit steht das Lustspiel den "Irrungen" nahe, übertrifft aber diese an psychologischer Feinheit und an volkstümlicher Komik.

Fast gleichzeitig mit den "Veronesern" (um 1591) mag das Lustspiel "Verlorne Liebesmüh'" entstanden sein. Es teilt mit den frühsten Dramen Shakespeares den namentlich durch mythologische Beziehungen gegebenen gelehrten Anstrich, die ältere englische Versbildung und den häufigen Gebrauch des Reims; in der formellen Behandlung steht es im ganzen sogar den vorgenannten Stücken nach. Dennoch zeigt es den Dichter fortgeschritten, insofern es entschiedener als die frühern Dichtungen eine beherrschende Idee, fein verwoben in die Handlung, durchschimmern läßt und die sittliche Gerechtigkeit, die in der echten Komödie so wenig wie in der echten Tragödie fehlen kann, in der Bestrafung eitler Ruhmsucht an ihren mannigfaltigen Vertretern in dem Stück zur entschiedenen Geltung bringt.

Einen äußerlichen und innerlichen Gegensatz zu "Verlorne Liebesmüh'" stellt "Ende gut, Alles gut" dar. Aus dem gezierten italienischen Stil jenes Lustspiels tritt man hier in den naturwüchsig englischen der spätern Stücke Shakespeares, aus dem spielenden, in handlungsarmer Redseligkeit sich ergehenden Ton in den schlichter Natürlichkeit und energischer Thatenfreude. Den wunderlichen, in der dargestellten Handlung unser Gefühl bis zum Verletzen befremdenden Stoff entnahm S. der von Boccaccio erzählten Geschichte "Giletta von Narbonne"; die psychologischen Schwierigkeiten, welche die vorgeführten Begebenheiten in sich schließen, sind größtenteils mit Meisterschaft überwunden. Das Stück ist zugleich eine der schönsten Huldigungen, welche S. dem weiblichen Geschlecht gespendet hat. Wie uns die Dichtung jetzt vorliegt, ist sie offenbar die Überarbeitung einer in die erste Epoche von Shakespeares Schaffen gehörigen. Zwei Stilarten sind, wie Coleridge dargethan, darin deutlich nebeneinander wahrzunehmen; der größte Teil des Lustspiels kann seine gegenwärtige Fassung erst etwa 1601-1602 erhalten haben.

Zwischen 1591 und 1593 ist vermutlich auch die Entstehung von "Romeo und Julie" zu setzen. Dies "glühendste, süßeste und leidenschaftlichste" der Werke Shakespeares ist dem Stoff nach einer poetischen Erzählung des Engländers Arthur Brooke entlehnt, welche zuerst 1562 erschien und ihrerseits wieder nur die Bearbeitung einer Novelle von Bandello ist. Shakespeares Dichtung, die von jeher für eine Art Typus aller Liebespoesie gegolten hat, trägt bei allem Reichtum an unübertrefflichen Schönheiten die Züge einer jugendlichen Arbeit. Ihre Diktion erinnert an den Sonettenstil des Dichters, ihr Pathos steigert sich an vielen Stellen zum Schwülstigen; als ein Werk des jungen S. aber offenbart sie sich auch durch eine Fülle lyrischer Elemente, die in einzelnen Situationen geradezu die Form stehender Arten damaliger Lyrik annehmen.

Nun wandte sich S. zur Bearbeitung historischer, zunächst der englischen Geschichte angehörender, Stoffe. Spätestens 1594 entstand "Richard II.", der ein Grundgesetz des politischen Lebens (freilich nur in der Lehrweise, wie sie echte Dichter üben) vorträgt, eine Lehre über "das Königtum von Gottes Gnaden und das Recht der Unverletzlichkeit". S. folgt in diesem Stück noch treuer als in irgend einer andern der Historien seiner für die meisten derselben fast ausschließlich benutzten Quelle, der Chronik von Holinshed; doch scheint ihm daneben auch wieder eine ältere dramatische Dichtung Anhalt geboten zu haben. Auch von "Richard III." (1596) lagen zwar ältere Bearbeitungen vor, doch scheint Shakespeares selbständige Urheberschaft hier unzweifelhaft. Das wunderbare Stück, welches in Hinsicht auf tragische Kühnheit zu den gewaltigsten des Dichters zu zählen ist, zeigt in dem Helden, welcher als "Gottesgeißel eines durch eigne Schuld dem Verderben geweihten Geschlechts" erscheint, mit erschütternder Wahrheit das Weltgericht in der Weltgeschichte und bringt in der tragischen Selbstvernichtung des Hauses York ein Grundgesetz allgemeiner Sittlichkeit zur Darstellung.

Die beiden letzten Teile von "Heinrich VI." sind unmittelbar darauf gedichtet worden. Springt auch hier die Anlehnung an vorhandene fremde Dichtungen in die Augen, so ergibt doch gerade der Vergleich der Schöpfung Shakespeares mit der erhaltenen Grundlage die wunderbare Macht und Zauberkraft seines Genies besonders deutlich. Dasselbe gilt von dem zunächst entstandenen Stücke "König Johann", das durch die Sorgfalt der Ausführung in Sprache und Charakterzeichnung trotz des herben Geistes, der das Ganze beherrscht (wir erinnern nur an die schauerlich ergreifende Szene von der Blendung Arthurs), sich den besten selbständigen Werken des Dichters zugesellt.

Einen Übergang zu den Werken einer zweiten, reifern Epoche Shakespeares macht der gleichfalls von Meres 1598 im "Schatzkästlein des Witzes" erwähnte "Kaufmann von Venedig". Mit dem "Sommernachtstraum" hat dieses Stück den Zauber des Märchenhaften gemein; beide Dichtungen mögen auch hinsichtlich ihrer Abfassung einander nahestehen und etwa um 1594 geschrieben sein. Der Handlung im "Kaufmann von Venedig" liegen zwei Erzählungen