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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Shakespeare

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Shakespeare (Dramen).

zu Grunde, die sich getrennt in der bekannten mittelalterlichen Märchensammlung der "Gesta Romanorum" finden, zu deren bizarrem Inhalt S. noch eine Entführungsgeschichte aus Masuccio di Salerno gefügt hat. Wie in keiner andern Dichtung Shakespeares, sind in dieser die scheinbar heterogensten und entlegensten thatsächlichen Verhältnisse miteinander kunstvoll verbunden und in wundervoller Architektonik zusammengefügt. Auch in der als Komödie in der Komödie aufgefaßten "Zähmung der Widerspenstigen", der Ausführung eines ältern englischen Stückes, sind zwei Handlungen verknüpft, deren eine bereits von Ariost dramatisch verwertet war. Wie in andern Lustspielen Shakespeares triumphiert hier einfache, natürliche Sittlichkeit über verschrobene Unnatur.

Es folgen (1596-98) die beiden Teile von "Heinrich IV." Der Erfolg dieses in der Anlage unendlich einfachen und fast kunstlos erscheinenden, in der Kunst der Charakteristik aber (es sei nur an die unübertroffenen Gestalten des Prinzen Heinrich und seines Freundes Falstaff erinnert) zu den größten Meisterstücken aller dramatischen Dichtung zählenden Werkes war enorm; einzelne Figuren desselben gewannen typische Bedeutung, und eine massenhafte Produktion im Gebiet der historischen Dramatik folgte seinem Erscheinen auf der Londoner Bühne. Dagegen ist der etwa 1599 verfaßte "Heinrich V." in Bezug auf die poetische Kraft der Szenen sehr ungleich, in Hinsicht auf den organischen Zusammenhang derselben sogar schwächer als beinahe alle übrigen Shakespeareschen Historien. Immerhin großartig aber wirkt in diesem Stück der Patriotismus Shakespeares, der sich hier als echten Engländer erweist, keineswegs als einen Dichter, der "höher steht als auf den Zinnen der Partei". Die Franzosen als Feinde Englands erfahren hier eine Charakteristik, die zu dem Bittersten gehört, was bis auf den heutigen Tag über sie gesagt worden ist.

Es reihen sich der Entstehung nach an "Heinrich V." einige der liebenswürdigsten Gaben der komischen Muse Shakespeares, die sämtlich an der Grenzscheide des 16. und 17. Jahrh. entstanden sind, nämlich die Lustspiele: "Wie es euch gefällt", das in manchem Betracht an den "Sommernachtstraum" erinnert, indem, wie dort, mutwillige Phantastik ohne Rücksicht auf Zeit und Raum das dramatische Zepter führt; "Viel Lärm um nichts", eine mit feinster Motivierung scheinbar widersinniger Begebenheiten ausgestattete Komödie, deren Stoff die von Bandello novellistisch bearbeitete Geschichte von Ariodante und Ginevra aus dem Ariost hergegeben hat; "Was ihr wollt", das sinnig-heiterste der Lustspiele Shakespeares; endlich "Die lustigen Weiber von Windsor", die nach der Tradition auf ausdrücklichen Wunsch der Königin Elisabeth von dem Dichter gegebene Darstellung Falstaffs in Liebesnöten, ein Werk voll komischer Drastik, und realistischer als Shakespeares übrige Komödien.

Gleichfalls um 1600, zwischen oder unmittelbar nach jenen heitern Gebilden, wurde nach einer Erzählung aus den "Hekatommiti" von Giraldi Cintio der "Othello" verfaßt, jenes düstere Nachtstück, dessen Reiz wesentlich in der fast grauenhaften Treue besteht, mit welcher darin die furchtbare Leidenschaft, die "mit Eifer sucht, was Leiden schafft", dargestellt ist, während eine eigentliche tragische Versöhnung und Erhebung nicht erreicht ist.

Der "Hamlet", Shakespeares tiefsinnigstes Werk, hat die Gestalt, in der wir das Stück heute lesen, um 1601-1602 erhalten. Die Grundzüge der Handlung entnahm der Dichter einer nordischen, zuerst von dem dänischen Chronisten Saxo Grammaticus erzählten Sage, die ihm in einer novellistischen Bearbeitung des Franzosen Belleforest vorlag. In den hier vorgefundenen, von S. mit ungewöhnlicher Freiheit behandelten Stoff hat der Dichter eine Welt von Gedanken hineingetragen, an deren Verständnis sich seit der Wiedererweckung des Shakespearestudiums die tiefsten und schärfsten Geister, besonders in Deutschland, abgemüht haben, ohne daß eine alles befriedigend lösende Erklärung dessen, was S. sicherlich mehr in instinktiver Genialität als mit bestimmter Absicht "hineingeheimnißt" hat, bis heute gefunden ist.

Mit seiner nächsten Schöpfung unternahm S. den ersten seiner Versuche, antik-römische Lebensbilder zu dramatischer Gestaltung zu bringen. Für "Julius Cäsar", der um 1602 gedichtet ist, wie für die übrigen Römerdramen benutzte der Dichter in sehr genauem Anschluß, welcher nur selten durch eigne Erfindungen unterbrochen ist, die Lebensbeschreibungen des Plutarch in der englischen Übersetzung von North. Man hat in den erwähnten Stücken die treue Wiedergabe antiken Lebens mit Bewunderung zu erkennen geglaubt, eine Täuschung der Shakespeareomanen, welche vor unbefangenen Blicken nicht besteht. Höchster Bewunderung würdig bleibt aber in "Julius Cäsar" die Kunst des Dichters, mit der dem an sich fast dürftigen Stoff der Erzählung das intensivste dramatische Leben verliehen ist.

In dem gleichfalls 1603 geschriebenen Lustspiel "Maß für Maß", dessen scheinbar höchst mißlicher Stoff, wie der des "Othello", einer Novelle des Giraldi Cintio entlehnt ist, schuf S. eins seiner tiefsinnigsten Gedichte, bei dem wir zwar über gewisse peinliche Elemente der dargestellten Handlung nur mit Mühe hinauskommen, dessen ethischer Grundgedanke aber für die Verletzungen des ästhetischen Gefühls durch die vorgeführte Begebenheit reichlich entschädigt.

Noch großartiger als "Othello" ist der zwischen 1605 und 1606 gedichtete "König Lear", eins der grandiosesten, wenn auch bisweilen grausigsten Dramen, die je ein Publikum erschüttert haben. Der Wahnwitz im alten Lear ist mit so psychologischer Wahrheit und Gewalt entwickelt, daß Irrenärzte denselben zum speziellen Studium gemacht haben. Wie erschütternd und grauenvoll das Ganze der Handlung aber auch ist, wie abstoßend auch die gefühllosen Töchter Regan und Goneril uns berühren, so fehlt es doch keineswegs darin an versöhnenden und harmonischen Elementen: echt wie Gold ist die Treue Kents, und die kindliche Liebe Cordelias umfließt die furchtbare Handlung wie eine süße Musik, in deren Akkorden sich zuletzt alles harmonisch auflöst.

Noch höher an echt tragischer Gewalt steht Shakespeares nächste Schöpfung, der wahrscheinlich 1605 gedichtete "Macbeth", nach des englischen Shakespeareologen Drake Urteil "das erhabenste und wirksamste Drama, welches die Welt je gesehen", jedenfalls aber unter des Dichters Werken das bühnenwirksamste und bei der szenischen Darstellung ergreifendste. Charakteristisch für dieses Drama, das man die Tragödie des Ehrgeizes genannt hat, ist auch die fast gänzliche Abwesenheit komischer Bestandteile, während S. es sonst liebt, den Eindruck des Tragischen durch Einflechtung des Komischen zu erhöhen.

Der Zeit nach dürfte auf "Macbeth" das zweite der Römerdramen: "Antonius und Kleopatra" (1606-1607), folgen, ein Stück, das die verschiedenartigsten Beurteilungen erfahren hat. Das Richtige hat wohl A. W. v. Schlegel angedeutet, wenn er sagt, das Stück sei zwiespältigen Charakters. Es sind nämlich diejenigen Szenen des Stückes, welche sich mit den betreffenden politischen Ereignissen be-^[folgende Seite]