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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Sinnen; Sinnesorgane

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Sinnen - Sinnesorgane.

verursachten Empfindungszustand auf als objektive Eigenschaft dieses äußern Objekts. Die Gesichts- und Gehörsempfindungen sind von allen die objektivsten. Wir verlegen dieselben, mit vollständigem Vergessen unsers empfindenden Ichs, ganz und gar außerhalb unsers Körpers, so daß nicht im geringsten die begleitende Vorstellung eines veränderten Zustandes des Sinnesapparats vorhanden ist. Weniger objektiv schon sind die Druckempfindungen. Auch diese verlegen wir an den Ort, wo das den Sinn erregende Objekt wirklich sich befindet; dieser Ort ist aber die Peripherie des Sinnesnervs selbst. Daher beziehen wir diese Empfindungen sowohl unmittelbar auf Teile unsers Körpers als auch auf die äußern Dinge selbst, doch so, daß letztere das Übergewicht behalten. Empfindungen geringer Objektivität sind die Temperatur-, Geruchs- und Geschmacksempfindungen. Bei diesen haben wir verhältnismäßig am meisten das Gefühl veränderter Zustände des eignen Körpers.

Da objektiv ganz verschiedene Reize, welche denselben Sinnesnerv treffen, Empfindungen ähnlicher Art hervorrufen, während anderseits ein und derselbe äußere Reiz, wenn er auf verschiedene Sinnesnerven einwirkt, verschiedene Empfindungen verursacht, so schreibt man jedem Sinnesnerv eine ihm eigentümliche, spezifische Energie zu, welche wir nicht von der Beschaffenheit der Nerven selbst ableiten können. Vielmehr sind die spezifischen Energien wahrscheinlich von dem nervösen Zentralapparat des Sinnes abhängig. Mangelt ein Sinnesendapparat, so fallen die ihm zukommenden objektiven Empfindungen aus, während subjektive Reize noch spezifische Empfindungen auslösen können. Jeder Sinn verschafft uns die qualitativ mannigfachsten Empfindungen: wir nehmen die verschiedensten Farben, die verschiedensten Töne wahr. Auch quantitativ sind die Empfindungen äußerst verschieden; doch gelingt es uns nur bei räumlichen und zeitlichen Empfindungen, ein absolutes Maß für dieselben zu finden, während wir qualitativ gleiche Empfindungen der Spezialsinne nur einfach verschieden intensiv wahrnehmen, ohne in dem Sinn selbst ein absolutes Maß für die verschiedenen Intensitäten zu haben. Ganz schwache Reize nehmen wir übrigens gar nicht wahr. Mit der Vermehrung der Reizstärke steigert sich auch die Empfindungsintensität. Bei fortgesetzter Einwirkung eines nicht zu schwachen Reizes tritt allmählich Abstumpfung der Empfindung ein, letztere wird schwächer oder erscheint selbst qualitativ verändert. Stärkere Reize führen früher zur Abstumpfung als schwächere. Allzu starke Reize, wie sehr grelles Licht, sehr lauter Schall, rufen die Empfindung des Schmerzes hervor. Durch anhaltende Übung kann man es in der Unterscheidung von Empfindungen, welche sich qualitativ oder quantitativ sehr nahe stehen, zu einer ungewöhnlichen Feinheit bringen. Äußerst wichtig ist der Umstand, daß wir beständig zahlreichen Sinnesreizen ausgesetzt sind, ohne von den meisten derselben wirklich etwas zu empfinden. Da erfahrungsmäßig jeder Reiz erst eine gewisse Höhe erreichen muß, ehe er Empfindungen anregen kann, so ist uns bis zu einer gewissen Grenze ein durch äußere Reize ungestörter Zustand gesichert. Aber auch bei starker Reizung von Sinnesnerven können die Empfindungen ausfallen, wenn die Leitung zwischen dem peripherischen Ende der Sinnesnerven und dem Gehirn, z. B. durch Nervendurchschneidung, aufgehoben ist, oder bei getrübtem Bewußtsein, wie in gewissen Hirnkrankheiten, im tiefen Rausch, oder endlich bei Ablenkung der Aufmerksamkeit von den unsre S. treffenden Gegenständen und von unsern eignen Empfindungszuständen. Merkwürdig ist, daß auch nicht beachtete Eindrücke mehr oder minder deutlich uns zum Bewußtsein kommen können. Vgl. George, Die fünf S. (Berl. 1846); Dornblüth, Die S. des Menschen (Leipz. 1857); Böhmer, Die Sinneswahrnehmungen (Erlang. 1866-68); Leyden, Über die Sinneswahrnehmungen (2. Aufl., Berl. 1872); Preyer, Die fünf S. des Menschen (Leipz. 1870); Bernstein, Die fünf S. des Menschen (2. Aufl., das. 1889).

Sinnen, in Süddeutschland s. v. w. Eichen.

Sinnesorgane (Sinneswerkzeuge), diejenigen Einrichtungen im tierischen Körper, welche demselben von den Zuständen der Außenwelt, zum Teil auch von denen des eignen Ichs, Kunde geben. Sie gehören stets entweder ganz oder in ihren wesentlichen Teilen der äußern Haut an, liegen jedoch bei weitem nicht alle unmittelbar auf der Oberfläche des Körpers, sondern sind oft tief in Höhlungen desselben zurückgezogen; allein auch dann entstehen sie während der Embryonalentwickelung des betreffenden Tiers immer aus einem Stück der äußern Haut. Im einfachsten Fall, bei einzelligen Tieren, ist der ganze Organismus mit Empfindung ausgestattet, sind also keine besondern S. entwickelt; bei mehrzelligen und vielzelligen hingegen tritt eine Arbeitsteilung in der Art ein, daß nur ein Teil der Hautzellen besonders empfindlich wird. Es kommt so bei den meisten Tieren ein Hautsinnesapparat, bestehend aus vielen über die Haut verbreiteten Sinneszellen, zu stande, welcher durch ebenso viele feine Nervenfasern mit andern, gewöhnlich mehr im Innern des Körpers gelegenen Zellen, den Ganglienzellen, in Verbindung steht; in letztern werden alsdann die Empfindungen zum Bewußtsein gebracht (s. Nervensystem). Diese Sinneszellen reagieren auf äußere Reize (Berührung etc.), sind also vorzugsweise Tastwerkzeuge, und tragen meist zur Erhöhung der Empfindlichkeit auf ihrer Außenfläche feine Haare, welche den Anstoß des berührenden Körpers auf die Zelle selbst sicher übertragen. Die S. höherer Ordnung zur Erzeugung ganz bestimmter Empfindungen entstehen in der nämlichen Weise und zeichnen sich vor den Tastorganen gewöhnlich nur durch andre Form der Zellen, auch wohl noch durch Nebenapparate etc. aus: so die Sehorgane durch Linsen zur Lichtbrechung, die Hörorgane durch Hörsteine etc. Gemeinschaftlich sind aber auch diesen die Grundzüge ihres Baues, nämlich die Sinneszellen mit den von ihnen ausgehenden Nervenfasern. Hiernach sind die S. nichts als die Endungen der sensibeln Nerven, und man kann sagen: die Form und Beschaffenheit der Riechzellen in der Nase bedingt die Fähigkeit zu riechen, die der Hörzellen im Ohr diejenige zu hören etc. Bei den niedern Tieren kennt man viele Apparate, welche anatomisch als S. gedeutet werden müssen, ohne daß man über ihre Funktion ins klare gekommen wäre; solche werden oft einfach als Tastorgane verschiedener Art bezeichnet. Keinesfalls ist es nötig, daß die bei den höhern Tieren, z. B. dem Menschen, bekannte Fünfzahl der Sinne (Gefühl, Geschmack, Geruch, Gehör, Gesicht) bei den niedern Tieren eingehalten werde, vielmehr lassen sich recht gut noch mehr Sinne (z. B. zur Empfindung von elektrischen Zuständen) bei ihnen vorhanden denken, während vielfach auch weniger vorhanden sind, wie denn z. B. ein eigentlicher Geruchssinn nur bei Luft atmenden Tieren möglich ist und Ohr, Nase, selbst Auge manchmal fehlen oder nur unvollkommen entwickelt sind. Ebenso wenig übrigens brauchen die höhern S., wie es bei den Wirbeltieren meist der