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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Ungarn

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Ungarn (Ackerbau und Viehzucht).

ten bestehen 3 Taubstummenanstalten, eine Blindenanstalt, eine Idiotenanstalt, 67 Waisen- und Rettungshäuser etc. Unter den wissenschaftlichen und Kunstinstituten sind zu erwähnen: die 1830 errichtete ungarische Akademie der Wissenschaften, die Kisfaludy-, die Petöfi-, die Geographische, die Geologische und die Historische Gesellschaft, jene der Naturforscher und Ärzte, das geologische und das meteorologische Institut, das königlich ungarische statistische Landesbüreau und das Budapester statistische Büreau, das Nationalmuseum mit seinen Sammlungen und Galerien, das Landesgewerbemuseum, das Handelsmuseum (im Industriepalast), das Landesarchiv, die Landesgemäldegalerie, die historische Porträtgalerie, der Landesrat für bildende Kunst, das Künstlerhaus und die Landeskommission zur Erhaltung der Baudenkmäler (sämtlich in Budapest); ferner das Bruckenthal-Museum in Hermannstadt, das städtische Museum in Preßburg, das südungarische Museum in Temesvár, das kroatisch-slawonische Nationalmuseum in Agram, die Museen in Déva, Klausenburg, Maros Vásarhély etc. und zahlreiche wissenschaftliche Vereine, Sammlungen, Bibliotheken und Archive in fast allen, selbst in kleinern Städten. Unter den Theatern steht obenan das ungarische Nationaltheater und die königliche Oper in Budapest; ferner bestehen daselbst noch vier ungarische Theater (Volks-, Festungs- und zwei Sommertheater) und ein deutsches Theater und außerdem viele ständige Theater in den größern Provinzstädten Arad, Hermannstadt, Kaschau, Klausenburg, Ödenburg, Preßburg, Raab, Stuhlweißenburg, Szegedin, Temesvár etc. (In Hermannstadt, Ödenburg, Preßburg und Temesvár wird auch deutsch gespielt.) In U. erscheinen 760 periodische, darunter 94 politische, Zeitschriften (525 ungarische, 133 deutsche, 34 kroatische, 11 slawische, 11 serbische, 15 rumänische etc.).

Land- und Forstwirtschaft.

U., dessen agrarische Verhältnisse durch verschiedene Grundentlastungsgesetze in den Jahren 1847/48, 1853, 1868, 1871 und 1873 geregelt wurden, ist vorzugsweise ein Agrikulturstaat. Der Grund ist zumeist entweder Eigentum von Großgrundbesitzern oder aber kleiner bäuerlicher Besitz. In U. und Siebenbürgen ist das Pachtsystem oder die Verwaltung durch Ökonomiebeamte sehr entwickelt, in den Nebenländern fast ganz fremd. In neuerer Zeit haben sowohl Staat als auch Herrschaften vielfach das englische "Farmersystem" eingeführt. Auf großen Gütern wird die Landwirtschaft rationell betrieben, weniger von den Bauern, bei welchen insbesondere die "Dreifelderwirtschaft" gebräuchlich ist. Seit Aufhebung des Unterthanenverbandes wird der Mangel an ländlichen Arbeitern stets fühlbarer, und dies fördert auf großen Gütern die Anwendung von Maschinen. Zur Hebung der Landwirtschaft hat der Landes-Agrikulturverein, von den Komitats- und vielen sonstigen landwirtschaftlichen Vereinen unterstützt, Bedeutendes beigetragen. Für einzelne Zweige sind auch Wanderlehrer bestellt. Die produktive Bodenfläche des ganzen Landes beträgt 53,3 Mill. Katastraljoch (früher nur 47,1) oder 30,7 Mill. Hektar (95,1 Proz.); hiervon entfallen auf Ackerland 22,4, auf Weinland 0,7, auf Gärten 0,7, auf Wiesen 6,0, auf Weide 7,5, auf Röhricht 0,1 und auf Waldland 15,8 Mill. Katastraljoch. Unproduktiv sind 3,1 Mill. Katastraljoch. U., wo seit 1877 der bestehende, vielfach mangelhafte provisorische Kataster reguliert wurde, ist ein so reiches Getreideland, daß es nicht nur sein eignes Bedürfnis an Cerealien vollkommen deckt, sondern auch dem Ausland bedeutende Quantitäten ablassen kann. Man baut Weizen, Roggen, Gerste, Hafer, Mais, Hirse, Heidekorn, ferner Kartoffeln, Spargel, Kohl, Rüben, Runkelrüben zur Zuckerfabrikation, Mohn, Wasser- und Zuckermelonen, Kürbisse, Gurken, Hülsenfrüchte aller Art. Obstkultur wird in vielen Gegenden fleißig betrieben; das Ödenburger Obst bildet gedörrt und eingemacht einen bedeutenden Handelsartikel. Im W. gibt es ganze Kastanien-, im S., wo auch Feigen und Mandeln gezogen werden, Pflaumenwälder. Besonders zahlreich sind Walnußbäume. Hinsichtlich des Weinbaues, eines der wichtigsten Produktionszweige Ungarns, nimmt es nach Frankreich die erste Stelle in Europa ein (s. Ungarweine). Der Ertrag beläuft sich auf ca. 9, in guten Jahren auf 16 Mill. hl. Die Pflege des Maulbeerbaums zur Seidenzucht, für welche in Szegszárd ein königliches Seidenbauinspektorat besteht (in Pancsova und Neusatz staatliche Seiden- und Lehrspinnereien), wird besonders in Ödenburg, Eisenburg, Tolna, Bács-Bodrog und in der frühern Militärgrenze betrieben. Von Manufaktur- und Handelspflanzen baut man Hanf, besonders in Bács-Bodrog, Flachs, am meisten in der Zips und in Sáros, Safflor, Waid, Wau, Krapp und andre Farbepflanzen, etwas Safran, von Ölgewächsen außer Lein besonders Raps und Rübsen; ferner Hopfen, einige Gewürzpflanzen, wie Kümmel, Fenchel, Senf, Anis, roten türkischen Pfeffer (Paprika) und Süßholz. Der ungarische Tabak ist der Menge und Güte nach ein Haupterzeugnis, dessen jährlicher Ertrag ½-⅔ Mill. metr. Ztr. beträgt. Die berühmtesten Tabaksorten liefern die Orte: Vitnyéd (Komitat Ödenburg), Vég (Komorn), Verpelét und Debrö (Heves), Glogovácz (Arad), Pereszlény (Hont), Nagyfalu (Eisenburg), Csetnek (Gömör), Szendrö (Borsod) etc. In den ausgedehnten Waldungen gewinnt man große Quantitäten Eicheln zur Schweinemast, Galläpfel, Knoppern, Rinden, Harze, Kohlen, Pottasche etc. In den ebenen holzarmen Gegenden brennt man Schilf, Rohr, Stroh und getrockneten Kuhmist.

Die große Ausdehnung der Wiesen und Weiden, besonders im N., machen U. für die Viehzucht besonders geeignet. In letzter Zeit hat sich die seit Jahrhunderten hervorragende Pferdezucht bedeutend gehoben, wozu die berühmten Staatsgestüte zu Mezöhegyes (im Csanáder), Kisbér und Bábolna (Komorner Komitat) und Fogaras (in Siebenbürgen) mit 2800 arabischen und englischen Pferden, 4 Hengstedepots und 858 Beschälstationen mit 3968 Pferden im Gesamtwert von 16,8 Mill. Gulden, über 100 große Privatgestüte sowie die Wettrennen in Budapest, Preßburg, Ödenburg, Kaschau, Arad, Debreczin und Klausenburg mit Staatspreisen und Staatsprämien für Pferdezüchter nicht wenig beitragen. Die meiste Pferdezucht findet man im Landstrich von Békés über Csanád und Torontál bis an die südliche Grenze, im Komitat Bács-Bodrog, in Syrmien, im ehemaligen Haidukendistrikt und in Siebenbürgen. Die Gesamtzahl der Pferde betrug 1881: 1,8 Mill. (darunter 96,600 Hengste). Das ungarische Hornvieh (weißhaarig, mit langen, gekrümmten Hörnern) ist in Bezug auf Arbeitskraft, Schnelligkeit, Mastfähigkeit, Fleischreichtum vorzüglich; dagegen ist die Ergiebigkeit und Güte der Milch geringer. Am stärksten ist die Rindviehzucht in den Komitaten am rechten Donauufer und in den nördlichen wiesenreichen Komitaten; dagegen sind die früher so reichen Landstriche zwischen Donau und Theiß jetzt vieharm. In den Thälern und auf Gebirgsabhängen findet sich das kleinhörnige und kurzfüßige Rind, im Komitat So-^[folgende Seite]