Schnellsuche:
Info: Zur Zeit wird der Volltextindex aktualisiert. Sie erhalten daher bei Suchen nicht die volle Anzahl an Treffern. Die Aktualisierung dauert typischerweise wenige Minuten.

Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Viehzucht

194

Viehzucht (Vererbungstheorien).

daraus den Satz abgeleitet, daß, wenn eine Differenz in der Größe bei der Paarung nicht zu vermeiden sei, wenigstens das männliche Tier das kleinere sein solle. Einer solchen Ansicht widerspricht aber die alltägliche Erfahrung; bei vielen wilden und bei unsern Haustieren ist normal das erwachsene männliche Tier größer als das weibliche. Man stützt den abgeleiteten Satz aber darauf, daß man sagt, die kleinere Mutter könne die Frucht von einem großen Vater nicht genügend entwickeln, nur schwer gebären und später nicht genügend ernähren. Dagegen ist zu sagen, daß die kleine Mutter die Frucht in dem Maße sich entwickeln läßt, als es ihr Beckenraum gestattet, und daß der Einfluß des großen Vaters auf die Entwickelungsfähigkeit der Frucht in der Regel erst nach der Geburt hervortritt. Ferner ergeben sich Geburtsschwierigkeiten aus der Größe des Vaters an sich keinesfalls, denn oft genug hat man 25 Ztr. schwere Bullen mit 8 Ztr. schweren Kühen und 200 Pfd. schwere Böcke mit 80 Pfd. schweren Schafen gepaart, ohne diese Schwierigkeit zu beobachten. Die letztern treten nur ein, wenn der Kopf oder das Becken (die Hüften) des vielleicht gar kleinern Vaters ungewöhnlich groß ist. Endlich hängt die Milchergiebigkeit nicht ab von der Körpergröße. Freilich kann die größere Mutter mehr Milchnahrung liefern als die kleinere, wenn sie beide gute Milchgeberinnen sind, und insofern hat der Satz etwas Richtiges; aber wenn man große Tiere ziehen will, wird man das sicherer erreichen, wenn man große Mütter mit großen Vätern paart. Festgestellt ist es dagegen, daß physiologische Eigenschaften (gute Futterverwertung, Parallelogrammform), wie oben erörtert, sich nur in der Anlage vererben, daß sie verloren gehen, wenn sie nicht dauernd durch die Haltung und Ernährung gestützt werden, und daß natürliche Eigenschaften (Eigentümlichkeiten des Skeletts, Zahl der Schwanzwirbel) sich sicher auf die Nachkommen übertragen. Paart man ein kurzschwänziges Schaf mit einem langschwänzigen, so wird das Junge sicher einen mittellangen Schwanz bekommen. Zufällige Eigenschaften vererben sich hingegen nicht sicher. In einer Merinoherde wurde ein Lamm geboren mit einer Wolle, deren Fäden seidenglänzend und dabei schlichter und weniger gekräuselt als die der gewöhnlichen Merinowolle waren. Das Tier wurde zur Zucht benutzt, vererbte seine Charaktere auf manche Nachkommen und ist der Stammvater der Mauchampsrasse geworden. Ein zufällig ohne Hörner gebornes Rind hat den Anstoß und die Möglichkeit gegeben zur Heranzüchtung einer hornlosen Rinderrasse. Weniger erwünscht ist es aber, daß auch manche zufällige Eigenschaften, welche man geradezu als Mißbildungen bezeichnen kann, und verschiedene Krankheiten, wenn auch meist nur in der Anlage, von den Eltern auf die Kinder übergehen. Die letztern bezeichnet man als Erbkrankheiten und nennt als solche bei dem Pferde den Dummkoller, das Kehlkopfspfeifen, die Mondblindheit, den Spat und sonstige Knochenleiden, bei dem Rind und Schwein die Tuberkulose, bei dem Schaf die Traberkrankheit. Es gilt als Grundsatz in der V., alle Tiere von der Benutzung zur Zucht auszuschließen, welche solche erbliche Krankheiten oder Krankheitsanlagen besitzen. Dabei muß man indes wohl unterscheiden, ob es sich um eine Krankheit handelt, welche die Tiere erst im Lauf ihres Lebens erworben hatten, ohne daß ihnen die Anlage überkommen war. Ein Pferd kann sich durch eine heftige Einwirkung den Spat zuziehen, ohne daß die Eltern oder Voreltern denselben hatten, und ohne daß es selbst ein dazu inklinierendes, schlecht gebautes Sprunggelenk besitzt. Ein solcher Fehler würde ebensowenig vererblich sein wie eine zufällige oder absichtliche Verstümmelung. Seit hundert Jahren werden den Merinoböcken und -Schafen in Deutschland die Schwänze gestutzt; aber wohl noch nie ist es vorgekommen, daß ein Merinolamm mit natürlich verstümmeltem Schwanz geboren wäre. Auch sonstige vermeintliche Einflüsse auf die Vererbung muß man bestimmt zurückweisen, so namentlich das sogen. Versehen und die sogen. Infektionstheorie, wonach eine Mutter von dem männlichen Tier, das sie das erste Mal befruchtet, so affiziert werden soll, daß auch die spätern Produkte derselben von andern Vätern gewisse Anklänge oder Ähnlichkeiten von dem zuerst benutzten männlichen Tier zeigen. Die wissenschaftlichen Erklärungen, welche man für die Infektionstheorie vorgebracht hat, sind völlig haltlos, und wenn man aus der letztern den praktischen Schluß gezogen hat, man dürfe nur solche weibliche Tiere bei Prämiierungen berücksichtigen, welche die Garantie bieten, nicht infiziert zu sein, so ist das entschieden zurückzuweisen. Dagegen sind zuweilen Enkel in irgend einer Eigenschaft den Großeltern in der That ähnlicher als den Eltern, oder sie besitzen Eigenschaften, welche nicht bei den Eltern, sondern bei den Großeltern oder bei noch weiter zurückliegenden Vorfahren vorhanden waren. Diese Erscheinung nennt man Rückschlag oder Atavismus. Das Auftreten gefleckter oder schwarzer Lämmer in Merinoherden, in denen seit 100 Jahren nur die weißen Tiere zur Zucht verwendet wurden, ist z. B. ein Beweis für das Vorkommen des Atavismus. Wenn man eine größere Zahl von weiblichen Tieren, um eine wirtschaftlich nicht vorteilhafte Eigenschaft derselben in der Nachzucht zu beseitigen, mit männlichen Tieren paart, welche diesen Fehler nicht besitzen, und dann in den weitern Generationen immer noch Tiere auftauchen, welche Anklänge an die fehlerhafte Eigenschaft der Urgroßmütter zeigen, so kann das recht störend sein. Die Rückschläge werden um so seltener auftreten, je länger die Reihe der Vorfahren ist, die von dem Fehler frei waren. Paart man nun Tiere miteinander, so sollen beide Eltern möglichst diejenigen Eigenschaften besitzen, welche wir von den Kindern verlangen. Ein züchterischer Satz lautet: Gleiches mit Gleichem gibt Gleiches, oder besser gesagt: »Ähnliches, miteinander gepaart, gibt Ähnliches«. Die Befolgung dieses Grundsatzes ist aber nicht immer möglich. Oft genug muß der Züchter sich bemühen, Fehler der Mütter durch Benutzung eines in denselben Punkten vorzüglichen Vatertiers in der Nachzucht auszugleichen, da nicht lauter gute Tiere vorhanden sind. Stuten mit langem Rücken, schwacher Lende, kurzem, abschüssigem Kreuz werden gepaart mit einem Hengst mit kurzem Rücken, kräftiger, breiter Lende, langem, geradem Kreuz, um Fohlen von letzterer Beschaffenheit zu erhalten. Merinoschafe mit kahlem Bauch und mit einer Wolle, die zu kurz und unausgeglichen ist und losen, offenen Stapel hat, werden gepaart mit Böcken mit gut bewolltem Bauch, ausgeglichener Wolle und langem, dichtem, geschlossenem Wollstapel, um Schafe der letztern Qualität zu erzielen. Hierauf beruht ein zweiter Satz: Ungleiches, miteinander gepaart, gibt Ausgleichung. Nur muß man diesen Satz nicht so verstehen, daß man einen Fehler durch den entgegengesetzten ausgleichen, daß man also z. B. einer senkrückigen Stute, um aus derselben geradrückige Fohlen zu erhalten, einen Hengst mit aufgebogenem (sogen. Karpfenrücken) geben solle. So notwendig solche Zucht oft ist, so schwierig ist sie;