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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Villemain; Villemessant; Villemur; Villena

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Villemain - Villena.

Wiederherstellung des Absolutismus war hauptsächlich sein Werk; auch setzte er die Emigrantenentschädigung ins Werk, begünstigte die Ausbreitung der Jesuiten über das Land, schuf die Septennalität der Kammern, erfand die Rentenreduktion und brachte ein Sakrilegiengesetz in Vorschlag. Als durch die Neuwahlen in die Deputiertenkammer 1827 die Opposition gegen das Ministerium verstärkt ward, sah sich der König genötigt, den schon lange dem Volk und der Mehrheit der Pairs verhaßten Minister zu entlassen. V. ward zwar gleichzeitig zum Pair ernannt, zog sich aber bald darauf nach Toulouse zurück, wo er 13. März 1854 starb. Vgl. »Mémoires et correspondance du comte V.« (Par. 1887-89, 5 Bde).

Villemain (spr. wilmâng), Abel François, franz. Schriftsteller und Philolog, geb. 11. Juni 1790 zu Paris, wurde, 20 Jahre alt, Professor der Rhetorik am Lyceum Charlemagne und bald darauf an der Normalschule und erwarb sich hier durch Lobreden auf berühmte Männer, so auf Montaigne und Montesquieu, einen Namen, ward unter Decazes Direktor des Buchhandels und 1819 Staatsrat und Vorstand der Petitionskommission. Seine Vorlesungen von 1827 bis 1830, die einen ungeheuern Zulauf hatten, erschienen als »Cour de littérature française« (1828-30; 2. Aufl. 1864, 6 Bde.), ein Werk von bleibendem Wert. Auch als Historiker hat sich V., besonders durch seine meisterhafte, aus den Quellen geschöpfte »Histoire de Cromwell« (1819, 2 Bde.; Deutsch, Leipz. 1830) und durch sein historisches Gemälde: »Lascaris, ou les Grecs du XV. siècle« (1825), Ruhm erworben. Seine ästhetisch kritischen Schriften in den »Mélanges« (1823, neue Ausg. 1860) und den »Nouveaux mélanges« (1827) suchen die Mitte zu halten zwischen den extremen Ansichten des Klassizismus und Romantizismus, der materialistischen Philosophie des 18. Jahrh. und dem Idealismus unsrer Zeit. In der Deputiertenkammer, wo er seit Juli 1829 saß, bis er 1832 zum Pair ernannt wurde, gehörte er zur Opposition. Unter seinen parlamentarischen Leistungen ist außer mehreren glänzenden Reden, z. B. gegen die Septembergesetze 1835, sein »Rapport sur l'instruction secondaire« (1843) zu erwähnen. In dem Ministerium Soult vom 13. März 1839 bis 1. März 1840 war er Minister des öffentlichen Unterrichts. Am 28. Okt. 1840 wieder mit diesem Portefeuille betraut, betrieb er hauptsächlich 1844 die Ausweisung der Jesuiten. Ende dieses Jahrs befiel ihn eine Geisteskrankheit, doch trat er nach seiner Genesung (1847) wieder mehrfach in der Kammer auf. Durch die Februarrevolution von 1848 vom politischen Schauplatz entfernt, verzichtete er nach der Begründung des neuen Kaiserreichs auf alle Ämter und behielt bloß seinen Sitz in der Akademie, als deren ständiger Sekretär er bis an seinen Tod fungierte. Er starb 8. Mai 1870. Von seinen Schriften sind noch zu erwähnen: »Souvenirs contemporains d'histoire et de littérature« (1853; neue Ausg. 1864, 2 Bde.; deutsch, Leipz. 1854); »Choix d'études sur la littérature contemporaine« (1857); »La tribune moderne« (Bd. 1: Chateaubriand, 1857; Bd. 2, aus dem Nachlaß, 1882); »Essais sur le génie de Pindare« (1859); »Études de littérature ancienne et étrangère« (1846, 3. Aufl. 1865); »Tableau d'éloquence chrétienne au IV. siècle« (1846, neue Ausg. 1870, deutsch, Regensb. 1855); »Histoire de Grégoire VII« (1873, 2 Bde.).

Villemessant (spr. wilmessāng), Jean Hippolyte Cartier de, franz. Journalist geb. 12. April 1812 zu Rouen als ein natürlicher Sohn des Obersten Cartier und der Augustine de V., deren Namen er annahm, betrieb, frühzeitig verheiratet, Geschäfte in Blois, Tours und Nantes und begab sich 1839 nach Paris, um sich dem Journalismus zu widmen. Er schrieb unter anderm unter dem Namen Louise de Saint-Loup das Modefeuilleton der Girardinschen »Presse«, verband sich gleichzeitig mit den Legitimisten, deren Interessen er nach 1848 in der »Chronique de Paris« etc. verfocht, und gab seit 1854 den »Figaro« heraus, zunächst als zweimal wöchentlich erscheinende Zeitschrift, dann seit 1865, nachdem ihm ein andres Organ, das »Événement«, unterdrückt worden, als Tageszeitung, die sich bald als pikantes Skandalblatt, stets gemein, aber stets vorzüglich redigiert, in die Gunst des Publikums einzustehlen wußte und mit ihrem ganzen Wesen so recht zur Signatur des zweiten Kaiserreichs gehört. In den »Mémoires d'un journaliste« (1867-78, 6 Bde.) erzählte V. seine eignen Schicksale. Er starb 11. April 1878 in Monte Carlo bei Monaco. V. war einer der gehaßtesten Menschen von Paris; kein Mittel verschmähte er, um Effekt zu erzielen, doch war seine Thätigkeit ungeheuer, und seine Wohlthätigkeit gegen arme Kollegen wird gerühmt. Vgl. die biographischen Schriften von Faucon (Par. 1879) und Du Saussois (das. 1880).

Villemur (spr. wilmühr), Stadt im franz. Departement Obergaronne, Arrondissement Toulouse, am Tarn und der Eisenbahn Montauban-St. Sulpice, mit Eisengießerei, Filz- und Kerzenfabrikation, Wachsbleicherei und (1881) 2169 Einw.

Villena (spr. wiljēna), Bezirksstadt in der span. Provinz Alicante, am Vinalopo, Knotenpunkt der Eisenbahnen Madrid-Alicante und V.-Bañeras, in fruchtbarer Ebene, mit Schloß, Leinweberei, Seifenfabriken und (1878) 11,424 Einw. In der Nähe ein großer Salzsee.

Villena (spr. wiljēna), Don Enrique de Aragon, Marquis de, berühmter span. Gelehrter, geb. 1384, zeigte schon früh eine glühende Liebe zu gelehrten Studien und erwarb sich in fast allen Zweigen des damals bekannten Wissens außerordentliche Kenntnisse. Als ein Verwandter der kastilischen u. aragonischen Königsgeschlechter hielt er sich bald an dem einen, bald an dem andern beider Höfe auf. Durch einen Gewaltstreich beraubte ihn Heinrich III. von Kastilien seiner Güter, bewirkte aber später seine Erwählung zum Großmeister des Ordens von Calatrava, in welcher Eigenschaft V. eine Zeitlang thätigen Anteil an den politischen Ereignissen nahm. Doch wurde er unter dem Vorwand, daß seine Wahl nicht regelrecht erfolgt sei, von den Rittern selbst seiner Würde wieder entsetzt und geriet nun in eine sehr bedrängte Lage. Endlich verlieh ihm die Regentschaft von Kastilien zur Entschädigung für seine Verluste die kleine Herrschaft Iniesta, wo er den Rest seines Lebens in Zurückgezogenheit verlebte. Er starb 15. Dez. 1434. Seine kostbare Büchersammlung ließ Johann II. verbrennen. V. war einer der gelehrtesten Männer des damaligen Spanien, und der sich auch mit Alchimie und Astrologie beschäftigte, so kam er dadurch in den Ruf eines Zauberers. Nach dem Vorbild der Blumenspiele von Toulouse (s. Jeux floraux) stiftete er 1412 zu Barcelona das Consistorio de la gaya ciencia. Er übte großen Einfluß auf die Ausbildung der höfischen Dichterschule des 15. Jahrh. aus durch seine im Geiste des spätprovençalischen Minnegesangs abgefaßte Poetik: »Arte de trobar«, welche jedoch nur in einem Auszug in Mayans y Siscars »Orígenes de la lengua española« (Madr. 1737) auf uns ge-^[folgende Seite]