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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Wagner (Richard)

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Wagner (Richard).

Musiker.

14) Wilhelm Richard, Dichter, Komponist und Musikschriftsteller, geb. 22. Mai 1813 zu Leipzig, gest. 13. Febr. 1883 in Venedig, war der Sohn eines Leipziger Polizeiaktuars; seine erste künstlerische Anregung erhielt er in Dresden, wohin seine Familie nach dem bereits fünf Monate nach Wagners Geburt erfolgten Tode des Vaters und der Wiederverheiratung seiner Mutter mit dem Dresdener Hofschauspieler Ludwig Geyer übergesiedelt war. Dem technischen Musikstudium wenig zugeneigt, um so eifriger aber den Wissenschaften ergeben, errang er schon im elften Jahr als Zögling der Kreuzschule einen ersten Dichtererfolg, indem bei einer Konkurrenz das von ihm auf den Tod eines seiner Mitschüler verfaßte Gedicht als das beste erkannt und demgemäß gedruckt wurde. Gleichzeitig empfing er auch einen tiefen musikalischen Eindruck durch Webers damals soeben in die Öffentlichkeit gelangten »Freischütz«; noch mächtiger aber wirkten auf ihn die Symphonien Beethovens, mit denen er in den Gewandhauskonzerten zu Leipzig bekannt wurde, wohin seine Familie, nachdem 1820 auch sein Stiefvater gestorben, zurückgekehrt war. Nunmehr gab er seinen frühern Plan, »Dichter zu werden«, auf und beschloß, sich der Musik zu widmen, was ihn jedoch nicht hinderte, seine wissenschaftlichen Studien, erst an der Leipziger Nikolaischule, dann an der dortigen Universität, wo er mit Eifer philosophische und ästhetische Collegia hörte, zum Abschluß zu bringen. Mittlerweile hatte er auch unter Leitung des Thomaskantors Weinlig gründliche Studien im Kontrapunkt gemacht und als Früchte derselben eine Sonate und eine Polonäse für Klavier veröffentlicht (erschienen bei Breitkopf u. Härtel als Op. 1 und Op. 2) sowie 1833 eine Symphonie und eine Konzertouvertüre mit Fuge im Gewandhauskonzert unter Beifall zur Aufführung gebracht. Im Mai desselben Jahrs führte ihn der immer lebhafter werdende Wunsch, sich als Musiker praktisch zu bethätigen, nach Würzburg, wo sein älterer Bruder, Albert, als Opernsänger und Regisseur wirkte; hier entstand, während er sich als Chordirektor für die Theaterlaufbahn bildete, seine erste Oper: »Die Feen«, deren Text er nach Gozzis »La donna serpente« selbst verfaßt hatte. Seine Bemühungen, dies Werk in Leipzig, wohin er im folgenden Jahr zurückgekehrt war, zur Aufführung zu bringen, blieben erfolglos (die Oper kam nach Wagners Tod 1888 in München auf die Bühne), und nicht viel besser ging es seiner zweiten Oper, dem nach Shakespeares »Maß für Maß« von ihm bearbeiteten »Liebesverbot«, welche in Magdeburg, wo W. von 1834 bis 1836 als Theaterkapellmeister fungierte, zwar zur Aufführung kam, der vorgerückten Saison wegen und in Ermangelung geeigneter Kräfte jedoch nicht zu voller Wirkung gelangen konnte. Im Januar 1837 begab er sich als Theaterkapellmeister nach Königsberg (wo er sich mit der Schauspielerin Minna Planer verheiratete), vertauschte jedoch diese Stelle noch Ende des Jahrs mit der gleichen in Riga. Inzwischen aber war ihm die Unmöglichkeit klar geworden, mit den beschränkten Mitteln eines Theaters zweiten Ranges seine künstlerischen Intentionen zu verwirklichen; der Gedanke, an der Großen Oper zu Paris einen Wirkungskreis zu finden, ließ ihm keine Ruhe, und da er in dem während seines Rigaer Aufenthalts entworfenen »Rienzi« (nach Bulwers gleichnamigem Roman) einen für Paris geeigneten Stoff gefunden zu haben glaubte, so begab er sich im Sommer 1839 aufs Geratewohl zur See über London nach der französischen Hauptstadt.

Aber auch hier wurden seine Erwartungen nicht erfüllt; ungeachtet der Verwendung Meyerbeers vermochte er weder den 1840 vollendeten »Rienzi« noch auch den im folgenden Jahr vollendeten »Fliegenden Holländer« auf die Bühne zu bringen, und bald sah er, von allen Subsistenzmitteln entblößt, sich genötigt, durch schriftstellerische Arbeiten für Musikzeitungen und durch Arrangements von gangbarer Opernmusik sein Leben zu fristen. Die Bitterkeit, die sich infolge der wiederholten Täuschungen seiner bemächtigt hatte, fand ihren Ausdruck in der damals entstandenen Ouvertüre zu Goethes »Faust«, beiläufig die erste Arbeit Wagners, in welcher er sich durchaus selbständig zeigt. Da traf ihn im Frühjahr 1842 die Nachricht, daß sein »Rienzi« in Dresden und sein »Holländer« in Berlin zur Aufführung angenommen seien, und veranlaßte ihn, nach Deutschland zurückzukehren. In Dresden angelangt, war er Zeuge des glänzenden Erfolgs seines »Rienzi« (20. Okt. 1842) und sah auch unmittelbar darauf, nachdem auch der »Holländer« mit gleichem Erfolg zur Aufführung gekommen war (nicht in Berlin, sondern ebenfalls in Dresden, 2. Jan. 1843), durch die Ernennung zum Hofkapellmeister seine materielle Lage gesichert. Mit der Zeit stellten sich allerdings auch in Dresden der Verwirklichung seiner künstlerischen Ideale Hindernisse entgegen, welche ihm schon die Aufführung seines »Tannhäuser« (1845) erschwerten, die des im Winter 1847/48 vollendeten »Lohengrin« sogar unmöglich machten, und bei der fast gänzlichen Erfolglosigkeit seines Kampfes gegen jene Hindernisse ist es nicht zu verwundern, daß ihn das Jahr 1848 in den Reihen der Mißvergnügten fand. Obwohl er sich mit seinen Reformplänen nicht vom künstlerischen Boden entfernte (die Natur derselben erhellt aus seinem dem sächsischen Kultusministerium vorgelegten »Entwurf zur Organisation eines deutschen Nationaltheaters«, abgedruckt in Wagners »Gesammelten Schriften und Dichtungen«, Bd. 2, S. 307), so sah er sich doch nach den Wirren der Maitage 1849 durch seine Teilnahme an der revolutionären Bewegung derart kompromittiert, daß er Dresden verließ und erst nach Weimar, dann nach Paris, endlich aber, nachdem ein ihm nachgesandter (noch im Jahr 1853 erneuerter) Steckbrief ihm jede Hoffnung der Rückkehr benommen, nach Zürich flüchtete.

Hier, zum zweitenmal dem für sein praktisches Kunstschaffen durchaus nötigen Heimatsboden entrückt, fühlte er sich zunächst gedrungen, auf theoretischem Weg zur völligen Klärung seiner künstlerischen Anschauungen zu gelangen und sich selbst sowie den ihm Gleichgesinnten über die Ursachen und Ziele seiner künstlerischen Thätigkeit Rechenschaft abzulegen. In den um diese Zeit entstandenen Schriften: »Die Kunst und die Revolution« (1849), »Das Kunstwerk der Zukunft« (1850) und »Oper und Drama« (1851, sämtlich im 3. Bande der »Gesammelten Schriften«) entwickelte er mit derselben Entschiedenheit und Klarheit, welche seinen ersten schriftstellerischen Versuch, die bereits 1834 in der »Zeitung für die elegante Welt« veröffentlichten Aufsätze über die deutsche Oper kennzeichnen, seine Ansichten über die Ursachen des Verfalls der Kunst und die Mittel zu ihrer Hebung. Jene Ursachen aber findet er in der mit dem Untergang der antiken Kunst eingetretenen Trennung der Einzelkünste, deren Wiedervereinigung zu einem gemeinsamen Zweck und zwar in der einzig dazu geeigneten Kunstform, dem Musikdrama, das Kunstwerk der Zukunft ins Leben zu rufen bestimmt ist. Außer diesen Schriften, welche zunächst nur die Aufmerksam-^[folgende Seite]