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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Wagner (Richard)

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Wagner (Richard).

keit der litterarischen Kreise erregten, veröffentlichte W. noch während seines Schweizer Aufenthalts seine Dichtung »Der Ring des Nibelungen« (1853; im 5. Bd. der »Schriften«), welche selbstverständlich um diese Zeit ebenfalls nur einen kleinen Leserkreis fand. Inzwischen aber hatten seine Bühnenwerke, besonders nachdem 22. Aug. 1850 unter Liszts Leitung der »Lohengrin« in Weimar zum erstenmal zur Darstellung gekommen war, die Aufmerksamkeit des deutschen Publikums in hohem Grad erregt und ihn zu erneuter Thätigkeit auf diesem Gebiet angespornt. Dem Drang, die auf dem Weg der Betrachtung gewonnenen Ergebnisse praktisch zu verwerten und die von seiten der Kritik (unter andern durch Otto Jahn in seinem 1854 in den Leipziger »Grenzboten« erschienenen Aufsatz über den »Lohengrin«) erhobenen Bedenken gegen sein System durch die That zu widerlegen, dankt das 1859 vollendete Musikdrama »Tristan und Isolde« seine Entstehung, in welchem der Bruch mit der bisherigen Opernform bis zu seinen letzten Konsequenzen durchgeführt ist. Auch als Dirigent trat er nunmehr wieder in die Öffentlichkeit, zuerst 1855 in London auf Einladung der alten Philharmonischen Gesellschaft, dann 1860 in Paris, wo er eine Reihe von glänzenden Konzerten im Italienischen Theater veranstaltete. Sein Wunsch, den »Tristan« auf die Bühne zu bringen, sollte freilich sobald noch nicht erfüllt werden, am wenigsten in Paris, dessen Publikum sogar den ungleich verständlichen »Tannhäuser« bei seinem Erscheinen in der Großen Oper (1861) in rücksichtslosester Weise ablehnte; aber auch in Wien wurde sein Lieblingswerk, nachdem man ihm dort das eifrigste Studium gewidmet, als unausführbar zurückgelegt, und eine in Karlsruhe geplante Aufführung des »Tristan« mußte aus demselben Grund unterbleiben.

So lagen die Verhältnisse, als 1864 König Ludwig II. den bayrischen Thron bestieg und den Meister, mit dessen Werken er bereits im frühen Jünglingsalter vertraut geworden war, nach München berief, um ihm hier die Ausführung seiner künstlerischen Reformpläne zu ermöglichen. Schon im folgenden Jahr gelangte endlich »Tristan und Isolde« (unter Mitwirkung des Schnorrschen Ehepaars in den Titelrollen und unter Leitung Hans v. Bülows) zur Darstellung (10. Juni 1865), und bald darauf erfolgte die Eröffnung der Musikschule, zu welcher W. in einem »Bericht an S. M. den König von Bayern über eine in München zu errichtende deutsche Musikschule« (»Schriften«, Bd. 8) den Plan angegeben. Zwar wurden alle diese Arbeiten nur zu bald durch die Intrigen einer Gegenpartei unterbrochen, denen W. schon Ende 1865 weichen mußte, um abermals in der Schweiz, diesmal in der Villa Triebschen bei Luzern, eine Zufluchtstätte zu finden; doch haben die spätern hervorragenden Momente in Wagners Künstlerlaufbahn bewiesen, daß dieselbe durch jene Umtriebe nur vorübergehend unterbrochen werden konnte; es sind dieses die Aufführung seiner in Triebschen vollendeten, dem Entwurf nach jedoch noch aus den 40er Jahren datierenden »Meistersinger von Nürnberg« zu München (21. Juni 1868), welcher W. in der königlichen Loge an der Seite des Königs beiwohnte; ferner die Grundsteinlegung des Festspieltheaters in Baireuth (1872) und Wagners Übersiedelung nach dieser Stadt, nachdem 1866 seine von ihm getrennt lebende Gattin gestorben war und er 1870 eine zweite Ehe mit einer Tochter Franz Liszts (Cosima v. Bülow) geschlossen hatte; endlich das größte und erhebendste Ereignis seines Künstlerlebens: die dreimalige Darstellung der Festspieltrilogie »Der Ring des Nibelungen«, die zu Baireuth 13. Aug. 1876 in Anwesenheit des deutschen Kaisers sowie des Königs von Bayern und andrer deutscher Fürsten, in Gegenwart eines Publikums von Künstlern und Schriftstellern, von Aristokraten des Geistes und der Geburt erfolgte.

Daß die materiellen Erfolge dieser Aufführungen trotz der Munifizenz des Kaisers wie des Königs von Bayern, trotz der Opferwilligkeit aller Freunde der Wagnerschen Kunst hinter den künstlerischen zurückblieben, erklärt sich durch die Neuheit und Kühnheit des Unternehmens. Wagners Bemühungen, das finanzielle Defizit durch Veranstaltung von Konzerten, in denen er seine Kompositionen dirigierte, zu decken, füllten seine nächsten Lebensjahre in einer für ihn unerfreulichen Weise aus. Auch das Scheitern seines Plans, in Baireuth eine »Stilbildungsschule« zu begründen, aus welcher die zukünftigen Darsteller und Dirigenten des Festspieltheaters hervorgehen sollten, sowie der anfangs geringe Erfolg der Monatsschrift »Baireuther Blätter«, die er 1878 als eine Art Ersatz dafür ins Leben rief, drückten seine an die Aufführung des »Nibelungenringes« geknüpften Hoffnungen stark danieder. Nichtsdestoweniger ging er mit ungebrochener Kraft an die Komposition eines neuen großen Werkes, des als Dichtung schon 1877 erschienenen »Parsifal«, eines »Bühnenweihfestspiels«, wie er es nannte, bestimmt, seine schöpferische Thätigkeit krönend abzuschließen. Dies 1882 während eines Aufenthalts in Palermo vollendete und in demselben Jahr im Festspielhaus zu Baireuth vom 25. Juli an 16mal aufgeführte Werk, welches im wesentlichen das Mysterium des christlichen Glaubens zur Anschauung bringt, sollte sein Schwanengesang werden, denn schon im folgenden Jahr (13. Febr. 1883) ereilte ihn in Venedig, wo er für sein schon längere Zeit durch Atmungsbeschwerden und Gesichtsrose gestörtes Befinden Heilung gesucht, ein plötzlicher Tod. Seine Leiche wurde nach Baireuth gebracht und, nachdem ihr bereits auf dem Weg dahin fürstliche Ehren erwiesen waren, unter Teilnahme der von nah und fern herbeigeeilten Freunde des Meisters im Garten seines Hauses »Wahnfried« an der schon lange zuvor von ihm selbst dafür bestimmten Stelle beerdigt. Der Geist aber, den er geweckt, wirkte in den folgenden Jahren mit wachsender Kraft weiter durch Vermittelung namentlich der Wagner-Vereine, welche sich 1871 in einer Menge von Städten Deutschlands und des Auslandes gebildet hatten, um die Aufführung der Nibelungentrilogie zu ermöglichen, und nun nach Wagners Tode die Aufgabe übernahmen, sein künstlerisches Vermächtnis rein und unvermindert dem folgenden Geschlecht zu erhalten.

In den genannten dramatischen Werken folgt W. der Hauptsache nach den bereits von Gluck (s. d.) in der Vorrede zu seiner »Alceste« aufgestellten Grundsätzen, wie denn überhaupt seine künstlerische Tendenz eine wesentlich konservative ist, insofern er das Übergewicht, welches in der modernen Oper die Musik über die Dichtung erlangt hat, beschränkt und die Herrschaft der letztern, wie sie zweifellos in der antiken Tragödie bestanden, wiederhergestellt wissen will. Nur durch einheitliches Zusammenwirken der Poesie mit den übrigen Künsten kann das Musikdrama zu seiner vollen und unmittelbaren Wirkung gelangen, und um dieselbe zu erreichen, ist es nötig, daß jede der Einzelkünste einen Teil ihrer im Lauf der Zeit gewonnenen Selbständigkeit opfere: die Wortsprache