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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Warschau

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Warschau (Stadt).

industrie (7½ Mill. Rub.), Maschinenbau (3,7 Mill. Rub.), Tabaksindustrie (2,3 Mill. Rub.), Eisenindustrie (1,8 Mill. Rub.), Lederindustrie (1,7 Mill. Rub.), Metallverarbeitung mit Ausnahme des Eisens (1,4 Mill. Rub.), Ziegeleien (1,4 Mill. Rub.), Getreidemüllerei (1,6 Mill. Rub.). Das Land wird von vier Eisenbahnen durchschnitten, die, von der Hauptstadt ausgehend, über Wilna nach Petersburg, über Sjedlez nach Terespol, über Skjerniewize südlich nach Krakau und nordwestlich nach Bromberg führen. An Unterrichtsanstalten hat W. (1885) eine Universität mit 1395 Studenten, 20 Mittelschulen mit 7047 Schülern, 6 Fachschulen mit 941 Schülern und 735 Elementarschulen mit 44,376 Schülern. Das Gouvernement hat folgende Kreise: Blonje, Gora Kalwaria, Gostynin, Grodisk, Grojez, Kutno, Lowitsch, Neschawa, Nowominsk, Radimin, Skjerniewize, Sochatschew, W. und Wlozlawsk. S. Karte »Polen und Westrußland«.

Warschau, Hauptstadt des gleichnamigen russisch-poln. Gouvernements, ehedem Hauptstadt der Republik Polen sowie später des Herzogtums Warschau und zuletzt des Königreichs Polen, liegt halbmondförmig am linken Weichselufer, 30 m über dem Strom, Knotenpunkt der Eisenbahnen W.-Wien, W.-Bromberg, Kowel-Mlawa (Weichselbahn), W.-Terespol und W.-St. Petersburg. Gegenwärtig wird W. in eine große Lagerfestung umgewandelt, da auf dem linken Weichselufer die Citadelle mit den 6 umliegenden Forts durch 2 Linien von Forts (zusammen 11) verstärkt wird, während auf dem rechten Ufer Praga, das nur ein Fort gegenüber der Citadelle besaß, 4 vorgeschobene Werke erhalten soll. Nähert man sich der Stadt auf dem rechten Weichselufer, so gelangt man zunächst nach der Vorstadt Praga, die vorzugsweise von Juden und kleinen Leuten bewohnt und sehr schmutzig ist. Hier befinden sich die Bahnhöfe der Petersburger, der Terespoler und der Weichselbahn, ferner die 1867 erbaute griechisch-kath. Kirche und der meist mit Weiden bepflanzte Alexanderpark. Die Verbindung von Praga mit W. wird durch zwei große eiserne Brücken vermittelt, von denen die eine, auf fünf Pfeilern ruhend und 507 m lang, für den Verkehr des Publikums bestimmt ist, während die andre (1873 erbaut) nur zur Verbindung der Bahnhöfe dient. In weitem Bogen umsäumt das eigentliche W. das gegenüberliegende Ufer, auf dem sich unmittelbar an der Brücke das frühere königliche Schloß aus terrassenartig angelegten Gärten erhebt, ein stattlicher Bau von bedeutender Ausdehnung. Es wurde von Siegmund III. erbaut, von August II. vergrößert, von Stanislaus Poniatowski beendigt und enthält große Säle, schöne Gemälde und Skulpturen, eine Bibliothek und das polnische Archiv. Von dem Schloßplatz, auf weichem die Säule Siegmunds III. steht, laufen die Hauptverkehrsstraßen nach vier Richtungen aus, zunächst die Krakauer Vorstadt, deren Verlängerung die Neue Welt mit dem Sächsischen Platz und dem Denkmal der 1830 treu gebliebenen Polen, dem Sächsischen Palast, wo die beiden Könige August residierten, ferner der Alexanderplatz und die Ujasdower Allee, die in den kaiserlichen Schlössern Lazienki und Belvedere führt. Diese Linie, eigentlich Eine Straße bildend, ist der Lieblingsspaziergang der Warschauer. Elegante Läden, eine Menge Schulen (4 Gymnasien), Kirchen, Regierungsgebäude und Paläste von Großen befinden sich hier. Hinter den Häusern liegen meist Gärten, die aber neuerdings leider nach und nach bebaut werden. In dieser Stadtgegend sind von Gebäuden bemerkenswert: das der permanenten Gemäldeausstellung polnischer Künstler, das der Großen Wohlthätigkeitsgesellschaft (s. unten), die St. Josephskirche, die Annenkirche (1454 gebaut), das Gouvernementsgebäude (früherer Palast der Radziwills), die Diskontobank (früher Tarnowskisches Palais), die Visitandinenkirche mit Kloster, das Potockische und Uruskische Palais, die Universität (früher die Residenz Johann Kasimirs), die Post, das Europäische Hotel, der Krasinskische Palast mit großer Privatbibliothek, die Kreuzkirche, der Russische Klub (früher Zamojskisches Palais), die Paläste der Branicki und Kossakowski, die Oberrechnungskammer, das Taubstummeninstitut, der Park Frascati, das Marieninstitut, die Militärhospitäler, das Musikinstitut. An der Grenze zwischen der Krakauer Vorstadt und der Neuen Welt steht das Standbild des Kopernikus.

Nach der andern Seite vom Schloß aus erstreckt sich mit engen, schmutzigen Straßen und mittelalterlichen Häusern die sogen. Altstadt bis in die Nähe der Alexander-Citadelle, die nach der Revolution 1832 bis 1835 erbaut wurde. In der Altstadt befindet sich die Hälfte aller Kirchen Warschaus, deren innerer Schmuck und historische Denkmäler aber nur wenig erwähnenswerte Kunstwerke aufzuweisen haben. Die St. Johannes-Kathedrale, ehemals mit dem Schloß verbunden, enthält eine Fahne, die Sobieski den Türken abgenommen, und ein schönes Altargemälde von Palma Nova. Eine dritte große Verkehrsader geht vom Schloßplatz aus durch die Senatorenstraße über den Theater- und Bankplatz durch die Elektoral- und Kühle Straße bis zum Thor von Wola, von dem aus noch eine mehrere Kilometer lange Vorstadt fortläuft. Auf diesem Zug liegen: das große Theater mit seinen Musik- und Ballsälen, das Rathaus (nach dem Brand von 1863 neu erbaut), der Palast der Familie Zamojski (von August II. für seine natürliche Tochter, die Gräfin Orzelska, gebaut), die kaufmännische Ressource, die Polnische Bank, mehrere Kirchen (die Reformatenkirche, 1623 von Siegmund III. gebaut; die Borromeuskirche, im italienischen Stil der Renaissance 1841-49 gebaut). Eine vierte Verkehrslinie läuft von der vorigen im rechten Winkel durch die Methstraße über den Krasinskischen Platz und Garten in das von langen Straßen durchschnittene Judenviertel. In vielen Häusern dieser Straßen sind große Niederlagen, deren Waren bis tief nach Rußland hinein versandt werden. Große Hotels und Restaurationen, fast nur von Juden frequentiert, bieten einen originellen Anblick. Wie der Sächsische Garten, mitten in der Stadt gelegen, der besser gekleideten Gesellschaft zu Promenaden dient, so der Krasinskische der weniger eleganten jüdischen, die von jenem Park polizeilich zurückgewiesen wird. Außer den erwähnten Stadtteilen sind noch besonders hervorzuheben: die Königs- und die Marschallsstraße, die Jerusalemer Allee, der evangelische Kirchenplatz, der des Kindlein Jesu-Hospitals. In diesem Teil haben ihren Sitz: die Polnische Landwirtschaftliche Kreditbank, in einem prächtigen (1854 errichteten) Gebäude, die Stadtkreditbank, die Feuerversicherungen, die Verwaltungen der Eisenbahnen. Von den öffentlichen Gebäuden verdienen Erwähnung die evangelische Kirche und das Hospital des Kindleins Jesu (seit 1754). An den Sächsischen Garten grenzt der Haupt-^[folgende Seite]

^[Abb.: Wappen von Warschau.]