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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Zähne, künstliche

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Zähne - Zähne, künstliche.

hintern Backenzähne (Mahlzähne), 3 auf jeder Seite, haben im Oberkiefer gewöhnlich drei divergierende, im Unterkiefer nur zwei Wurzeln; die Kronen der obern Mahlzähne besitzen vier, die der untern fünf Höcker. Der letzte Mahlzahn beider Kiefer heißt seines späten, erst im 16.-25. Lebensjahr erfolgenden Durchbruchs wegen Weisheitszahn. Bei Negern kommen bisweilen, wie auch nicht selten beim Orang-Utan, acht Mahlzähne in beiden Kiefern vor. Auch sonst treten bisweilen überzählige Z. an der äußern oder innern Seite der Zahnreihe auf. Die Bildung der Z. beginnt schon gegen Ende des zweiten Monats des embryonalen Lebens und zwar im Innern der Kiefer in besondern Säckchen, den Zahnbälgen oder Zahnsäckchen (folliculi dentium); aber erst im sechsten oder siebenten Monat nach der Geburt brechen die innern Schneidezähne des Unterkiefers durch, welchen bald jene des Oberkiefers (richtiger: des Zwischenkiefers, s. Schädel, S. 374) folgen. Nach 4-6 Wochen erscheinen die äußern Schneidezähne des Unter- und Oberkiefers, im 12.-16. Lebensmonat die ersten Backenzähne; dann folgen die Eckzähne und im 20.-30. Monat die zweiten Backenzähne. Sämtliche Z. erscheinen früher im Unter- als im Oberkiefer. Dieses ganze sogen. Milchgebiß besteht also aus 20 Zähnen und macht erst im 7. oder 8. Lebensjahr den bleibenden Zähnen Platz. Ist es völlig ersetzt, so folgen auf jeder Seite noch die Backenzähne nach; doch erscheinen die ersten bleibenden großen Backenzähne schon vor Beginn des Zahnwechsels. Beim Menschen ist die Form der Milchzähne nur wenig von derjenigen der bleibenden Z. verschieden, dagegen zeigt sich bei manchen Säugetieren eine große Differenz und zwar in der Art, daß die Milchzähne einer noch lebenden Art den bleibenden einer ausgestorbenen, die Milchzähne der letztern den bleibenden einer noch ältern Art gleichen und so für die Erforschung des Stammbaums der Säugetiere wichtige Anhaltspunkte liefern. - Der vollkommen ausgebildete Zahn wächst zwar nicht mehr, lebt aber und unterliegt, wie alle übrigen Gebilde des Körpers, einem Stoffwechsel. Von der Zahnhöhle aus dringen die Nahrungssäfte in die Kanälchen des Zahnbeins ein. Im vorgerückten Alter fallen in der Regel die Z. aus; die alsdann wohl neu zum Vorschein kommenden sind entweder wirkliche Neubildungen oder im Kiefer stecken gebliebene Z., deren Durchbruch durch ihre Nachbarn verhindert worden war und nun erst nach dem Ausfall derselben erfolgt. Als Abnormitäten treten auf: Versetzungen der Z. (die Eckzähne in der Mitte der Kiefer; Z. am Gaumen, in der Nasenhöhle, am vordern oder hintern Zahnfleisch), Verwachsung (an den Schneidezähnen im Oberkiefer), Mißbildungen. Über die Z. der Wirbeltiere in Bezug auf die Form, welche hier vielfach für die Systematik benutzt wird, s. die einzelnen Gruppen sowie auch den Artikel Gebiß. Vgl. Owen, Odontography (Lond. 1840-45, 2 Bde.); Giebel, Odontographie (Leipz. 1854); Waldeyer, Entwickelung der Z. (Danz. 1864); Kollmann, Entwickelung der Milch- und Ersatzzähne (Leipz. 1869); Tomes, Anatomie der Z. des Menschen und der Wirbeltiere (deutsch von Holländer, Berl. 1877); Baume, Odontologische Forschungen (Leipz. 1881). S. auch Zahnkrankheiten und Zahnpflege.

Bei den Haustieren sind die Z. zur erfolgreichen Ernährung und auch zur Begutachtung des Lebensalters, besonders bei den Pferden, wichtige Organe. Zur Alterserkennung (s. d.) dienen ausschließlich die Schneidezähne und vorwaltend diejenigen des Unterkiefers. Bei den Pferden entsteht das Milchgebiß im ersten Lebensjahr, bei dem Rind ist es schon vor der Geburt ausgebildet; bei Schafen und Ziegen erfolgt der Durchbruch in den ersten drei Wochen nach der Geburt. Das Backenzahngebiß ist bei ältern Pferden oft fehlerhaft; am meisten wird das Kaugeschäft beeinträchtigt, und die Ernährung ist mangelhaft durch das kantige Gebiß (Schieferzähne), demnächst durch das wellenförmige, das Treppen- und das Scherengebiß. Auf operativem Weg lassen sich aber diese Fehler erheblich mildern. Nicht selten erkrankt bei Pferden ein Backenzahn durch Entzündung der Knochenhaut an der Wurzel (Periostitis alveolaris). Der Zustand erfordert stets die Extraktion des kranken Zahns, die zwar schwierig, aber bei der Anwendung guter Instrumente in der Regel ausführbar ist.

Zähne, künstliche, Ersatz der natürlichen Zähne, deren Funktionen sie möglichst vollkommen ausführen sollen. Man fertigte k. Z. zuerst aus den Zähnen des Flußpferdes, benutzte dann Menschenzähne, jetzt aber ausschließlich Emailzähne aus einer porzellanähnlichen Masse, welche mit einer beliebig gefärbten Glasur aus derselben Masse überzogen sind. K. Z. soll man nur einsetzen, wo sie wirklichen Nutzen gewähren, da sie unter Umständen auf die im Mund noch vorhandenen Zähne nachteilig einwirken können. Absolut unschädlich ist nur der Stiftzahn, welcher auch die einfachste Art des Ersatzes bildet. Er findet in einer Wurzel seinen Halt, aber nur die sechs obern Vorderzähne und die untern kleinen Backenzähne eignen sich gut zur Befestigung desselben. Die Wurzel muß gesund sein oder gemacht werden; man feilt sie bis unter den Zahnfleischrand ab, erweitert den Nervenkanal und befestigt in diesem den künstlichen Zahn mit seinem Platin-, Gold- oder Hickoryholzstift. Bleibt die Wurzel gesund, so kann der Stiftzahn bei richtiger Stellung jahrelang wie ein natürlicher Zahn funktionieren. Bei den übrigen Arten des Zahnersatzes werden die Zähne auf Platten angebracht, welche sich dem Gaumen sehr exakt anschließen und daher beim Ansaugen fest haften oder durch möglichst breite Klammern an mindestens drei vorhandenen eignen Zähnen befestigt werden. Eine Saugplatte muß größer sein als eine Platte für ein Klammerstück; sie hat vor letzterer manche Vorzüge, doch können auch Platten mit gut anschließenden breiten Klammern viele Jahre ohne Nachteil für die natürlichen Zähne getragen werden. Ganze Gebisse befestigt man außer durch Ansaugen auch durch Spiralfedern, welche zwischen Wangen und Zahnreihen liegen und letztere gegen Ober- und Unterkiefer drücken. Vor dem Einsetzen künstlicher Zähne soll der Gaumen von Zahnwurzeln befreit werden, wenigstens von den schlechten; die noch vorhandenen Zähne sollen gesund oder wenigstens gefüllt und fest sein. Wurzeln, die noch gefüllt werden können, läßt man stehen, besonders die der Vorderzähne, weil sie den Schwund des Kiefers verhindern und den künstlichen Zähnen ein erhöhtes natürliches Aussehen sichern. Andernfalls muß man auch künstliches Zahnfleisch anbringen. Müssen Wurzeln gezogen werden, so kann das Verheilen der betreffenden Kieferpartie bis zu einem halben Jahr Zeit erfordern, und man trägt dann vorteilhaft ein Interimsstück, um den Mund nicht zu sehr von den Zähnen zu entwöhnen. Von dem sauber vorbereiteten Mund nimmt man mit Wachs, Gips oder irgend einer plastischen Masse einen Abdruck und von letztem abermals einen solchen, nach welchem dann das künstliche Stück geformt werden kann. Die Platten für die künstlichen Zähne werden am besten aus Gold oder aus Aluminium, weniger vorteilhaft aus