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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

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Ausgrabungen, archäologische (Ägypten, Griechenland)

Euphratländer zuzuführen. In Sidon ward 1887 ein großer Grabfund aus hellenistischer Zeit gemacht.

Ein Schacht führte zu unterirdischen Grabtammern hinab, welche Marmorsarkophage, zum Teil ägyptischen Stils, nach Mumiensärgen geformt, zum größern Teil hellenistisch-griechischer Kunst, enthielten. Der größte (2,30 m lang, 1,70 m breit und ohne den 0,80 m hohen Deckel 1,40 m hoch) wird als Meisterstück der Skulptur, Architektur und Malerei bezeichnet. Alles ist wohlerhalten mit natürlichen Farben bedeckt, vor allem mit den verschiedenen Arten der Purpurfarbe, welche bekanntlich in Sidon angefertigt wurde. Die Skulpturen sind alle in Hochrelief gehalten und dabei die losgelösten Glieder ganz ohne Stützen gearbeitet. Zwei Darstellungen nehmen die vier Seiten ein, jede eine Lang- und eine Schmalseite, erstens eine Schlachtszene, zweitens eine Jagdszene. Der Kampf findet zwischen Griechen und Persern statt; jene sind nackt dargestellt, nur mit Helm und Schild bekleidet, die Perser dagegen sind voll bekleidet, mit einer Tiara auf dem Haupt, wie auf dem berühmten Alexandermosaik in Neapel. Auch die Hosen charakterisieren die Perser. In dem Anführer der Griechen, dessen Haupt mit einem Löwenfell bedeckt ist, glaubt man Ähnlichkeit mit Alexander zu finden. Das Jagdbild zeigt einen außerordentlich bewegten Löwenkampf. Sämtliche Sarkophage befinden sich jetzt im Museum zu Konstantinopel.

Ausgrabungen in Ägypten.

In Ägypten wurden die interessantesten Funde gemacht, so überraschend, wie niemand erwartet hatte.

1) 1881 bereits wurden bei Theben durch Brugsch eine große Anzahl einstmals in unruhiger Zeit besonders hoch im Gebirge versteckter Königsmumien gefunden, 1885 aber wurden im Museum zu Bulak die wichtigsten ihrer Bindenumhüllung entkleidet, so daß die alten Könige, deren Namen wir schon als Schüler lernen, wieder leibhaftig vor uns treten, vor allen der große Sesostris, Ramses II. (ca. 1300 v. Chr.). Die Züge des großen Eroberers sind fast vollständig erkennbar und deuten auf das Alter eines Mannes in den 80er Jahren. Die Nase ist stark gekrümmt, der Mund fest geschlossen, der Kopf oben abrasiert, das Haar an den Schläfen und am Hinterhaupt vollständig erhalten und von großer Weiche und Feinheit. Der Ausdruck der Gesichtszüge ist der eines Mannes von entschlossenem, fast tyrannischem Charakter. Die Größe der Mumie beträgt 173 cm. Rechnet man hierzu die durch das Zusammenschrumpfen entstandene Differenz, so ergibt sich die Gestalt eines Mannes, dessen Maß über die mittlere Größe hinausgeht. 2) Hieran schließen sich die reichen Funde ägyptischer Porträte aus hellenistischer Zeit aus dem Fayûm, welche, jetzt im Besitz des Wiener Kaufherrn Th. Graf, 1888 und 1889 in München, Berlin u. a. O. ausgestellt waren. Meist ist nur Kopf und Hals mit dem obern Teil der bekleideten Brust dargestellt, hin und wieder auch die Hände; sie waren mit Asphalt auf den Binden des Kopfendes der Mumien befestigt, von andern Binden eng umrahmt, so daß meist nur das Gesicht hervorschaute. In einigen Fällen waren die Porträte von wirklichen Bilderrahmen umgeben. Sie stellen also den Verstorbenen dar. Die Zeit ist nicht mit absoluter Sicherheit anzugeben, doch darf nicht über das 3. Jahrh. v. Chr. hinaufgegangen werden; wahrscheinlich fallen sie in die erste römische Kaiserzeit. Vgl. Graul, Die antiken Porträtqemälde aus den Grabstätten des Fayûm (Leipz. 1889). 3) Von dem geistigen Leben geben uns Kunde: a) die Papyri

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von Fayûm, jetzt meist in Wien als Papyrus Rainer, welche Fragmente aus allen Zeiten der griechischen Litteratur, aber auch der mohammedanischen bieten (eine besondere Publikation erscheint in Wien: »Die Papyrus Rainer«); d) die Thontafeln von Tell el Amarna. Sie stammen aus dem Archiv des ägyptischen Königs Amenophis IV. (um 1350 v. Chr.), jenes ketzerischen Königs, welcher an Stelle der alten ägyptischen Religion den Sonnenkultus gewaltsam einführte und sich eine neue Residenz gründete, die ihn freilich nur wenige Jahre überdauerte. Sie enthalten Briefe asiatischer Könige und ägyptischer Präfekten an die Pharaonen Amenophis III. und Amenophis IV. Die Schrift ist die babylonisch-assyrische Keilschrift, die Sprache die semitisch-babylonische. Für die Kenntnis jener Zeit sind sie von unschätzbarem Wert. Sie befinden sich größtenteils seit 1888 im Berliner Museum. 4) Für die Aufdeckung der alten Städte und Baudenkmäler ist besonders thätig die englische Gesellschaft des Egypt exploration fund unter Leitung des verdienten Flinders Petrie. Wichtig besonders für unsre Kenntnis der griechischen Ansiedelungen sind die Funde von Naukratis, der ersten Stadt, in welcher den Griechen die Niederlassung erlaubt wurde; die zahlreichen Scherben bemalter Vasen mit Inschriften geben uns reichliche Auskunft auch über die Geschichte des griechischen Alphabets, besonders seines ionischen Zweigs. Die Zeiten der Hyksos, die Pfade der auswandernden Juden erfahren neue Beleuchtung. Auch die Pyramide von Hawarah hat Flinders Petrie eröffnet. Veröffentlicht sind: »The Store-City of Pithorn and the route of Exodus«; »Tanis I und II«; »Naukratis I und II«; Goslen and the Shrine of Saft-el-Hemach«; »Bubastis«, alle unter dem gemeinsamen Titel: »Egypt exploration fund publications«.

Ausgrabungen in Griechenland und auf den griechischen Inseln.

Zwischen Ägypten und Griechenland, glaubte man lange Zeit, hätten die engsten Beziehungen bestanden, ja man leitete griechische Mythologie (Athene-Neith) wie Kunst (sogen. protodorische Säule von Beni-Hassan) von dem Pharaonenland her, während in den letzten 30 Jahren die entgegengesetzte Ansicht überhandnahm, welche die griechische Kunst als völlig unbeeinflußt von außen darstellte. Die neuesten Funde geben der ältesten Tradition recht, welche z. B. in der Argolis eine ägyptische Kolonie annahm. Die mykenische Kultur, deren Blüte vor die Dorische Wanderung fällt, zeigt sich in einigen Punkten von der ägyptischen beeinflußt. Diese Kultur umfaßt den östlichen Rand Griechenlands von Thessalien bis zum Eurotasthal und liegt uns in Gräbern und Palästen vor. Die Gräber sind meistens unterirdische, bienenkorbartige Gewölbe von den kleinen Dimensionen des Privatgrabes bis zum 16 m hohen Kuppeldom des Königsgrabes. In den letzten Jahren sind neu gefunden, resp. neu untersucht worden von den größern Kuppelgräbern 1) das Kuppelgrab von Volo am Golf von Volo 1886. Es war seit dem Altertum unberührt, der Zugang noch verrammelt und bot eine große Anzahl kleiner Fundgegenstände aus Perlen, kleinen Goldrosetten und -Voluten und Glasgegenstünden, alle vom Schmuck der ganz verwesten Leichen herrührend; 2) neu untersucht durch Dörpfeld wurde das berühmte »Schatzhaus des Minyas« zu Orchomenos. Die Spiralendecke seines Seitengemachs, der eigentlichen Totenkammer, steht ganz unter ägyptischem Einfluß. Es ist in römischer Zeit