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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

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Frankreich (Geschichte 1887, 1888)
verlangte Rouvier die Aufschiebung derselben bis zur Beendigung der Nentenkonversion (23. Nov.), widririgen Falls das Ministerium zurücktreten würde.
Dies wurde mit 328 gegen 242 Stimmen abgelehnt, und das Kabinett Rouvier überreichte dem Präsidenten seine Entlassung. Grevy wollte aber keinem Zwang oder einem Schein von Zwang weichen, sondern seinem Rücktritt den Charakter völliger Freiwilligkeit gewahrt wissen und berief eine Reihe von Politikern zu sich, um ihnen die Bildung eines neuen Ministeriums zu übertragen; doch alle erklärten ilnn, sein Rücktritt ^ei für ihn selbst und die Republik eine Notwendigkeit. Grevy zeigte sich nun bereit, seine Entlassung zu nehmen, und kündigte für den 1. Dez. eine Botschaft an die Kammern an. Als die Radikalen jedoch erfuhren, daß die Monarchisten und Opportunisten den ihnen verhaßten Ferry zum Präsidenten wählen wollten, baten sie Grevy, im Amt zu bleiben und ein radikales Ministerium zu berufen. Grevy ging darauf ein und erließ 1. Dez. die erwartete Bot- ! schaft nicht. Indes beide Kammern beschlossen fast einstimmig, sich in Erwartung der versprochenen Mitteilung auf wenige Stunden zu vertagen, und nun erfolgte die Botschaft Grevys, welche vom 1. Dez. datiert war und 2 Dez. in der Kammer verlesen wurde; er legte in derselben seinen Verzicht auf das Amt des Präsidenten der französischen Republik auf dem Tisch der Kammer nieder und berief sich mit Genugthuung auf F. und seine neunjährige Amtsthätigkeit, die dem Land Frieden, Ruhe und Freiheit gesichert, die Verteidigungskraft erhöht und die Achtung vor dem Ausland wiederhergestellt habe. Die Verlesung wurde mit allgemeiner Stille aufgenommen.
Die Neuwahl des Präsidenten durch den Kongreß (den Senat und die Kammer zusammengenommen) fand 3. Dez. 1887 in Versailles statt. Die Linle stellte Carnot, ein Teil Freycinet als Kandidaten auf, die Opportunisten Ferry, die Monarchisten aber nicht dieien, sondern den General Saussier, einige auch den General Appert. Die Boulangisten und Radikalen drohten mit einem Aufstand in Paris, falls der thatkräftige, energische Ferry gewählt werde, und wirtlich ließ sich ein Teilder Republikanereinschüchtern. Beim ersten Wahlgang erhielten Carnot 303, Ferry 212, Freycinet 76, Saussier 148 und Appert 72 Stimmen, worauf Ferry und Freycinet von ihrer Kandidatur zurücktraten. Im zweiten Wahlgang wurden von 827 Stimmen 616 für Carnot abgegeben, und dieser war also gewählt und trat sofort sein Amt an. Ein Enkel des berühmten Organisators der Verteidigung Frankreichs in der Zeit der Revolution, war Carnot zwar kein. hn^nragender Staatsmann, besaß aber unantastbare Ehrlichkeit und Uneigennützigkeit und ein feines, taktvolles Auftreten; er vertrat die Republik mit Würde und der erforderlichen Prachtentfaltung und war eifrig bemüht, die Republikaner für eine feste, besonnene Politik zu einigen und die Republik in der Achtung der Nation wieder zu heben. Er erteilte dem Ministerium Rouvier endlich die gewünschte Entlassung und berief 11. Dez. Tirard an die Spitze des neuen Kabinetts, welches zumeist aus gemäßigten Republikanern bestand. Dasselbe stellte sich am 15. Dez. den Kammern vor und versprach eine Reihe von Gesetzentwürfen zur Verbesserung der Lage der Arbeiter, worauf sich die Kammern 17. Dez. bis zum 10. Jan. 1888 vertagten.
Die Einheit der republikanischen Parteien und der Verzicht der führenden Politiker auf ihre ehrgeizigen und selbstsüchtigen Pläne wären um so nötiger gewesen, da das Jahr 1889 herannahte, in welchem Meyers Konv. - Lexikon. 4. Aufl., XVII. Vd.
zur Feier des 100jähriqcn Gedenktags der großen Revolution (5. Mai 178l>) gemäß dem Beschluß der Kammern die vierte große Weltausstellung in Paris abgehalten werden sollte. Die meisten monarchischen Staaten Europas, auch Rußland, hatten es auf die offizielle Einladung der französischen Republik abgelehnt, sich von Amts wegen an der Säkularfeier der französischen Revolution zu beteiligen; nur wenige europäische, dagegen fast alle amerikanischen Staaten thaten es, andre europäische Länder unterstützten die private Beteiligung ihrer Angehörigen. Vor allem aber machten die französischen Behörden und die Na^ tion die größten Anstrengungen, die Ausstellung erst recht glanzvoll zu gestalten. Dazu wären auch Ruhe und Friede im Innern nötig gewesen, diese schienen aber jerner als je zu sein. Schon seit langem sahen die Radikalen und Intransigenten alles Heil für dle Republik in einer Verfassungsrevision, durch welche Präsidentschaft und Senat abgeschafft und eine Art Konventshcrrschaft hergestellt'würde. Die Monarchisten, namentlich die Bonapartisten, stimmten in den Ruf nach Verfassungsrevision ein, damit die Republik sich um so schneller abwirtschafte. Aber auch General Bou langer scl'loß sich dieser Bewegung an in der Hoffnung, sie für seinen Vorteil ausbeuten zu können, und sammelte seine Anhänger unterder Flagge: Auflösung! Konstituante! Verfassungsrevision! Erwurde zwar von der Regierung erst seines Kommandos enthoben und 26. März 1888 durch Urteil eines aus angesehenen Generalen bestehenden Nntersuchungsrats aus der Armee entlassen, bildete nun aber die »Partei des nationalen Protestes« und ließ sich bei allen Nachwahlen als Kandidat aufstellen. Einer seiner hitzigsten Anhänger, Laguerre, brachte 30. März den Antrag auf Verfassungsrevision in der Kammer ein und verlangte für denselben die Dringlichkeit, welche auch, obwohl Tirard die Vertrauensfrage stellte, mit 268 Stimmen (Monarchisten und Radikale) gegen 237 angenommen wurde. Tirard reichte nun seine Entlassung ein, und es blieb Carnot nichts übrig, als Floquet mit der Bildung eines radikalen Ministeriums zu beauftragen, das 3. April 1888 zu stände kam; Freycinet übernahm in demselben das Kriegsministerium. Floquet glaubte, Boulanger den Wind aus den Segeln zu nehmen, indem er die Verfassungsrevision in sein Regierungsprogramm aufnahm und sich nur die Wahl des günstigen Augenblicks für dieselbe vorbehielt. Indes erzielte er damit nicht den gewünschten Erfolg, weil das Volk der Kammer und den aus ihr hervorgegangenen Ministerien seit den Vorfällen des letzten Jahrs kein Vertrauen mehr schenkte und durch die Wahl Boulangers gegen die bestehende Mißwirtschaft protestieren wollte. Boulanger errang daher 15. April bei der Wahl im Norddepartement einen glänzenden Sieg, worauf die Monarchisten und Radikalen in der Kammer sich 21. April beeilten, einen Ausschuß zur Beratung der Verfassungsrevision zu wählen. Die Kammer sprach sich damit selbst ihr Urteilund erklärte sich für reifzur Auflösung. Boulanger wurde von der Menge in Paris mit Jubelgeschrei begrüßt, so oft er sich in seinem theatralischen Aufzug blicken ließ; seine Reise durch das Norddepartement glich einem wahren Triumphzug. Eine ganze Presse entstand, um seine Sache zu
verteidigen.
Weil Boulanger nicht seiner Thaten und Eigenschaften wegen, sondern als Gegner des herrschenschenden Systems gefeiert wurde, beeinträchtigten auch Mißerfolge seine Popularität keineswegs. Er war ein schlechter Redner, und als er 19. April zuerst in
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