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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

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Französische Litteratur (Entwickelung seit 1884: Roman)

widerstrebt. Ganz anders "Le Rêve", durch welchen der Verfasser den Beweis erbringen wollte, daß er sich auf Unschuld und Reinheit versteht. Er hat aber sein Wort nur halb gelöst, obwohl er sich die größte Mühe gab, in eine tugendhafte, fromme Umgebung ein Findelkind zu versetzen, das von der Welt nichts kennt und sie nur im Licht alter Legenden schaut. Das wunderliche Wesen entbrennt in Liebe zu einem schönen, jungen Mann aus fürstlichem Geschlecht, Sohn des Erzbischofs, welcher Berge von Hindernissen überwindet, um die aus Kummer kranke Braut zum Altar zu führen. Nachdem so das Erträumte sich verwirklicht hat, gibt sie beseligt im ersten Kuß den Geist auf. Die Behandlung eines solchen Gegenstandes liegt nicht in den Mitteln Zolas; denn wo er zart sein wollte, wurde er zimperlich, das Gefühl artete in Empfindelei aus, und wo er mit Unschuld und Reinheit zu prangen meinte, verletzte er alle Begriffe von Züchtigkeit. Zudem ist das Buch in lästiger Weise vollgepfropft mit technischen Ausführungen über die Stickerei von Kirchengewändern, wie Germinal über Bergbau und wie sein neuester Roman: "La bête humaine", dem Leser alle Einzelheiten des Eisenbahnbetriebs vergegenwärtigen soll. Im "Vertierten Menschen" erzählt Zola einen Mord, ähnlich dem des Präfekten Barème, dessen Urheber noch nicht ermittelt ist.

Paul *Bourget, der sich nunmehr mit Zola in den Ruhm teilt, an der Spitze des französischen Romans zu schreiten, ist eine ganz anders angelegte Natur, berechnend, wo der andre rücksichtslos vorgeht, einen besondern Leserkreis berücksichtigend, wo Zola für alle oder auch für niemand, wohl aber für sich selbst schreibt, in zarten Schattierungen aufgehend, während Zola sich nur in grellen Farben gefällt. Der Verfasser der "Rougon-Macquart" entwirft eine weitläufig angelegte Familiengeschichte, welche in den politischen Geschicken Frankreichs fußt und in allen Schichten der Bevölkerung spielt, wie die Glieder eines bürgerlichen Geschlechts in Wirklichkeit nach allen Richtungen verschlagen werden können. Bourget hingegen beschränkt sich auf eine gewisse raffinierte Gesellschaft, in welche die hohe Aristokratie nur gelegentlich hineinragt, die aber vorwiegend aus Finanzleuten, Gelehrten, müßigen, luxusliebenden, krankhaft empfindsamen Frauen besteht. Diese Frauen sündigen nicht leichtsinnig oder mutwillig wie die Heldinnen andrer Ehebruchromane. Entweder sie lassen sich von unbezwingbaren Trieben verleiten, oder sie philosophieren wie vollendete Pessimistinnen, gelehrige Schülerinnen ihres Schöpfers, der für sie ein nachsichtiger, alle ihre Schwächen mit Schmerz wahrnehmender, aber für alle Absolution erteilender Beichtiger ist. Damit hat sich Bourget in Kreisen, denen seine kritischen Werke eine zu mühsame Lektüre waren, beliebt gemacht und in wenigen Jahren eine vielbeneidete Stellung errungen. Seine Romane weisen kaum eine äußere Handlung auf; sie sind nur Psychologie und drehen sich fast immer um eine heikle Lage, "Cruelle énigme", wie "Crime d'amour" und "Mensonges"; hier um eine Frau, welche, um ihrem Luxus zu frönen, ihren Mann betrügt, zugleich aber auch den Liebhaber, aus dessen Beutel sie schöpft; dort ein Lebemann, der die Frau seines Freundes verführt und sie verläßt, weil er ihre hingebende Naivität mißdeutet; in "Cruelle énigme" eine junge Witwe, welche mitten in einer romantischen Leidenschaft niedrige Untreue übt. Über solche "grausame Rätsel" schreibt Bourget geistreiche, scharfsinnige und spitzfindige Abhandlungen voll fatalistischen Glaubens, an dem sich seine Andächtigen erbauen. Wo er an verwickeltere Probleme herantritt, wie in "André Cornélis", dem Sohn erster Ehe, der den Stiefvater unerbittlich verfolgt, bis er in ihm den Mörder seines Vaters entdeckt und züchtigt, und "Le Disciple", da hat die Erfindungsgabe Bourgets geringern Anteil als die Gerichtschronik; denn wie "André Cornélis" auf die Affaire Peltzer, so ist "Le Disciple" auf den Fall Chambige zurückzuleiten: ein junger Mann, der sich von den Irrlehren eines Sophisten verblenden läßt, verführt die Tochter der Familie, in der er als Hauslehrer wirkt, bestärkt sie in ihrer Überspanntheit, bis sie ihm unbequem wird und sie sich allein den gemeinsam geplanten Tod gibt. Bourget (das stellt niemand in Abrede) bewährt sich im Roman als der Kritiker, der die verwickeltsten Erscheinungen der modernen Litteraturgeschichte bis in ihre verborgensten Falten erforscht und ans Licht gezogen hat. Seine Erzeugnisse haben jedoch das Unerfreuliche, Ungesunde seiner Weltanschauung und werden mit ihrer Gleichgültigkeit für Gute und Böse, mit ihrem weinerlichen "à quoi bon?" ebensowenig zu der von allen ernst gesinnten Franzosen angestrebten sittlichen Hebung der Nation beitragen, als sie mit ihrem gewundenen, manierierten, gequälten Stil der französischen Sprache ein ihrer würdiges Denkmal setzen.

Was bei Guy de Maupassant im Beginn seiner Laufbahn stellenweise Brutalität war, hat sich allmählich zur selbstbewußten Kraft abgeklärt. Wohl gefällt er sich noch manchmal in Derbheiten, wenn er normännische Dorfgeschichten oder Matrosenabenteuer erzählt; aber es ist gewollt, und wieder braucht er nur zu wollen, um in maßvoller Form die ergreifendsten Erlebnisse, die erschütterndsten Seelenvorgänge zu schildern, wie er dies in "Pierre et Jean" und in "Fort comme la mort" gethan. In diesem letztern Roman, einem Muster der Erzählungskunst, hat er mit anerkennenswertem Takt eine schmerzliche Herzensgeschichte vorgeführt, die Nebenbuhlerschaft zwischen Mutter und Tochter, von der diese übrigens nichts ahnt, wobei es ihm zum erstenmal begegnete, daß er aus seiner Objektivität heraustrat und durch seine eigne Teilnahme das Mitgefühl der Leser noch erhöht. Sonst ist von neuen Talenten, die sich in den letzten Jahren hervorgethan, nichts zu melden; aber viele der ältern machen ihrem Ruf Ehre, voran Ferdinand Fabre wie Alphonse Daudet und nach ihnen in bunter Reihe Octave Feuillet, Cherbuliez, André Theuriet, Hector Malot und andre. Ferdinand Fabre, dessen Schaffen sich zwischen die Kirche und seine heimischen Cevennen teilt, so daß man von ihm "L'abbé Tigrane", den Priesterroman ohne eine Frauengestalt, und das reizende Idyll "Julien Savignae" hat, ist dieser doppelten Richtung treu geblieben mit "Lucifer" einerseits, einem gewaltigen Drama, das in den Einrichtungen der katholischen Kirche fußt und den titanenhaften Kampf zwischen dem freisinnigen Gallikanismus und dem Jesuitentum in der Gestalt des Abbe Joursier beschreibt, und anderseits mit den ländlichen Erzählungen "Monsieur Jean" und "Norine". Beide Richtungen vereinigen sich in "Ma vocation", dem von poetischem Hauch durchglühten, Spuren tiefen Gefühls und heftigen Ringens tragenden Tagebuch des Verfassers aus den Jahren, da er sich selbst im kleinen und dann im großen Seminar auf den Priesterstand vorbereitete, dessen Lasten und Opfer er nicht auf sich zu nehmen vermochte. Nach diesen Bekenntnissen gedenkt Fabre seine litterarischen Erinnerungen zu veröffentlichen, wie Alphonse Daudet dies bereits that in seinen "Trente ans de Paris", welche nach allem, was sein