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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

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Französische Litteratur (seit 1884: Drama)

und Halévys, von denen das eine durch die Anmut der Einzelheiten wirkte, während die andern dem großen Publikum durch gewisse grobe, aber volkstümliche Eigenschaften schmeicheln, keins die Bühnenkunst bereichert, geschweige denn, wie Zola z. B. und auch die Goncourt gemeint hatten, neuen Gesetzen Geltung verschaffte. An gewandten Bühnentechnikern fehlt es weniger als je, was aber mit geringen Ausnahmen, die nur die Regel bestätigen, fehlt, das sind die Bühnendichter, welchen mit praktischer Begabung die Kunst eignet, dramatische Wirkungen zu erzielen. Ein Dichter kann wohl Jean Richepin genannt werden, aber ihm ist in "Monsieur Scapin" weniger um die Handlung zu thun als um seine schönen, volltönenden Verse, während "Nana Sahib", welchen er für Sarah Bernhardt schrieb und selbst mitspielte, als der Hauptdarsteller (Marais) erkrankte, mehr ein Spektakelstück ist, wie "Dona Sol" sie seit ihrem Weggang von der Comédie française liebt. "Le Flibustier" bezeichnet in technischer Hinsicht einen Fortschritt; "Le chien de garde", obwohl zuletzt aufgeführt, scheint frühern Ursprungs zu sein. Dichterisches Streben darf auch Auguste Vacquerie nachgerühmt werden, dessen "Jalousie!" darum nicht minder durchfiel; sodann Frau Judith Gautier, die eine japanische "Marchande de sourires" mit reicher Ausstattung auf die Bühne des Odéon brachte; Fräul. Simone Arnaud, Verfasserin eines biblischen Dramas: "Les fils de Jahel"; Jean Aicard, dessen "Smilis", reich an schönen Stellen, aber biedermännisch rührselig mit dem alten Admiral, der sich opfert, damit seine junge Frau glücklich werden könne, auf starken Widerstand stieß; endlich Emile *Bergerat, dem Verfasser der "Enguerrande" und andrer dramatischer Arbeiten, wegen deren er mit allen Theaterdirektoren verfeindet ist.

Alex. Dumas trat in "Denise" und "Francillon" an heikle Fragen heran, die er vor dem Pariser Publikum mit ungleichem Erfolg löste: "Denise" fand eine sehr kühle Aufnahme, während "Francillon" voll Lebens und spannender Verwickelungen, paradoxaler Theorien und heftigen Empfindens bei der Heldin, die mutwillig mit dem Feuer spielt, den Verfasser in die schönsten Tage seines Theaterruhms zurückzaubern konnte. Diese Genugthuung blieb hingegen Sardou lange versagt: "Georgette", in der er eine Kurtisane durch ihre Muttertugenden rehabilitierte, erregte nur Kopfschütteln, "Marquise!" aber geradezu Widerwillen durch die auf der französischen Bühne bisher unerhörte Brutalität, mit der er eine Dirne, die den Adelstitel durch eine Heirat erkauft hat, und ihre Umgebung zeichnet. "Théodora" und "Le Crocodile" sind Ausstattungsstücke, und "La Tosca" ist ein grobkörniges Melodrama, welches gleich (der Kaiserin) "Théodora" für Sarah Bernhardt geschrieben wurde. Es bedurfte der "Belle-Maman", eines Lustspiels, zu dem Sardou übrigens vorwiegend die geschickte Mache, Raymond Deslandes aber, der Direktor des Vaudevilletheaters und Verfasser von "Antoinette Rigault", den Stoff geliefert hat, um die Verehrer seines Talents durch eine lange Reihe von Aufführungen und den Beifall aller Freunde eines guten Lustspiels wieder zu beruhigen. Einen ernsten Versuch, die Sittenkomödie neu zu beleben, machte Jules *Lemaître, ein Neuling auf der Bühne, mit "Révoltée". Die schließliche Aussöhnung des rebellischen jungen Weibes mit dem bescheidenen Mann und der Stellung, die er ihr zu bieten hat, vermochte nicht zu befriedigen; aber der Dialog war so geistreich, alle Einzelheiten zeugten von so viel Herzenskenntnis und Sinn für die Bühnenerfordernisse, daß man berechtigt ist, von dem Kritiker der "Débats", Vollkommenes zu erwarten. Den wirklich litterarischen Bühnentalenten ist Abraham *Dreyfous beizuzählen, dessen Einakter "Une rupture" zu den besten Gaben der letzten Jahre gehört, ferner Becque, ein Schwarzmaler, der die Herbheit seiner "Parisienne" durch "Les honnêtes femmes" einigermaßen wieder gut machte. Seitdem die berühmte und bewährte Firma Halévy-Meilhac sich aufgelöst hat, hüllt Ludovic Halévy sich in die Würde, die ein Sitz unter den 40 Unsterblichen verleiht, und setzt Meilhac, jetzt auch wieder in der französischen Akademie sein Kollege, allein oder mit andern sein munteres Schaffen fort: allein gab er die schon erwähnte "Gotte" und "Décoré", eine Satire auf die Jagd nach Ordensbändern, die mitten in die Aufregung über den Dekorationenschacher fiel; mit Albert Millaud das Vaudeville "La Cosaque" und mit Léon Ganderay "Pepa", gewissermaßen eine Einleitung zu den wunderlichen Sitten, welche die Weltausstellung vorübergehend in Paris einbürgern sollte. Paillerons "Souris" gehört ein wenig der Familie "Pepa" an und verdankte die freundliche Aufnahme, die man ihm im Haus Molières bereitete, hauptsächlich dem Vater, an dessen Hand sie ihren Einzug hielt. "Un Parisien" von Edmond de Gondinet frischt die bekannte Gestalt des sich für blasiert haltenden, stellenweise aber noch außerordentlich naiven Großstädters wieder auf, nicht lebendig genug jedoch, um den Verfasser, der seit "Clara Soleil" (mit Pierre Civrac) in der Irre herumzutasten scheint, aus dem bösen Bann zu befreien. Als Alexandre *Bisson "Le député de Bombignac" im Theâtre-Français aufführen lassen konnte, glaubte man, es wäre eine neue tüchtige Kraft in den Dienst der Sittenkomödie gestellt; allein das Possenhafte, das übrigens auch in dem "Député" seine Rechte behauptet hatte, behielt bei Bisson die Oberhand in "Le Cupidon", "Le roi Koko", "Mam'selle Pioupiou" wie in dem bedeutendern "Conseil judiciaire", den Jules Moineaux mit ihm zeichnete.

Nichts charakterisiert schon für das bloße Auge das Handwerksmäßige der meisten für die Lustspielbühnen bestimmten Arbeiten besser als die häufige Mitwirkung von zwei, ja drei Verfassern bei kleinen noch mehr als großen Stücken. Der eine bringt einen Kanevas, der andre eine gewisse Fertigkeit, der dritte streut Bonmots oder versteckte Anspielungen ein, und so entstehen Bühnenwerke, die mit der Dichtkunst gar nichts mehr, mit der Litteratur blutwenig zu schaffen haben und zwar gedruckt zu werden pflegen, aber in solcher Gestalt für Leser, die noch etwas andres suchen als Lachreiz und Zoten, kaum genießbar sind. Zu den bessern Erzeugnissen dieser Art gehören noch die Arbeiten von *Blum und Toché, denen eine komische Ader innewohnt: "Les femmes nerveuses", "Le parfum", "Le cadenas", Najac und Albert Millaud: "Hypnotisé", Jaime und Georges Duval: "Coquin de printemps!", Paul Ferrier: "Dix jours aux Pyrénées", Ferrier und Bocage: "La doctoresse", "Flamboyante", Maurice Ordonneau und Valabrègue: "Durand et Durand", "Les petites Godin", Grenet-Dancourt: "Trois femmes pour un mari", "Les maris de Montgiron", abgesehen von den unzähligen Textbüchern für Operetten und Singspiele, welche sich um die Wette in lüsternen Späßen ergehen. Neben dieser seichten Gattung nehmen sich die großen, manchmal ungefügen Volks- und Militärstücke, welche die Schaulust der ungebildeten