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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

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Großbritannien (Geschichte 1889)
Jahrs 1389 und auf den zur Beilegung desselben n: Berlin abgehaltenen Konferenzen nahm England eine zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten vermittelnde.Haltung ein, und die Expedition des Hauptmanns Wißmann nach Ostafrika wurde uon den britischen Behörden wenigstens insoweit begünstigt, daß man seinen Werbungen in Ägypten keinerlei .Hindernisse in den Weg legte. Ganz besonders deutlich aber zeigte sich die Annäherung zwischen G. und Deutschland bei Gelegenheit des Besuchs, den Baiser Wilhelm II. in den ersten Tagen des 'Augusts 1885) in England seiner königlichen Großmutter abstattete.
Man bereitete ihm den glänzendstell Empfang: eine großartige Revue der britischen Flotte fand 5. Äug. zu Spithead statt; zwischen der englischen und deutschen Herrscherfamilie wurden mannigfache Ehrenbezeigungen ausgetauscht, der Kaiser würde zum Admiral der englischen Flotte, die Königin zum Chef eines deutschen Garderegiments ernannt. Aber auch zwischen dem den Kaiser begleitenden Staatssekretär Graf Herbert Bismarck und dem englischen Premierminister Lord Salisbury haben Besprechungen stattgefunden, die, wenn sie auch zu keinen schriftlichen Abmachungen, insbesondere zu keinen: formellen Anschluß Großbritanniens an die Tripelallianz, geführt haben, doch, soviel man aus spätern Erklärungen der englischen Minister schließen darf, wenigstens das festgestellt haben, daß die auf die Erhaltung des europäischen Friedens uud des gegenwärtigen Besitzstandes der Großmächte gerichteten Bestrebungen des Dreibundes sich mit der britischen Politik in gleicher Linie bewegten. Lord Salisbury hat es, während die englischen Radikalen sich Frankreich zuneigen und auch Gladstone bei einem Besuch der Pariser Ausstellung im September 1885) seinen Sympathien für Frankreich deutlichen Ausdruck gegeben hat, seinerseits deutlich genug alsoie Aufgabe der englischen Politik bezeichnet, in erster ^inte für die Aufrechterhaltung des Friedens einzutreten.
Wollte aber G. im Kreis der Friedensmächte eine gewichtige Rolle spielen, so durfte es Opfer nicht scheuen. Seit Jahren waren aus den Kreisen der höhern englischen Land- und Seeoffiziere immer lauter werdende Klagen über den mangelhaften Zustand der britischen Heeres- und Flottenuerhältnisse vernommen worden; die Regierung war entschlossen, wenigstens auf dein Gebiet der Marine eine erhebliche Anstrengung zu machen, um G. durch neue Rüstungen seine Stellung als die erste Seemacht der Erde zu bewahren.
Das war denn auch der wichtigste Gegenstand der Beratungen in der am 21.Febr.1889 eröffneten Session des Parl a m ents; schon dis Thronrede bereitete auf erhebliche Geldanforderungen zu Rüstungszwecken vor. In der Adreßdebatte beantragte diesmal nicht Parnell, sondern Morley das herkömmliche Amendement, welches die irische Politik der Regierung tadelte; dasselbe wurde 1. März mit 335) gegen 260 Stimmen abgelehnt, und die Adresse selbst wurde l». März mit ^7 gegen W Stimmen angenommen.
Schon am folgenden Tag brachte der erste Lord der Admiralität, ^ord George Hamilton, die Marinevorlage ein. Sie nahm die großartigste Vermehrung der englischen Flotte in Aussicht, welche jemals durch eine einzige Maßregel geschaffen worden ist. Im Verlauf von sieben Jahren sollten nicht weniger als 70 neue Kriegsschiffe, tt gepanzerte Schlachtschiffe ersten und 2 zweiten Ranges, 5) Kreuzer erster Klasse und :',3kleinereKrenzer, endlich 18Kanonen- und Torpedoboote >ur .Hälfte auf Regierungs-, zur .Hälfte auf Privatwerften neu erbaut n^r^'n. Das Marineper
sonal sollte sofort um 3000 Mann, N00 Seesoldaten, 1000 Heizer, 900 Matrosen, verstärkt werden; außerdem wurden Ergänzungsarbeiten an zahlreichen ältern Schiffen undden Küstenbefestigungen vorgesehen.
Viel weniger weit ging die einige Tage später eingebrachte Heeresuorlage; sie sah uon jeder radikalen Veränderung der britischen Armeeorganisation ab! uud verlangte nur die Vermehrung der Truppenzahl! um ^i000 Mann und die Kosten für die Einführung! des Magazingewehrs: immerhin betrug auch hierfür! die Mehrforderung an Geld nahezu <V0,0l)0 Pfund! Sterling jährlich, während die Flottenfordecnngi sich auf ^ii Mill. Pfd. Sterl. belief, die auf sieben! Jahre zu verteilen waren. Es war ein Triumph verz Finanzkunst des Schatzkanzlers Göschen, daß er in seinem 15. April vorgelegten Budget so bedeutenden Mehrforderungen ohne Anleihe und ohne fühlbare Steuervermehrung gerecht werden konnte; infolge der günstigen Gestaltung verschiedener Einnahmczweige und der Zinsenersparnis durch die im Vorjahr vorgenommene Konvertierung der Staatsschuld brauchte'er nur eine geringe Veränderung der Biersteuer und eine Erhöhung der Erbschaftssteuer bei Erbschaften über 10,000 Pfd. Sterl. vorzuschlagen, um das Gleichgewicht im Staatshaushalt herzustellen.
Gerade dieser Umstand erleichterte denn auch dic Durchdringung der Rüstungsvorlage im Unterhaus,! obwohl es derselben nicht an Opposition fehlte; siel wurde 30. Mai mit 183 gegen 101 Stimmen in^ dritter Lesung angenommen und ging 31. Mai auch! durch das Oberhaus.
Auch sonst war die Session nicht unfruchtbar. Die Opposition war zwar durch einige Nachwahlen, darunter auch einen Wahlsieg indem früher konservativ ge^ wesenen Londoner Wahlbezirk Kennington, um einige Stimmen stärker geworden, und der wider Erwarten^ radikale Ausfall der am 17. Jan. stattgefundenen Grafschaftswahlen in London, fönst einer Hochburg der konservativen Partei, hatte den Mut der Gladstomaner gestärkt. Aber die konsequente und ernste Beharrlichkeit, mit welcher die Regierung, unbekümmert um die leidenschaftlichsten Angriffe der Opposition in und außer dem Haus, die Gesetze in Irland ausführte, hatte ihr Ansehen gesteigert; der Schlag, den ihr die> Entwickelung des' Parnellprozesses versetzt hatte,^ wurde in etwas wieder ausgeglichen durch den Ab! scheu vor einem politischen Morde, den die Iren in Amerika all einem 1)i-. Eronin verübt hatten, und vor allein das Bundesverhältnis zwischen der konservativen Partei und den liberalen Umomsten, auf dem die gesicherte Mehrheit der Regierung beruhte, gestaltete sich, entgegengesetzten Prophezeiungen zum Trotz, immer fester und' inniger. So gelang es nicht nur, die von den Gegnern eingebrachten Bills zurückzuweisen - so 13. März einen Parnellitischen Gesetzentwurf über die Behandlung politischer Gefangener in Irland, 15. Mai einen Antrag Dillwyns über die Entstaatlichung de-r Kirche in Wales, wo Gladstone^ seit Jahr und Tag eine Art von Homerulebewegung! ins Leben gerufen hatte, 18. Mal einen Antrag La! boucheres auf Abschaffung des Oberhauses u. a. -, sondern auch die wichtigsten der eignen Vorschläge durchzusetzen. Die Reform der Grafschaftsverwaltung! wurde auch auf Schottland ausgedehnt mit einigen! Veränderungen: in die Grafschastsräte sollten hier! auch Frauen gewählt werden können, was in Eng! land nicht möglich war; die Grafschafts-Aldermen sielen fort, die Kompetenzen der Räte wurden noch^ etwas weiter erstreckt; zugleich wurde die Unentgelt, luhkeit des Elementarunterrichts in Schottland an-