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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

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Italien (Geschichte 1887, 1888)
Üen für.di'e auswärtige Politik des Landes zu würdigen. Überdies mußte die Regierung den Kammern, um I. in seiner Wehrkraft den Verbündeten ebenbürtig zu machen, eine Erhöhung der 'Ausgaben für ! das Heerwesen vorschlagen. Für die Umgestaltung ^ der Feldartillerie und einige neue Formationen forderte der Kriegsminister Bertole-Viale 2.Mai15MiIl. Bei der Verhandlung darüber in der Kammer 27. und 28. Mai äußerten einige Deputierte, besonders Bonghi, Bedenken und nannten einen Krieg mit Frankreich einen brudermörderischen, doch wurden die Gelder bewilligt. Ebenso wurde die Errichtung ^ eines besondern Kolonialkorps von 50W Mann genehmigt. Dasselbe wurde sobald wie möglich nach ^ Massaua gesandt, wo die italienischen Streitkräfte nun 24,000 Mann betrugen. Doch vermieden es die Italiener zunächst, angriffsweise dort vorzugehen, ^ obwohl der Negus Johannes jede Genugthuung für ! Dogali verweigerte. !
Der Ministerpräsident Depretis starb 29. Juli' 1887 in Stradella. Das Ministerium reichte seine ^ Entlassung ein, welche der König aber nicht annahm. > Erisp i wurde zum Ministerpräsidenten ernannt und übernahm außer den: Portefeuille des Innern auch das des Auswärtigen. Solange derselbe in der Ov- ^ position gewesen war, hatte er für einen Freund ^ Frankreichs gegolten. Schon daß er der Unterzeich-! nung des Dreibundes zugestimmt, hatte die Radika- ! len arg enttäuscht. Noch höher stieg ihr Ärger, als ^ Crispi Anfang Oktober dem deutschen Reichskanzler i in Friedrichsruh einen Besuch abstattete, um sich mit! ihm über die schwebenden Fragen zu verständigen.! Er erkannte, daß Frankreich nie ein aufrichtiger und uneigennütziger Freund Italiens sein werde; hatte l es diesem doch Tunis vorweggenommen und trat bei jeder Zeit mit schulmeisternder Anmaßung gegen I. auf, das es nicyt als ebenbürtigen Staat, sondern als einen zu ewigem Dank verpflichteten Vasallen betrachtete. Crispi ergriff sofort nach seiner Rückkehr eine Gelegenheit, sich in Turin 25. Okt. über seine! auswärtige Politik auszusprechen. Nachdem er seiner Bewunderung für Bismarck warme Worte geliehen und diesen einen der ältesten Freunde Italiens genannt hatte, äußerte er: »Man sagt, wir hätten in Friedrichsruh uns verschworen. Sage man es immerhin! Mir, dem alten Verschwörer, macht das Wort .Sich verschwören' keine Furcht. Ja, wir haben eine Verschwörung gemacht, eine Verschwörung für den Frieden, und all unsrer Verschwörung können alle teilnehmen, die dieses höchste Gut, den Frieden, lieben.« König Humbert sprach seine Zustimmung zu Cr'ispis Rede telegraphisch aus; auch im Volk fand sie allenthalben lebhaften Widerhall und übte auch eine wohlthätige Wirkung auf die innere politische Lage. In der Session der Kammern, welche 16. Nov.
1887 vom König mit einer Thronrede eröffnet wurde, die bezeichnend darauf hinwies, daß I. keine geringern Ideen verfolgen dürfe als die, durch welche Piemont groß geworden sei, hatte das Ministerium eine starke und sichere Mehrheit, welche eine rasche Erledigung der Geschäfte ermöglichte.
Da das Budget von 1887/88 einen Überschuß von 50 Mill. über "den Voranschlag ergeben hatte, so konnten die erhöhten militärischen Ausgaben aus demselben zunächst bestritten werden. Für die Zukunft indes schlug der Finanzminister Magliani außer der Ausgabe von 70 Mill. Obligationen auch die Erhöhung "einiger Steuern vor, durch welche die Ein-! nahmen um 25 Mill. vermehrt würden. Eine andre Vorlage der Regierung betraf die Errichtung zweier,
neuer Ministerien, eines Schatzministeriums (neben dem der Finanzen) und eines für Posten und Telegraphen; die Generalsekretäre der Ministerien wurden durch Unterstaatssekretäre ersetzt und letztern das Recht zuerkannt, an Stelle der Minister an den Parlamentsverhandlungen teilzunehmen. Diese Vorlage, ferner ein Gesetzentwurf über den Schutz der Baudenkmäler und der Handelsvertrag mit Österreich wurden von den Kammern ohne weiteres angenommen; die gesicherte Stellung der Regierung sprach sich deutlich aus in einer Äußerung Crispis über parlamentarische und konstitutionelle Regierung: er erklärte, er sei ein Gegner der erstern und ein Anhänger der letztern; er wolle nicht, daß man aus dem Parlament einen Tyrannen und aus dem Ministerium einen Sklaven mache. Das Budget wurde erst 1888 zu Ende beraten. Dasselbe schloß mit einem Defizit von 70 Mill., und dies ungünstige Ergebnis erregte natürlich Unzufriedenheit und gab zu manchem Tadel Anlaß. Indes warnte Crispi 4. Febr.
1888 mit Recht vor dem Glauben, daß bei der gegenwärtigen auswärtigen Lage dem Volk Opfer erspart werden könnten; um den Frieden zu erhalten oder nötigen Falls zu erzwingen, müsse I. eine starke Armee und eine starke Marine haben. Die Erhöhung der Getreidezölle, wie überhaupt der neue schutzzöllnerische Generaltarif, wurde darauf angenommen und das Budget 17. Mai genehmigt. Der Handelsvertrag mit Frankreich, der bis 1. März 1888verlängert worden war, ward bis zu diesem Termin nicht erneuert, so daß zwischen I. und Frankreich eine Art Zollkrieg entstand; I. führte gegen Frankreich Unterscheidüngszölle ein. Der Abbruch der Verhandlungen über die Erneuerung des Handelsvertrags hing mit der gereizten Stimmung zwischen beiden Mächten zusammen, welche durch die anmaßende, verhetzende Sprache der französischen Presse verschärft wurde; die Eitelkeit der Franzosen war durch die selbständige Haltung Italiens schwer beleidigt. Geringfügige Zwistigkeiten, wie über die (Heltuna. der Kapitulationen in Massaua, welche Frankreich durch Steuern, die die italienische Behörde ausschrieb, für verletzt erklärte, und über das Aufsichtsrecht über die italienischen Schulen in Tunis, welches der Bei beanspruchte, wurden von der Diplomatie gütlich beigelegt und zwar zum Vorteil Italiens, aber von der Pariser Presse benutzt, um die italienische Regierung mit Schmähungen und Drohungen zu überhäufen, so daß man in I. sogar einen plötzlichen Angriff der französischen Flotte auf die italienischen Häfen besorgte und Sicherheitsvorkehrungen traf.
Unter dem Einfluß der Presse faßte die französische Kammer Beschlüsse in der Zollfrage, welche I. die Annahme des Handelsvertrags unmöglich machten.
Doch rechnete man in Frankreich darauf, daß die Folgen des Abbruchs der Verhandlungen über den Handelsvertrag das ärmere I. mehr schädigen müßten als Frankreich, und meinte, daß die Verluste, die I. bis zu seiner Unterwerfung unter den französischen Willen erleiden müßte, die gerechte Strafe für seine Widerspenstigkeit seien.
Eine andre Schwierigkeit für I. bot die römische Frage. Entgegen der immer wieder auftauchenden Nachricht, daß der Papst Leo X11I., der den kirchlichen Streit mit Preußen beigelegt hatte und jeden Konflikt mit andern Staaten sorgsam mied, sich auch mit I. versöhnen und den bestehenden politischen Zustand anerkennen werde, erfüllte sich nicht. I. wollte und konnte seine Hauptstadt, auch einen Teil davon nicht wieder als souveränen Besitz an den Papst abtreten,