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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

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Russisches Reich - Ruvenzori
schrift: Wage! dem Kühnen hilft Gott« an Boulanger veranlaßt hatte, wurde 1888 zum Geheimen Nat in: Ministerium des Innern ernannt und Ignatjew zum Vorsitzenden der Slawischen Wohlthätigteitskomitees, des Mittelpunktes der panslawistischen Agitation, gewählt. Nach dem Tode Tolstois ging 1889 das Ministerium des Innern auf Durnowo über, welcher in der innern Verwaltung eine neue, von Tolstoi ausgearbeitete Institution, die Landeshauptleute, einführte. Diese erhielten in den Kreisen außer der Verwaltung auch die niedere Zivil- und Kriminalgerichtsbarkeit, ferner namentlich die Oberaufsicht über die bäuerlichen Verhältnisse; sie wurden dem Adel entnommen und sollten wissenschaftliche Vorbildung haben. Die Roheit der russischen Behörden wurde l889 recht deutlich kund durch sichere Nachrichten, welche über unglaubliche gegen politische Gefangene in Sibirien verübte Greuel ins Ausland gelangten; die Unglücklichen, unter ihnen sogar Frauen, waren durch die barbarischen Prügelstrafen teilweise zum freiwilligen.Hungertod getrieben worden. Meistens waren diese Gefangenen sogen, ^administrativ Verschickte <, d. h. ohne Urteil und Recht nur auf Befehl der Verwaltungsbehörde nach Sibirien Verbannte.
Ein Beweis dafür, wie sehr der Zar unter dem Einsluß seiner Umgebung zu dem gegeil alles Ausländische unduldsamen Russentun: hinneigte, lieferte der Ukas vom 18. Juni 1889, welcher bestimmte, daß die Ehe einer männlichen Person des kaiserlichen .Hauses, welche Anrecht auf die Thronfolge haben tonne, mit einer Person andern Bekenntnisses nicht anders zulässig sei als nach Übertritt derselben zum orthodoxen Glauben, während Alexander II. zuerst der Großfürstin Wladimir, einer mecklenburgischen Prinzessin, 1874 gestattet hatte, ihren: lutherischen Glauben treu zu bleiben, und Alexander III. 1886 die Verpflichtung, den russischen Glauben anzunehmen, auf die Gemahlin des Thronfolgers oder des Kaisers beschränkt hatte.
In der auswärtigen Politik hielt Rußland an der Politik der freien Hand fest, rüstete aber weiter, um im geeigneten Augenblick mit einer gewaltigen Heeresmacht für seinen Willen eintreten zu können. Die Gesamtdienstzeit im Heer wurde 1888 von 15» auf ^'F Jahre erhöht, die Dienstpflicht für die Reichswehr bis zum 43. Lebensjahr erstreckt und das jährliche Rekrutenkontingent von 235,000 auf 250,000 Mann vermehrt. Die Zahl der Armeekorps wurde auf 18 gebracht und die Zahl der Truppen in den westlichen Provinzen erheblich verstärkt. Die anscheinend friedfertige Lage bewirkte das Steigen des Rubelkurses, und Frankreich ermöglichte eine neue Anleihe, worauf die Konversion älterer Anleihen behufs Verminderung der Zinsenlast ins Werk gesetzt wurde. Die Finanzen besserten sich, die Einnahmen stiegen erheblich; ein großer Teil der Mehreinkünfte wurde sofort dem Kriegsminister überwiesen. In: Innern Asiens verstärkte sich die russische Macht; im Mai wurde die Eisenbahn bis Samarkand eröffnet.
In Persien und Afghanistan suchte Rußland immer mehr Einfluß zu gewinnen, und Korea wurde durch einen geheimen Vertrag 1888 unter russischen Schutz gestellt. Aber die hauptsächlichste Aufmerksamkeit
wendete Rußland der Balkanhalbinsel zu. Der Verlauf der Dinge in Bulgarien, wo der Fürst Ferdinand, obwohsvon den Mächten nicht anerkannt, seine Herrschaft mehr und mehr befestigte und Ruhe und ördnung herrschten, ärgerte die Russen aufs äußerste und reizte sie 1888 zu dem gänzlich nutzlosen Schritt, durch die Türkei die Entfernung des Fürsten aus Bulgarien erreichen zu wollen. Die russische Regierung gab in Konstantinopel die Erklärung, welche aber nur von Deutschland und Frankreich unterstützt wurde, ab, daß > die Person, welche gegenwärtig den Titel eines Fürsten von Bulgarien'führe, nicht der gesetzliche Regent Bulgariens, sondern nur der Räuber der Gewalt sei<. Indes den Fürsten zur Abreise aus Bulgarien aufzufordern, lehnte die Pforte als nutzlos ab. 1890 suchte Rußland die bulgarische Regie rung dadurch in Verlegenheit zu setzen, daß sie plöhlich die Bezahlung der Bulgarien zur Last fallenden Kriegskosten von'1877/78 forderte; doch war Bul' garien in der Lage, die Summe sofort zu zahlen.
Auch eine neue, von dem russischen Gesandten in Bukarest, Hitrowo, angezettelte Verschwörung ent^ deckte die bulgarische Regierung noch rechtzeitig.
Der Sturz Bratianus in Rumänien und die Bildung eines russenfreundlichen Bojarenministeriums 1889 schien ein Erfolg der russischen Politik zu sein, noch mehr die Abdankung des Königs Milan von Serbien, welcher ein eifriger Anhänger Österreichs gewesen war, und die Verwirrung der Dinge in Serbien, wo die bisher zurückgedrängte großserbische Partei ans Ruder kam und die Dynastie Obrenowitsch ernstlich gefährdet wurde. Die Bildung eines großserbischen Reichs unter dem Fürsten von Montenegro, das auch Bosnien, die Herzegowina und das ungarische Serbien umfassen sollte, wurde für das Ziel der russischen Politik erklärt, und nicht ohne Absicht feierte der Zar den Fürsten von Montenegro in einem Trinkspruch im Mai 1889 als den einzigen aufrichtigen und treuen Freund Rußlands.
Den Besuch des Kaisers Wilhelm II. erwiderte der Zar erst im Oktober 1889 in Berlin, zeigte sich hier aber durchaus friedfertig und wurde von Bismarck überzeugt, daß auch Deutschland nur den Frieden wolle.
Obwohl Alexander III. unzweifelhaft aufrichtig oeu Frieden will, so könnte er doch noch eher als sein Vater 1877 durch das Ränkespiel der russischen Diplomatie auf der Balkanhalbinsel selbst wider Willen zu einem Konflikt mit Österreich und Deutschland getrieben werden. - Zur Litteratur: Brückn er, Beiträge zur Kulturgeschichte Rußlands im 17. Jahrhundert (Leipz. 1887); Dorn et h, Die Russist zierung der Ostseeprovinzen (das. 1887); »Rußland am Scheidewege< (anonym, Berl. 1888); Leroy-Beaulieu, Das Reich des Zaren, Bd. 3, die kirchlichen Verhall' nisse, das Sektenwesen betreffend (deutsch, Sonders!».
1889).
Muvenzori, ein von Stanley bei seinen: Zug zu Emin Pascha Anfang 1888 entdecktes, 1889 teilweise bestiegenes und auf 5W0-5500m Höhe geschätztes, mit Schnee bedecktes Bergmassiv, unter 1" nördl.Br., etwas östlich vom 30." östl. L. v. Gr. Auf seinem Nordostabhang entspringt ein kleiner Fluß, der sich i.'l das Südende des Albert Nyanza ergießt.