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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Armenwesen

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Armenwesen (Statistik, Litteratur).

Die wichtigste Frage, welche die Armenstatistik außer der fundamentalen und so schwierigen nach der Zahl der Armen zu beantworten hat, ist die ebenso schwierig zu stellende wie zu beantwortende nach den Ursachen, welche zur Verarmung geführt haben (Tabelle III). Das Schema, welches die deutsche Reichsstatistik diesbezüglich angenommen hat, ist zwar ziemlich kurz, liefert aber doch höchst charakteristische Ergebnisse. Sie lehrt, daß, wenn man die Ziffern für das ganze Reich beachtet, die Hauptursachen der Verarmung Verwaisung, Verwitwung und Krankheiten nebst Altersschwäche sind; auf alle andern Ursachen entfallen nicht einmal ganz ein Viertel aller Fälle. Wenn es gelingt, mittels der Unfall-, Kranken- und Altersversicherung diesem Hauptstamm der Verarmungsursachen, diesen drei Vierteln aller Fälle beizukommen, dann wird die Armut in dem heutigen Sinne bedeutend zurückgedämmt werden. Ferner wird die Form der Armenpflege eine wesentlich andre werden, indem an Stelle der heutigen Pflegeorgane die Einrichtung des Hilfskassenwesens tritt. Ob dabei die Armut im eigentlichen Sinn, d. h. das Angewiesensein auf das denkbar niedrigste Existenzminimum beim Mangel an selbst unumgänglich notwendigen Gütern, geringer wird, das allerdings hängt von den Leistungen des Hilfskassenwesens ab, und es müßten, um diesen Effekt zu erreichen, die auszuzahlenden Quoten höher sein, als sie es jetzt sind. Auf jeden Fall aber wird eine größere Ordnung in das Gebiet der Armenverwaltung hineingetragen und überdies auch in gewissen Grenzen eine Eindämmung der Verarmung herbeigeführt werden.

III. Die Verarmungsursachen im Deutschen Reich und in den Städten (1885, resp. 1883).

Verarmungsursachen Deutsches Reich (ohne Bayern u. Els.-Lothr.) 77 Städte (nach Böhmert)

Zahl der Unterstützten überhaupt auf jede Ursache entfallen Prozente Auf 1000 Einw. entfallen Ursachen Zahl der Unterstützten überhaupt auf jede Ursache entfallen Prozente und zwar bei den Selbstunterstützten

Eigne Verletzung 29330 2,1 0,7 1948 1,1

Verletzung des Ernährers durch Unfall 2623 0,2 0,1 109 0,0

Tod des Ernährers durch Unfall 11801 0,9 0,3 / 0,0

Tod des Ernährers nicht durch Unfall 239644 17,5 6,0 5337 5,6

Krankheit der Unterstützten nicht durch Unfall 388363 28,4 9,7 75714 45,7

Körperl. od. geistige Gebrechen der Unterstützten nicht durch Unfall 167947 12,3 4,2 7338 5,9

Altersschwäche 204078 14,9 5,1 16956 15,7

Große Kinderzahl 96832 7,1 2,4 25173 5,0

Arbeitslosigkeit 74077 5,4 1,9 30874 12,5

Trunk 28638 2,1 0,7 2611 1,3

Arbeitsscheu 16336 1,2 0,4 1978 1,4

Andre bestimmt angegebene Ursachen 106309 7,8 2,7 11339 5,8

Nicht angegebene Ursachen 1369 0,1 0,3 109 /

Gehen wir auch rücksichtlich der Verarmungsursachen auf den Unterschied von Stadt und Land ein, so sehen wir, daß dieser ebenso charakteristisch wie erheblich ist. In der Stadt ist die Erkrankungsziffer weit größer und die Krankheit weit mehr Verarmungsursache, ebenso wie die Altersschwäche früher eintritt und verderblicher wirkt; alles Folgen der größern Abnutzung und hygienisch ungünstigern Position der Arbeiter in den Städten, endlich aber auch ihrer isoliertern Stellung. Auch die Arbeitslosigkeit tritt weit häufiger auf und ist nicht selten Ursache momentan eintretender Verarmung, und zwar dies um so mehr, je mehr der Arbeitslohn nur ein Fortfristen des Lebens von Tag zu Tag ermöglicht, ohne das Zurücklegen eines Notpfennigs zu gestatten.

IV. Die offene u. geschlossene Pflege im Deutschen Reich 1885 (ohne Bayern und Elsaß-Lothringen).

Gattung der Armenverbände Offene Pflege Geschlossene Pflege

Personen in Tausenden Anteil in Prozenten Personen in Tausenden Anteil in Prozenten

Städtische Gemeinden 626 78,9 167 21,1

Ländliche Gemeinden 332 80,5 81 19,5

Gutsbezirke 50 92,1 4 7,9

Gemischte Bezirke 55 79,6 14 20,4

Ortsarmenverbände zus.: 1063 80,0 266 20,0

Landarmenverbände zus. 16 41,3 22 58,7

Totalsumme: 1079 78,9 288 21,1

Was endlich den Unterschied von offener und geschlossener Pflege anbelangt, so läßt sich sagen, daß im Deutschen Reich etwa ein Fünftel aller verarmten Personen in Anstalten untergebracht werden, während vier Fünftel ihre Versorgung in offener Pflege finden. In dieser letzten Ziffer sind aber auch alle jene zahlreichen Fälle enthalten, in welchen die Beteilung nur einen vorübergehenden Charakter hat. Das Detail ist aus der nebenstehenden Tabelle IV zu entnehmen.

Litteratur. Sammelwerke: Emminghaus, Das A. und die Armengesetzgebung in den europäischen Staaten (Berl. 1870); die bezüglichen Abschnitte in Schönbergs »Handbuch der politischen Ökonomie« und im »Handwörterbuch der Staatswissenschaften« (Jena). Einzelne Länder: »Schriften des deutschen Vereins für Armenpflege u. Wohlthätigkeit«, 1886 ff.; E. Münsterberg, Die deutsche Armengesetzgebung und das Material zu ihrer Reform (in Schmollers »Forschungen«, Leipz. 1887); Rocholl, System des deutschen Armenpflegerechts (Berl. 1873); Böhmert, Das A. in 77 deutschen Städten (Dresd. 1886); Mischler, Die Armenpflege in den österreichischen Städten und ihre Reform (Wien 1890); Derselbe, Das Gablonzer System der Armenpflege (in »Deutsche Worte« 1890); Reitzenstein, Die Armengesetzgebung Frankreichs (Leipz. 1881); Kries, Die englische Armenpflege (Berl. 1863); Aschrott, Das englische A. (in Schmollers »Forschungen«, Leipz. 1885); Niederer, Das A. der Schweiz (Zürich 1870); Tourbié, Dänisches Armenrecht (Berl. 1888). Statistik: Statistik des Deutschen Reichs, Erhebung für 1885, und zahlreiche Erhebungen in den Einzelstaaten. Italien: »Atti della Commissione Reale per l'inchiesta sulle opere pie I-VIII« (Rom 1886-89); »Statistique de la France, etc.« Geschichte: Ratzin-^[folgende Seite]